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19:16 18.07.2018
„Gentechnik ist zum verkürzten Kampfbegriff geworden“: Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU). Quelle: Foto: Koehler/photothek

Frau Ministerin, rund 80 Prozent der Deutschen lehnen Gentechnik in Lebensmitteln ab. Sie auch?

Generell gilt: Auf den Markt kommt nur, was gesundheitlich unbedenklich ist. Aber Gentechnik ist zum verkürzten Kampfbegriff geworden. Das hilft der Debatte nicht.

Trotzdem bereitet das Thema vielen Menschen Unbehagen.

Weil es zu wenig Transparenz gibt. Der Verbraucher weiß nicht umfassend, ob und was in der Produktionskette verändert wurde. Wir bräuchten eine transparentere Kennzeichnung, die den ganzen Prozess in den Blick nimmt. Aber noch einmal, das sollte man nicht mit der Gesundheitsfrage vermischen.

„Methoden wie Crispr-Cas nicht reflexartig ablehnen“

Mit neuen Verfahren lässt sich das Erbgut so zielgenau verändern, dass es kaum noch von natürlichem zu unterscheiden ist. Sehen Sie diese „Genscheren“ als Gefahr?

Wir sollten neue Methoden wie Crispr-Cas nicht reflexartig ablehnen. Neue Züchtungsmethoden können Chancen bieten: in Regionen, in denen die Böden zu trocken sind, die Ernte gefährdet ist. Dürre-tolerantere Pflanzen können helfen, das Hungerproblem anzugehen. Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht aus einer Luxusposition des Überflusses heraus dem Fortschritt verweigern, der für andere Regionen der Welt lebensrettend sein kann.

Sehen Sie sich als Agrarministerin auch in der Pflicht, über die Grenzen Deutschlands hinaus zu denken?

Selbstverständlich – ein modernes Landwirtschaftsministerium muss etwas tun, beispielsweise gegen Fluchtursachen. Ich war in der Sahel-Zone und kenne die Schwierigkeiten afrikanischer Landwirte. Es fehlt Wissenstransfer.

Bauern helfen, sich selbst zu helfen

Was wollen Sie tun?

Ich werde in meinem Ministerium ein Referat zum Thema Fluchtursachenbekämpfung einrichten. Wir wollen Bauern zum Beispiel in Afrika dabei helfen, sich selbst zu helfen – durch Wissenstransfer.

Muss die Landwirtschaft mehr fürs Klima tun?

Klimaschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Die Landwirtschaft leistet ihren Beitrag, auch wenn das manche nicht wahrhaben wollen. Ich möchte Umwelt und Landwirtschaft miteinander versöhnen. Im Moment wird ja über die künftige Gemeinsame Europäische Agrarpolitik beraten. Zahlungen an die Landwirte werden noch stärker an Umwelt- und Naturschutzleistungen gebunden. Ich nehme wahr: Auch die Bauern wollen eine nachhaltige, umweltschonende Bewirtschaftung. Dabei wird auch die Digitalisierung helfen.

Wie das?

Künftig muss der Traktor zum Beispiel nur einmal übers Feld fahren: Sensoren erkennen, welche Pflanzen Dünger und welche Pflanzenschutzmittel brauchen. Das Ganze ist zentimetergenau. So können Ressourcen eingespart werden.

Wie soll das gehen, wo doch vielerorts der Breitbandanschluss fehlt?

Gerade deshalb brauchen wir im ländlichen Raum eine Versorgungsoffensive. Es gibt noch offene Fragen – etwa bei der Vernetzung von Landmaschinen oder wem welche Daten gehören. Die Welt wartet nicht auf uns. In den abgelegensten Regionen Chinas steuern die Landwirte schon vieles mit dem Handy direkt vom Acker. Ich werde mein Ministerium neu organisieren und stärker auf Digitalisierung fokussieren – zum Beispiel durch Digitalisierungsreferenten in jeder Abteilung und einen Steuerungskreis.

Musterbeispiel für die Produktion von Politikverdrossenheit

Themenwechsel: Wie blicken Sie als CDU-Vize auf den Streit zwischen CDU und CSU zurück?

Dieser Streit ist ein mustergültiges Beispiel für die Produktion von Politikverdrossenheit.

Was hat Sie besonders gestört?

Es ist gut, dass wir um Lösungen ringen. Aber der Bürger muss nachvollziehen können, worum es genau geht. Ab einem gewissen Punkt sind Auseinandersetzungen dieser Art dem Bürger nicht mehr vermittelbar.

Ist im Streit um die Asylpolitik ein Stück Humanität verloren gegangen?

Wenn wir kein von Humanität geprägtes Land wären, wäre Deutschland nicht das Ziel vieler Migranten. Einen Mangel an Humanität kann man Deutschland nun wirklich nicht vorwerfen.

Bedauern Sie es, dass Sie in der Debatte um die Flüchtlingspolitik den Begriff „Asyltourismus“ gebraucht haben?

Wir müssen Dinge zugespitzt benennen dürfen. Sonst dürfen wir uns nicht über den Zuspruch für die AfD beklagen. Wir brauchen keine Sprachpolizisten. Wir müssen heikle Fragen in der Gesellschaft debattieren. Das dürfen wir nicht den Extremisten überlassen. Unser Asylrecht wird an Akzeptanz verlieren, wenn es unterwandert wird. Es wäre fahrlässig, darüber zu schweigen, so wie es fahrlässig wäre, die Erfolge bei der Integration und die beeindruckende Hilfsbereitschaft zu verschweigen.

Von Marina Kormbaki und Gordon Repinski

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