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06:46 09.05.2014
„Wir sind alle Ukrainer“: Normalerweise sind sie verfeindet – jetzt demonstrierten Fans von ost- und westukrainischen Fußballvereinen in Karkow gemeinsam für die Wahrung der nationalen Einheit.
„Wir sind alle Ukrainer“: Normalerweise sind sie verfeindet – jetzt demonstrierten Fans von ost- und westukrainischen Fußballvereinen in Karkow gemeinsam für die Wahrung der nationalen Einheit. Quelle: Olga Ivashchenko
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Kiew

„Uns verbindet die Verachtung für den anderen“, sagt Juri. 24 Jahre ist er alt, studiert in der ukrainischen Hauptstadt Elektrotechnik und definiert sich vor allem als Dynamo-Fan. Das ist bitter in einer Zeit, in der Kiew meist verliert – jedenfalls gegen die Ostukrainer aus Donezk.

In den neunziger Jahren war Dynamo Serienmeister. Nun wird Schachtar beim Saisonfinale am 18. Mai den fünften Meistertitel in Folge feiern. Aber diesmal sagt Juri: „Es gibt Schlimmeres.“ Der Gedanke an eine Niederlage schreckt ihn nicht mehr. Denn die Zeiten in der Ukraine sind nicht normal. Das Land ist so nah am Zerfall, an Bürgerkrieg, an wirklichem, mörderischem Hass.

Ausgerechnet diejenigen, die für ihr lautes Lärmen und für ihre Gewaltbereitschaft berühmt-berüchtigt sind, schlagen plötzlich neue Töne an. Die Hooligans wollen die Nation retten. Die Einheit der Nation.

Geht es nach dem Willen der prorussischen Separatisten, dann werden die Menschen in der Region Donezk am Sonntag ein Referendum über die Abspaltung von der Ukraine abhalten. Stimmung dagegen machen die Schachtar-Fans. Bei allen Rivalitäten mit den Dynamos – sie wollen sich allemal lieber von Kiew als von Moskau regieren lassen. „Die zeigen Mumm“, sagt Juri in Kiew anerkennend und fügt ironisch hinzu: „Irgendetwas Gutes muss es ja haben, dass sie zuletzt immer ukrainischer Meister geworden sind.“

Zum Lachen ist Juri allerdings nicht zumute. „Wer weiß schon, wie es weitergehen soll?“ Der junge Mann ist sich nicht sicher, ob er nach den Sommerferien weiterstudieren kann. Die Krise hat sein Leben aus der Bahn geworfen – auch das des Fußballs. Nach der Annexion der Krim durch Moskau waren zwei Vereine der Schwarzmeer-Halbinsel – Tawrija Simferopol und der FC Sewastopol – plötzlich heimatlos. In Absprache mit dem Weltverband Fifa entschieden schließlich alle Beteiligten, dass die beiden Klubs die Saison in der ukrainischen Liga beenden werden. Und was kommt dann? Wahrscheinlich werden Simferopol und Sewastopol künftig um die russische Meisterschaft spielen.

Die Fans und Spieler von Schachtar Donezk legen wenig wert auf ein ähnliches Szenario. Doch es steht drohend im Raum. Eine Abspaltung der Stadt und ihres Einzugsgebietes von der Ukraine ist nicht ausgeschlossen. Auch wenn das Forschungsinstitut Pew in Washington gestern optimistische Zahlen veröffentlichte: 70 Prozent der Befragten in der stark russisch-geprägten Region hätten sich bei einer Umfrage für die Einheit ausgesprochen, hieß es am Donnerstag.

Doch nach wie vor haben die Separatisten die Macht in Lugansk – genauso wie in Donezk, wie in so vielen Städten entlang der Grenze zu Russland. Angesichts dieser Lage ist es umso erstaunlicher, dass sich die Fans fast aller ukrainischen Vereine zur Einheitsfront zusammengeschlossen haben und sich für die Unverletztlichkeit ihrer Nation in die Bresche werfen. Im Osten wie im Westen. „Wir sind alle Ukrainer“, sagt der frühere Schachtar-Mittelstürmer Viktor Gratschow.

Bereitet ausgerechnet der Fußball das Feld für ein neues Nationalbewusstsein? Ausgeschlossen ist das nicht, aber auch nicht unproblematisch. Schon bei der proeuropäischen Maidan-Revolution kämpften im Winter Ultra-Fans von Schachtar Donezk an der Seite westukrainischer Nationalisten aus Lemberg. Es ist eine durchaus fragwürdige Allianz, die provoziert. Jetzt verleitet der Schulterschluss ehemals rivalisierender Hooligans prorussische Aktivisten im Land zu heftigen Reaktionen.

Am vergangenen Wochenende mündete der Konflikt in Odessa in eine Tragödie. Mindestens 46 Menschen starben bei Straßenschlachten. In der Hafenstadt am Schwarzen Meer hatten sich Ultra-Fans der Heimmannschaft Tschernomorez und ihrer Gegner aus dem ostukrainischen Charkiw verbrüdert. Gemeinsam zogen 1500 Fans bei einer Demonstration für die nationale Einheit durch die Stadt – bis sich ihnen prorussische Randalierer in den Weg stellten und sie – teils mit Waffen – angriffen.

Noch immer ist nicht geklärt, was dann in Odessa genau passierte. Sicher ist: Die nationalistischen Fußballhooligans erwiesen sich als stärker. Ihre Gegner flüchteten in ein Gewerkschaftshaus, in dem schließlich Feuer ausbrach. Dutzende Menschen starben, erstickten, verbrannten, sprangen aus Fenstern in den Tod. Wer den Brand verursachte, ist nicht aufgeklärt. Unstrittig dagegen ist, dass die Ultras nun in dem Ruf stehen, Tote in Kauf zu nehmen.

„Das ist Schwachsinn“, sagt Dynamo-Fan Juri. Er behauptet, „die Russen“ hätten in Odessa „zuerst geschossen“ und schließlich Feuer gelegt – Vermutungen, die nicht bewiesen sind. Juris Thesen belegen aber die klare nationale Ausrichtung der Fans, die sich schon vor zwei Jahren bei der Fußball-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine gezeigt hatte. Ein ganzes Land stand damals hinter seiner Mannschaft.

„Wenn der Ball rollt, kennen wir nicht mehr Osten und Westen“, sagte damals der ukrainische Schriftsteller und bekennende Fußballfan Serhi Zhadan. Bitter für die Patrioten war allerdings, dass die Ukraine in der Vorrunde ausschied – weil der Schiedsrichter fälschlicherweise  ein Tor nicht anerkannte, das die Mannschaft um Fußball-Ikone Andrei Schewtschenko gegen England geschossen hatte.
Betrogen fühlen sich auch jetzt wieder viele Ukrainer. „Wir sind zusammen mit den Donezker Ultras auf den Maidan gegangen, um für unser Land und für ein vernünftiges Leben zu kämpfen“, sagt der Kiewer Dynamo-Fan Juri. „Bekommen haben wir Chaos.“

Ulrich Krökel

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