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Deutschland / Welt Japans Spiel mit der Zukunft
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08:04 03.08.2019
Stadt in der Stadt: Das neue Nationale Stadion, Tokios Olympiastadion 2020, überstrahlt alles andere. Quelle: Kyodo/dpa
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Tokio

Wer dieser Tage durch die größte Metropole der Welt spaziert, stolpert gleich erst mal über einen fast provinziellen Stolz. Nach Sonnenuntergang strahlt er in den Farben der olympischen Ringe vom Sky Tree, dem mit 634 Metern zweithöchsten Turm des Planeten. Auf Plakaten verewigt hängt er alle paar Meter an Tunnelwänden der Station Shinjuku, des weltweit größten Bahnhofs. Selbst an der Straßenkreuzung von Shibuya, die stärker frequentiert ist als jede andere, sind die hallenden Werbesprüche nicht zu überhören: Nur noch ein Jahr warten, dann beginnen in Tokio die Olympischen Spiele, die größte Sportveranstaltung der Welt.

Glaubt man den Ankündigungen, dann werden in der Stadt der Superlative noch mehr Superlative erreicht. Und unter den Japanern grassiert längst das Olympiafieber: 3,2 Millionen von 7,8 Millionen Tickets sind bereits verkauft, zum größten Teil im Land selbst.

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Aber wenn am 24. Juli 2020 in der japanischen Hauptstadt das olympische Feuer brennt, soll die ganze Welt die futuristischsten Spiele der Geschichte erleben – mit autonomen Taxis, Servicerobotern an den Wettkampfstätten, intelligenter Übersetzungssoftware und Medaillen aus den recycelten Edelmetallen von 6,2 Millionen Handys. Es sollen auch die jungdynamischsten werden: Mit Klettern, Karate, Surfen und Skateboarden kommen gleich vier neue Sportarten ins olympische Programm, die vor allem den globalen Nachwuchs begeistern sollen. Baseball und Softball werden wieder aufgenommen.

Stadt der Ringe: Am Olympiasymbol kommt derzeit kein Japaner vorbei, vor allem nicht im Zentrum Tokios. Quelle: Tomohiro Ohsumi/GETTY IMAGES ASIAPAC

Auf der Zielgeraden mimt der Gastgeber größtmögliche Souveränität. 90 Prozent der Baustellen seien fertiggestellt. Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), schwärmt, er erinnere sich an keine Stadt, die je besser vorbereitet gewesen wäre. „Exzellente Olympische Spiele“ werden erwartet. Alles unter Kon­trolle, so scheint es.

Einen perfekt organisierten Veranstalter hat Olympia aber auch bitter nötig. Das IOC erlegt den Gastgeberorten inzwischen derart harte Bedingungen auf, dass am Ende nur für das Komitee selbst und vielleicht seine Sponsoren ein Gewinngeschäft bleibt, während Steuerzahler auf Kosten in Milliardenhöhe sitzen bleiben.

Tokio – die sicherste Option

Für die 2020er-Spiele erhielt das wirtschaftskräftige Tokio vor allem deshalb den Zuschlag, weil es bei der Vergabe im Herbst 2013 gegen Istanbul und Madrid antrat – in der Nachbarschaft der Türkei wütete der Syrien-Krieg, in Spanien eine Staatsschuldenkrise. So schien Tokio, trotz offener Fragen zur Sicherheit im 250 Kilometer entfernten Fukushima, die sicherste Option.

Ein Jahr vor Beginn des zweiwöchigen Spektakels ist es Masa Takayas oberste Aufgabe, dieses Bild zu wahren. Der Sprecher des Organisationskomitees steht am Fenster eines Hochhauses in Tokios Hafengegend und überblickt die fast fertigen Baustellen des olympischen Viertels.

„Es sollen Spiele für alle werden“, sagt Takaya mit konzentriertem Blick. „Alle sollen profitieren.“ Nur wenn das erreicht sei, könne man von gelungenen Olympischen Spielen sprechen.

Das klingt ehrbar. Aber angesichts der sich häufenden Probleme auch vorgestanzt.

„Es sollen Spiele für alle werden. Alle sollen profitieren“: Masa Tayaka muss als Sprecher des nationalen Olympischen Komitees für gute Laune sorgen. Quelle: Felix Lill

Takaya, drahtiger Hobbytriathlet in weißem Hemd, wirkt distanziert, von seinem Job gezeichnet. Seit Jahren muss er ran, wenn die Presse unangenehme Fragen stellt. Und peinlicherweise gibt es davon in Tokio mittlerweile viele, obwohl die Stadt sich in ihrer Bewerbung als besonders seriös und vertrauenswürdig präsentiert hatte.

