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Deutschland / Welt Kopten sorgen sich um bevorstehendes Weihnachtsfest
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18:26 04.01.2011
Quelle: dpa (Symbolbild)
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Pater Deuscoros El-Antony ist noch immer fassungslos. „Eine Zehn-Kilogramm-Bombe haben die Täter eingesetzt - das ist entsetzlich“, sagt der 53-Jährige und schüttelt den Kopf. Doch Zeit zum Trauern hat der Priester der koptischen St. Mina- Gemeinde in München derzeit kaum. Nach dem Bombenanschlag auf seine Glaubensbrüder im ägyptischen Alexandria mit mindestens 23 Toten rufen täglich besorgte Gemeindemitglieder an, um sich über die Sicherheit der Kirche in München zu informieren. Denn an diesem Donnerstag (6. Januar) wollen die 75 koptischen Familien in der bayerischen Hauptstadt Weihnachten feiern.

„Eigentlich treffen sich an diesem Tag alle Mitglieder in der Kirche, um nach dem Gottesdienst gemeinsam zu essen, zu trinken und zu feiern“, sagt Pater Deuscoros. Doch in diesem Jahr hat die Gemeinde die Feierlichkeiten abgesagt. Lediglich der Gottesdienst soll wie gewohnt stattfinden. „Wir halten es für besser, wenn die Familien den Abend zu Hause verbringen“. Zum eigenen Schutz und aus Respekt vor den Anschlagsopfern, wie Pater Deuscoros betont. Zwei Familien der Münchner Gemeinde hätten Angehörige in Alexandria, die aber nicht unter den Opfern seien.

Das Grauen des Neujahrsanschlag reicht auch bis in die idyllische St.-Georg-Kirche in Stuttgart, die Hauptkirche der Kopten in Baden- Württemberg. Die Gemeindemitglieder, von denen ebenfalls viele Verwandte in Ägypten haben, einigten sich ebenfalls darauf, nach ihrem Weihnachtsgottesdienst am 7. Januar nicht wie sonst gemeinsam zu feiern. Grund dafür sei aber nicht die Angst vor Anschlägen, sondern vielmehr die Trauer um die Toten von Alexandria, erklärt Gemeindeoberhaupt Johannes Ghali.

„Wir haben am Sonntag in der Predigt über den Anschlag informiert“, sagt Ghali in schwarzer Robe mit silbernem Kreuz um den Hals, während er in einem Nebenraum der Kirche sitzt. „Es gab selten Angst, aber alle wollen wissen, was genau passiert ist“, fasst er die Stimmung seiner Gemeinde zusammen. Beim Blick auf das koptische Weihnachtsfest hat Ghali zwiespältige Gefühle. Die Drohungen im Internet hätten sich schließlich gegen die gesamte koptische Kirche gerichtet. Trotzdem spüre er vor Ort keine große Gefahr. „Unser Beschützer ist Gott.“

Die Polizei hat zwar schon vor Weihnachten angerufen, weil es auch vor dem Anschlag in der Neujahrsnacht bereits Drohungen gegeben hatte. Aber besondere Sicherheitsvorkehrungen gebe es nicht, sagt ein Polizeisprecher. „Wir haben keine konkreten Hinweise für ein Anschlagsziel in Stuttgart.“

Für die Sicherheit der Gemeindemitglieder in München hingegen soll an deren Heiligem Abend die Polizei sorgen. „Unsere Polizei wird verstärkt präsent sein“, kündigt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) an. Pater Deuscoros rechnet damit, dass Polizisten während des Gottesdienstes den Eingang kontrollieren und vor der Kirche die Straße gesperrt wird. „Die Bedrohungslage in Deutschland ist neu für uns“, sagt der Priester aus dem nordägyptischen Assuan.

Dennoch gibt er sich kämpferisch. Das Weihnachtsfest wolle sich die Gemeinde nicht verderben lassen, die Kirchentüren stünden weiterhin für jeden offen. „Wir sind zwar traurig, doch Angst vor Terroristen haben wir nicht“, sagt der Ägypter, der neben den Münchner Kopten auch eine kleine Gemeinde in Nürnberg betreut. Deutschland sei für viele eine zweite Heimat geworden. „Hier sind wir frei.“

dpa