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Deutschland / Welt Gedenken ohne Zeitzeugen – wie kann die Erinnerung erhalten bleiben?
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18:41 27.01.2019
Gedenken in Buchenwald: 2,5 Millionen Menschen haben 2018 KZ-Gedenkstätten besucht Quelle: Maik Schuck/epd
Berlin,

Mehr als 80 Jahre sind vergangen seit der systematischen Ermordung von Millionen Menschen durch die nationalsozialistische Unrechtsherrschaft. Viele der Zeitzeugen sind bereits verstorben. Längst stellen sich viele Initiativen die Frage, wie man die Erinnerung ohne sie für künftige Generationen lebendig halten kann? Wie funktioniert Erinnerung ohne Zeitzeugen?

Das Berliner Projekt Zeugen der Zeitzeugen und der Düsseldorfer Verein Heimatsucher etwa suchen nach letzten Überlebenden, besuchen sie, dokumentieren alles, auch multimedial – und tragen die Geschichten weiter. „Jeder, der heute einem Zeitzeugen zuhört, wird selbst ein Zeuge werden.“ Nach diesem Grundsatz, der von dem Holocaust-Überlebenden Elie Wiesel stammt, arbeitet der Verein Heimatsucher.

Zeitzeugen wünschen, dass ihre Geschichten weiterleben

29 Holocaust-Überlebende haben sie mithilfe zweier Festangestellter und vieler Ehrenamtlicher bislang porträtiert, sechs Porträts sind derzeit in Arbeit. Es sei ein Kampf gegen die Zeit, sagt Vereinsvorsitzende Katharina Müller-Spirawski, allein im vergangenen Jahr seien vier Personen verstorben. „Aber die Zeitzeugen wünschen sich, dass ihre Geschichten weiterleben“, sagt sie. Dass die Projekte auch nach ihrem Tod weiterlaufen, haben die Beteiligten vorher so verfügt. Ihre persönlichen Besuche in Schulklassen könne künftig niemand ersetzen, „aber wir werden versuchen, ihre Lebensgeschichten so nah und authentisch wie möglich nachzuerzählen“.

2500 Schüler hat der Verein im vergangenen Jahr bundesweit erreicht, von der vierten Klasse bis zur Oberstufe. Das Interesse steige, erklärt Organisatorin Müller-Spirawskiauch weil Lehrer immer öfter mit rechten Ansichten von Schülern konfrontiert würden. „Die bitten uns häufiger um Hilfe.“ Viele seien beeindruckt von den Zeitzeugen, wenn sie dabei sind. „Im Idealfall bringt das Ganze die Kinder zum Nachdenken: Wie kann ich eigentlich selbst etwas zur Erinnerungskultur beitragen?“ Manchmal entstünden Schülerzeitungen, Ausstellungen oder Klassenfahrten zu KZ-Gedenkstätten.

Holocaust-Überlebende berichten als Hologramme

Auch außerhalb Deutschlands suchen Museen und Vereine nach einem angemessenen Umgang mit dem Holocaust-Gedenken ohne Zeitzeugen. Die amerikanische Shoah Foundation der Universität Los Angeles etwa erarbeitet schon seit Jahren Hologramme von Holocaust-Überlebenden. Dafür werden Zeitzeugen bei der Beantwortung Hunderter Fragen zu ihrem Schicksal von bis zu 50 Kameras gefilmt; die Aufnahmen werden dann zu einem zwei- oder dreidimensionalen Hologramm der Person zusammengestellt, das in einen Raum projiziert werden kann.

In Deutschland werden die Hologramme kontrovers diskutiert. Die Angst davor, in wenigen Jahren ohne Zeitzeugen in der Erinnerungskultur auskommen zu müssen, dürfe nicht zu Inszenierungen führen, die eine authentische Begegnung nur vorgaukeln, meint die Kuratorin der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen, Diana Gring. Der Respekt vor dem Leid der Überlebenden gebiete es, mit ihren Erzählungen sensibel umzugehen.

Gedenkstätte Buchenwald lädt AfD-Abgeordnete aus

Mehr als 2,5 Millionen Menschen in Deutschland haben im vergangenen Jahr ehemalige Konzentrationslager besucht. Fast alle Einrichtungen verzeichneten 2018 steigende Besucherzahlen, allein die Gedenkstätte in Dachau zählte rund 900.000 Besucher. Allerdings gibt es immer häufiger Konflikte. Volkhard Knigge, Leiter der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, berichtet von zunehmend rechten Tendenzen bei Besuchern. „Das schlägt sich dann auch nieder: in Gestalt von Störungen von Besucherführungen, durch Irritation von Besuchern mit geschichtsrevisionistischen oder sogar ableugnenden Interventionen“, sagte Knigge dem MDR.

Zur Kranzniederlegung mit Holocaust-Überlebenden zum Gedenken an die NS-Opfer am Freitag hatte die Gedenkstätte die thüringischen AfD-Landtagsabgeordneten ausgeladen. Anfang 2017 hatte die Gedenkstätte bereits dem Thüringer AfD-Fraktionschef Björn Höcke ein Hausverbot erteilt, nachdem der das Holocaust-Mahnmal als „Denkmal der Schande“ bezeichnet hatte. Vertreter der AfD sollten an Gedenkveranstaltungen nicht teilnehmen, „solange sie sich nicht glaubhaft von den antidemokratischen, menschenrechtsfeindlichen und geschichtsrevisionistischen Positionen in ihrer Partei distanzieren“, erklärte Knigge.

Von Julia Rathcke

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