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Deutschland / Welt Linke entgeht nur knapp dem Zerfall
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Linke entgeht nur knapp dem Zerfall
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07:59 04.06.2012
Foto: Kein Schulterschluss, sondern weiterhin Distanz: Gregor Gysis (links) und Oskar Lafontaine beim Parteitag der Linken.
Kein Schulterschluss, sondern weiterhin Distanz: Gregor Gysis (links) und Oskar Lafontaine beim Parteitag der Linken. Quelle: dpa
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Göttingen

Vertraute Gregor Gysis sagen voraus, dessen Rede werde „richtungsweisend“ sein. Zum ersten Mal überhaupt wolle der Chef der Linken-Bundestagsfraktion, ein alter Hase im Geschäft, einen vorgefertigten Text Wort für Wort ablesen. So bedeutsam sei das, was er zu sagen habe.

Tatsächlich ist die Gysi-Rede in Göttingen in ihrer schonungslosen Art ein herausragendes rhetorisches Ereignis: Er spricht vom „Hass“ zwischen den Vertretern unterschiedlicher Flügel in der Partei, der die Bundestagsfraktion lähme. „Seit Jahren versuche ich, beide zusammenzuführen. Ich befinde mich zwischen zwei Lokomotiven, die aufeinander zurasen. Ich bin es leid.“ Viele in seiner Partei ließen sich nicht von der Sache, sondern von persönlichen Befindlichkeiten leiten. „Das ist ein pathologischer Zustand“, befindet Gysi. Und während seiner nächsten Worte wird es unter den 700 Delegierten und Gästen in der alten Göttinger Lokhalle dann doch recht still. „Entweder es gelingt, eine kooperative Führung der Linken zu wählen. Oder aber, das ist nicht der Fall. Dann ist es vielleicht besser, sich fair zu trennen als weiter unfair im Hass zu agieren.“

Gysi hatte die vergangenen Wochen hinter den Kulissen intensiv eine Verständigung zwischen Dietmar Bartsch, dem Vorsitzenden-Kandidaten der ostdeutschen Reformer, und Oskar Lafontaine, dem Übervater der westdeutschen Klassenkämpfer, herbeizuführen versucht. Nun zeigt er sich enttäuscht. Bartsch habe seine Bereitschaft erklärt, unter einem Vorsitzenden Lafontaine als Bundesgeschäftsführer zu arbeiten. Das sei aber nicht am Ostdeutschen gescheitert. Sogar die Bergpredigt zitiert Gysi, warnt vor Selbstzerstörung der Linken und erinnert an die Worte von Karl Liebknecht: „Trotz alledem“ solle man sich zusammenraufen.

Sehr sorgfältig hat er seine Worte gewählt und dabei ganz fein auch Bartsch und Lafontaine, den beiden Hauptkontrahenten der Partei, Lob gespendet. Der Beifall für Gysi ist stark, aber schon wenige Minuten später wird klar, dass der Hauptadressat die Botschaft nicht aufnimmt – Gysis ausgestreckte Hand wird von dem Saarländer ausgeschlagen.

Nach der Rede Gysis tritt Lafontaine nach vorn, brüllt fast ins Mikrofon, schlägt verbal auf das Finanzkapital und die „Hetzkampagnen der gegnerischen Presse“ ein und signalisiert kein Zugeständnis. Es ist Sonnabendnachmittag, und es wäre nach Gysis Appell jetzt der Moment gewesen, in dem Lafontaine den Ball hätte aufnehmen und sagen können: „Lasst uns noch einmal darüber reden, wie ein Personalpaket geschnürt wird.“

Stattdessen aber erneuert Lafontaine die Vorbehalte gegenüber Bartsch und genießt es, für seine lautstark vorgetragenen Parolen gegen die europäische Finanzpolitik der Bundesregierung kräftigen Beifall zu bekommen – kräftiger noch als der, der vorher Gysi zuteil geworden ist. „Wir haben kein Recht, diese linke Partei zu verspielen“, wiederholt er eine Formulierung Gysis. Es gebe aber keinen Grund, das Wort Spaltung in den Mund zu nehmen. Die Linke habe ein klares Programm, das im Oktober 2011 in Erfurt mit 95-Prozent-Mehrheit angenommen worden war. Auf die unterschiedlichen Befindlichkeiten in Ost und West geht Lafontaine nicht ein. Eine erfolgreiche Partei dürfe nicht durch Streit, Nachtreten und Fingerhakeln auffallen.

