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Deutschland / Welt Kardinal Marx auf schwieriger Mission
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Kardinal Marx auf schwieriger Mission
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11:28 01.06.2012
Von Stefan Koch
Foto: Kardinal Reinhard Marx wirbt in den USA für die Soziale Marktwirtschaft.
Kardinal Reinhard Marx wirbt in den USA für die Soziale Marktwirtschaft. Quelle: dpa
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Washington

Der Mann hat Courage. Ganz gezielt sucht er das kontroverse Gespräch, das Ringen um den richtigen Weg. Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, ist in dieser Woche in Washington und Chicago unterwegs, um für einen Wandel im westlichen Wirtschaftssystem zu streiten. Die gegenwärtige Krise müsse als Chance zur Korrektur verstanden werden, sagt der katholische Geistliche.

In sozialpolitischen Fragen ist Marx eigentlich ein gefragter Mann. Schon vor acht Jahren wählte ihn die Deutsche Bischofskonferenz zum Vorsitzenden ihrer Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen. Sein Buch „Das Kapital. Ein Plädoyer für den Menschen“ ist im deutschsprachigen Raum ein Bestseller. Der streitbare Theologe betont seit Jahren den Wert der Arbeit vor dem Kapital und schreckt auch nicht vor dem Wort „Umverteilung“ zurück. Für den 58-Jährigen hat die katholische Soziallehre einen ganz praktischen Stellenwert.

Rolle des Staats umstritten

Doch bei seiner Studienreise durch Nordamerika erlebt Marx ein unerwartet schwieriges Umfeld: „Die Stimmung ist doch sehr aufgeheizt.“ Die Frage, welche Rolle der Staat bei der Bewältigung der Wirtschaftsturbulenzen zu spielen hat, werde geradezu mit einem Glaubenseifer debattiert. Recht unversöhnlich würden sich die beiden Denkschulen gegenüberstehen. Vor vier Jahren, während der schweren Finanzmarktkrise, habe es in den USA noch einen gewissen Konsens über staatlich finanzierte Hilfsmaßnahmen und Konjunkturprogramme gegeben. Die schlimmsten Folgen für Unternehmen und Arbeitnehmer sollten zumindest etwas abgefedert werden, da die Situation fast mit der „Großen Depression“ in den dreißiger Jahren zu vergleichen gewesen sei. Nun aber seien die alten Auseinandersetzungen um staatliche Eingriffe mit Vehemenz zurückgekehrt.

Zur aufgeheizten Atmosphäre trägt sicherlich auch der Wahlkampf bei. Mitt Romney, voraussichtlicher Präsidentschaftskandidat der Republikaner, setzt regelmäßig die europäischen Wirtschaftsstrukturen mit „Sozialismus“ gleich und behauptet: „Das europäische Modell funktioniert nicht, noch nicht einmal in Europa." Noch weitgehender sind die Forderungen des libertären Republikaners Ron Paul, der einem „Nachtwächter-Staat" das Wort redet. Der 76-Jährige gilt mit seinen Einschätzungen landesweit zwar nicht als mehrheitsfähig, aber er trägt dazu bei, dass sich seine Freunde von der "Grand Old Party" nicht allzu weit von den marktradikalen Positionen entfernen.

Doch Marx, der gern aus Werbezwecken Anspielungen auf seinen berühmten Namensvetter Karl macht, sucht gerade die Auseinandersetzung mit Andersgesinnten und stellte sich daher auch den Wirtschaftswissenschaftlern der Universität von Chicago. Diese „Chicagoer Schule", an der 24 Nobelpreisträger arbeiteten, gilt als Hort der freien Marktwirtschaft. Ohne die Eingriffe des Staates und bei massiver Unterstützung der Bildungslandschaften, so die gängige Lehrmeinung dort, würden sich die Einkommen und Ressourcen auf Dauer gerechter verteilen.

Marx will die Auseinandersetzung

Auch wenn diese Thesen über mehrere Jahrzehnte hinweg ausgefeilt und teilweise massiv verändert wurden, legt es der Erzbischof aus München gerade auf diese Auseinandersetzungen an und fordert eine „Globale soziale Marktwirtschaft“. Dass sich an der Debatte am Donnerstag Abend unter anderem Michel Camdessus, früherer Direktor des Internationalen Währungsfonds, und Wirtschaftsnobelpreisträger Roger Bruce Myerson beteiligten, sieht Marx als „gutes Zeichen“.

Trotz aller transatlantischen Differenzen: Europa und den USA bleibt angesichts der akuten Wirtschaftsprobleme seiner Meinung nach gar nichts anderes übrig, als wieder enger zusammenzurücken. Der Westen müsse zeigen, dass dem gemeinsamen kulturellen Erbe, den Traditionen und dem Wertesystem, auf die sich Europa wie USA berufen, mehr als eine symbolische Bedeutung beigemessen werden kann. Aufgrund der geopolitischen Situation und der Dynamik Asiens biete sich für den Westen nur noch für wenige Jahre die Möglichkeit, entscheidenden Einfluss auf die Ausgestaltung einer globalen Ordnung zu nehmen, so Kardinal Marx: „Eine Vergewisserung über die westlichen Werte ist Voraussetzung, um diese auf globaler Ebene zu verankern.“

Als Theologe weist Marx erwartungsgemäß auf das „religiöse Moment“ bei der Entwicklung des Westens zu Demokratie und Freiheit hin. Seine Arbeit als Seelsorger ist deutlich zu spüren, wenn er in Washington seinen Zuhörern mit Nachdruck sagt: „Die entscheidende Neuerung ist die über die Gerechtigkeit hinausgehende Barmherzigkeit.“ Gerade auch den amerikanischen Managern wolle er daher ins Gewissen reden: Es reiche nicht aus, nur den Jahresgewinn im Auge zu behalten und sich juristisch korrekt zu verhalten. „Es geht darum, mehr zu erreichen", sagt Marx. "Wir müssen versuchen, die Welt besser zu machen.“