So ermittelt die französische Staatsanwaltschaft seit drei Jahren gegen Tsunekazu Takeda, der das Bewerbungsteam anführte. Takeda wird des Stimmenkaufs im Zuge der Vergabe der 2020er-Spiele verdächtigt und blieb trotzdem bis Ende Juni Vorsitzender des Japanischen Olympischen Komitees.

Kann von derart teuren Spielen wirklich jeder profitieren?

Korruptionsvorwürfe sind längst nicht das einzige Problem der Organisatoren. Hinzu kommen überbordende Kosten. Zu Beginn der Planungen waren 6,6 Milliarden US-Dollar veranschlagt, von denen – so betonte man gern – kein Cent zulasten des Steuerzahlers gehen sollte.

Dann kam vor drei Jahren eine von Tokios Bürgermeisterin Yuriko Koike einberufene Expertenkommission zu einer Schätzung von bis zu 30 Milliarden – und die öffentliche Hand würde sehr wohl belastet. Weil Japans Staatsverschuldung schon heute bei mehr als 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegt, müssten sich wohl ganze Generationen an der olympischen Last abarbeiten. Kann von derart teuren Spielen wirklich jeder profitieren?

Das neue japanische Nationalstadion in Tokio. Im Stadion werden die Eröffnungs- und Abschlusszeremonien der Olympischen Sommerspiele 2020 stattfinden. Quelle: -/kyodo/dpa

Im Büroturm über den Baustellen rückt Masa Takaya sein Hemd zurecht und sucht nach Worten. „Viele der Anlagen wurden schon 1964 verwendet und werden nun modernisiert. Nach den damaligen Spielen haben sie bis heute ein halbes Jahrhundert lang die Leben der Menschen bereichert. Und wir sind sicher, dass die Leute, alt wie jung, jetzt wieder den Wert der Olympischen Spiele erkennen werden.“

Zur Kostenfrage sagt Takaya, den Blickkontakt meidend: „Wir denken weiterhin, dass für die Kosten der Spiele kein Steuergeld verwendet wird. Die werden über Sponsoren finanziert.“ Wie das gehen soll? „Für die Erneuerungen der Stadien wird zwar Steuergeld benötigt“, gibt Takaya zu. „Aber solche Arbeiten sehen wir nicht als Kosten, sondern als Investitionen, von denen Tokio noch lange zehren wird.“ Auch wenn es sich dabei um Anlagen für in Japan kaum betriebene Sportarten wie Kanufahren oder Reiten handle, könnten so doch Folgegenerationen inspiriert werden. Dem jetzigen Bauboom werde ein Sportboom folgen.

28 Tage Arbeit ohne Pause

Nur sind, ehe an Sport gedacht werden kann, die olympischen Baustellen selbst voller Hürden. Der Gewerkschaftsbund Bau- und Holzarbeiterinternationale (BWI) veröffentlichte einen erschreckenden Bericht. Demnach müssen Arbeiter bis zu 28 Tage ohne Ruhetag durcharbeiten, die Hälfte von ihnen ohne schriftlichen Vertrag. Sicherheitskleidung müssten einige Arbeiter selbst bezahlen. Zu zwei Todesfällen sei es bereits gekommen. Hätte der Titel des Berichts nicht die japanische Hauptstadt erwähnt, hätte man an Katar denken können, das sich derzeit unter skandalösen Arbeitsbedingungen auf die Fußball-WM 2022 vorbereitet.

Doch auch Tokio hat eine ganze Branche enttäuscht. Im Westen der Stadt kommen an einem Juliabend Bauarbeiter in den Räumen der Gewerkschaft Zenkensoren zusammen, um sich über den Alltag auf den olympischen Baustellen auszutauschen. Die meisten von ihnen sind über 60 Jahre alt. Sie arbeiten noch, weil ihre Rente allein nicht zur Aufrechterhaltung ihres früheren Lebensstandards reicht. Und weil sie angesichts des akuten Arbeitskräftemangels in Japans alternder Gesellschaft gebraucht werden. Doch hier, in einem Großraumbüro mit grellem Licht, grauen Tischen und vielen Akten, wirkt es nicht so, als würden diese Arbeiter sonderlich wertgeschätzt.