Ohne Bartsch zu nennen, donnert Lafontaine, es sei falsch, wenn einer ein Dreivierteljahr vor einem Parteitag seine Kandidatur erkläre. Als Bartsch seine Bewerbungsrede hält, läuft Lafontaine-Anhänger Ulrich Maurer pöbelnd durch den Saal. Auch das ist nur ein weiteres Indiz dafür, wie einig die Truppen im Lafontaine-Lager stehen. Durch solche Auftritte und geschicktes Taktieren gelingt es den Anhängern des Saarländers, Bartsch als Vorsitzenden zu verhindern. Sie nutzen dazu die junge sächsische Bundestagsabgeordnete Katja Kipping, die sich als „strömungsübergreifende“ Kandidatin hatte aufstellen lassen. Eigentlich wollte Kipping eine weibliche Doppelspitze mit Katharina Schwabedissen aus NRW bilden – doch am Ende gibt Schwabedissen auf, und Kipping wird wider Willen zu einer Figur, die eine wichtige strategische Bedeutung für Lafontaines Anhänger erhält.

Zur Wahl der ersten Vorsitzenden muss eine Frau antreten. Es bewirbt sich Kipping aus Sachsen und Dora Heyenn aus Hamburg. Das Lafontaine-Lager schlägt sich auf Kippings Seite, und das berechnend: Wenn eine Ostdeutsche gewinnt, hätte der ebenfalls ostdeutsche Bartsch im nächsten Schritt schlechte Karten. Aus diesem Grund machen sich die Bartsch-Anhänger für die Hamburgerin Heyenn stark. Aber bei der Vorstellung klingt Kipping forsch und zupackend, sie kommt bei den Delegierten gut an. Ob sie eine Kandidatin sei, „um Bartsch zu verhindern“? Nein, sagt Kipping, Jahrgang 1978. In ihrer Generation spiele der Ost-West-Gegensatz keine Rolle mehr, und warum solle neben ihr nicht auch der ostdeutsche Bartsch gewinnen, sagt sie. Das Wahlergebnis ist dann überragend, Kipping siegt mit 67 Prozent. Im Ringen um den Kovorsitzenden stehen sich dann Bartsch und der Baden-Württemberger Bernd Riexinger, ein Gewerkschafter und Lafontaine-Vertrauter, gegenüber. Es ist schon kurz vor 23 Uhr, als das Ergebnis feststeht – 251 Stimmen für Bartsch, 297 für Riexinger. Frenetisch feiert der Lafontaine-Flügel den Gewinner, man stimmt die Internationale an.

Dieser Vorgang lässt Irritationen zurück. Riexinger, der ebenso wie Kipping noch vor zwei Wochen eine Bewerbung für den Parteivorsitz abgelehnt hatte, ist nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb der Linken weithin unbekannt. Er kann als ver.di-Gewerkschafter Klassenkampfparolen verbreiten, brüllt ebenso wie Lafontaine ins Mikrofon und kommt daher bei jenen, die in der Linken vor allem den verlängerten Arm einer Protestbewegung sehen, gut an. Kipping, die vor wenigen Monaten ihre Tochter bekommen hat und deshalb ein Führungsamt in der Partei höchstens als Teilzeitkraft ausüben wollte, gilt allein deshalb schon bei vielen als Leichtgewicht. Lafontaine aber, der Strippenzieher aus dem Saarland, kann gleich über zwei Figuren direkt in den Vorstand hineinregieren – seinen Vertrauten Riexinger und seine Lebensgefährtin Sahra Wagenknecht, die bei der Wahl der Vizevorsitzenden gleich im ersten Anlauf Erfolg hatte.

In der Aussprache vor den Wahlen, als der überragende Sieg des Lafontaine-Lagers noch nicht feststeht, sind es vor allem die Vertreter aus den ostdeutschen Ländern, die ihr Leid beklagen: Da herrsche so viel „Hass, Wut und Unverständnis“ in Teilen der Partei für die Politik, die etwa die Linke in der rot-roten Landesregierung in Brandenburg treibe, beklagt ein Potsdamer und sagt: „Das ist nicht mehr die PDS, in der ich mich früher wohlgefühlt habe.“ Und die Delegierte Rosemarie Hein aus Magdeburg erklärt: „Wir sind doch schon nicht mehr links, wir sind linkisch.“

Klaus Wallbaum und Reinhard Zweigler

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