TWie ein Krebs am Strand: Das Tatsumi Center in Tokios Bay Zone, wo die Wettkämpfe im Wasserpolo ausgetragen werden. Quelle: Carl Court/GETTY IMAGES ASIAPAC

Ein 62-jähriger Herr mit grauem Bart, der am olympischen Dorf mitbaut, verschränkt die Arme: „Vor fünf Jahren, als die Arbeiten begannen, haben sie uns versprochen, dass es einen Boom geben wird. Aber die Löhne sind immer noch so niedrig wie damals.“ Weil alles schneller gehen müsse als bei anderen Bauprojekten, sei man ständig in Eile. „Wir arbeiten wie am Fließband. Wir können jeden Abend erst nach Hause, wenn alles fertig ist. Selbst wenn es regnet, sollen wir Zement auftragen, obwohl man das eigentlich nicht tun sollte.“

Der 71-Jährige mit Schiefermütze am Tisch gegenüber hat manchmal Angst bei der Arbeit: „An der Anlage für den Segelwettbewerb hat sich letztens eine Sicherheitsstange gelöst und ist aus ein paar Metern Höhe runtergefallen. Wenn ich so etwas den Vorgesetzten berichte, heißt es nur, ich soll weiterarbeiten.“ Wenn die Spiele beginnen, will er nicht zuschauen. „Ich war mal stolz darauf, dass ich an Olympia mitarbeite. Aber jetzt bin ich nur sauer.“

Praxistest: Die Wildwasser-Kanu- Strecke im Kasai-Center an der Tokiobucht ist bereits Anfang Juli eröffnet worden. Quelle: www.imago-images.de

Masa Takaya, der Sprecher des Organisationskomitees, hat zu den Vorwürfen des BWI-Reports gesagt: „Wir haben eine Anfrage an den Gewerkschaftsbund geschickt, um mehr Details zu erfahren.“ Nur habe man bisher keine Antwort erhalten. Munekazu Nara, der Generalsekretär von Zenkensoren ist und auch am Report mitgewirkt hat, sagt dagegen: „Wir haben den Olympiaorganisatoren Ende Mai angeboten, uns gemeinsam an einen Tisch zu setzen. Aber darauf kam bis heute keine Reaktion. Leider sind Gewerkschaften in Japan nicht so einflussreich wie in Europa.“

Senken sich durch die laxe Handhabe der Baustellen wenigstens die Gesamtkosten der Spiele? Shinichi Ueyama ist Professor für öffentliche Verwaltung an der renommierten Keio-Universität und saß der Expertenkommission vor, die die horrende Kostenschätzung aufstellte. Halbwegs zufrieden berichtet er: „Mit unseren Empfehlungen konnten wir das erwartete Budget auf 20 Milliarden US-Dollar reduzieren. Am meisten Einsparungen wurden durch die Verkleinerung der Schwimmhalle und auf den Baustellen erreicht.“

Eldeschrott: Aus 6,2 Millionen Handys wurden 32 Kilogramm Gold, 3,5 Tonnen Silber und 2,2 Tonnen Bronze für 5000 olympische und paralympische Medaillen gewonnen. Quelle: Kyodo/dpa

Wird der Steuerzahler also einigermaßen verschont? Am anderen Ende der Leitung ist ein Lachen zu hören. „Daran glaubt niemand. Die gesamte Finanzierungsverantwortung trägt doch die Metropolregierung.“ Es werden also nicht nur die Stadionbauten an den Bürgern Tokios hängen bleiben, die die Offiziellen als lohnende Investitionen für ihre Stadt bezeichnen. Falls die Organisatoren doch nicht genügend Sponsorengelder einsammeln, um die Betriebskosten von Busshuttles über Strom bis zur Kleidung für die Helfer zu schultern, dann müssen auch dafür am Ende die Steuerzahler geradestehen. Der Professor wagt nicht auszuschließen, dass es dazu kommen wird.

Freut sich Shinichi Ueyama trotz allem auf die Olympia? Einen Moment Schweigen. „Ich schaue schon gern Sport“, sagt er dann. Aber ob eine so gut ausgestattete Weltstadt wie Tokio wirklich diese neuen, teuren Anlagen brauche, da sei er sich nicht so sicher.

Von Felix Lill