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Deutschland / Welt Gemetzel und Pogrome - Kirgistan droht Zerfall
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19:17 14.06.2010
Bilder der Gewalt aus dem Süden von Kirgistan.
Bilder der Gewalt aus dem Süden von Kirgistan. Quelle: dpa
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Kinderleichen vor abgebrannten usbekischen Häusern und vor Trauer schreiende Mütter - die Bilder des Grauens aus dem Süden von Kirgistan werden immer schrecklicher. Die usbekische Gemeinschaft wirft kirgisischen Brandschatzern und Plünderern vor, allein in Dschalal-Abad 700 Angehörige der Minderheit getötet zu haben. Zwar gibt es dafür bislang keine Beweise. Unabhängige kirgisische Beobachter gehen aber davon aus, dass die Regierung, die offizielle Zahl von mehr als 120 Toten bei den ethnischen Unruhen „schönt“. Der Grund: Zwei Monate nach dem Sturz des autoritären Präsidenten Kurmanbek Bakijew, müsste die Übergangsregierung einräumen, endgültig gescheitert zu sein.

Der kirgisische Verteidigungsminister Ismail Issakow und andere Mitglieder der Interimsführung unter Rosa Otunbajewa setzen alles daran, dass die Unruhen nicht auf andere Landesteile übergreifen. Doch nach Einschätzung von Experten ist das Pulverfass Zentralasien mit jeder Menge radikaler Extremisten längst angezündet. Die Menschen im ruhigen Norden des Landes müssen aus Sicht von Politologen nun Racheakte radikaler islamistischer Usbeken fürchten. „Es droht die absolute Anarchie“, sagte der Zentralasien-Experte Dosym Satpajew.

Damit sich die aufgeheizte Stimmung abkühlt, setzt die kirgisische Führung händeringend auf russische Friedenssoldaten. Schon vor 20 Jahren - im Sommer 1990 - kam es zu massiven Zusammenstößen zwischen Usbeken - die etwa 15 Prozent der Bevölkerung ausmachen - und Kirgisen in der Grenzstadt Osch. Damals noch sowjetische Truppen blieben monatelang dort stationiert, bis die nationalen Emotionen abklangen. Bei dem Streit zwischen Kirgisen und Usbeken geht es um Grund und Boden und um Macht und Einfluss in dem äußerst fruchtbaren Ferganatal.

Während der russische Präsident Dmitri Medwedew noch am Wochenende eine Einmischung in den „inneren Konflikt“ Kirgistans ablehnte, signalisierte er nach wiederholter Bitte einer hilflosen Otunbajewa doch Hilfsbereitschaft. Russland könne nun zeigen, dass sein immer wieder beschworenes Militärbündnis OVKS doch zu etwas Gutem nützlich sei, sagte Satpajew. Andernfalls könne die Organisation auch aufgelöst werden. Doch Russland dürfte vor allem die Angst umtreiben vor einem zweiten Afghanistan mit Drogenschmuggel, mafiösen Strukturen und möglichen Terroranschlägen in der Region.

Die tagelang in Osch festsitzende deutsche Menschenrechtlerin Andrea Berg, die inzwischen in Bischkek ist, sprach von einer „humanitären Katastrophe“ in dem Gebiet an der Grenze zu Usbekistan. „Die Menschen versuchen vor der Gewalt zu fliehen, aber ohne internationale Hilfe geht das nicht, jede Minute gibt es neue Opfer“, sagte die Zentralasienexpertin von der Organisation Human Rights Watch HRW). Es fehle an allem: Essen, Medikamenten, Verbandsmaterial und Blutkonserven. Sie weiß von Zeugenschilderungen, nach denen viele Usbeken an der Flucht gehindert und ihre Frauen vergewaltigt worden seien und in ihren Häusern verbrannten. Viele Menschen seien hinterrücks erschossen worden.

Zwar meldete die Übergangsregierung erste Erfolge bei der Festnahme von Heckenschützen und Provokateuren. Die Menschen in Osch und Umgebung beklagten aber, dass weiter Schüsse zu hören seien und die Lage brandgefährlich sei. Ein hochrangiger Vertreter der usbekischen Minderheit sagte der Agentur Interfax, dass Hunderte Leichen in den Moscheen der Stadt Dschalal-Abad aufgebahrt seien. Aus Angst vor neuen Pogromen und Gemetzeln traue sich keiner, die Toten zu begraben.

Gut zwei Monate nach dem Volksaufstand im Norden von Kirgistan, bei dem der autoritäre Präsident Kurmanbek Bakijew gestürzt wurde, ist die Zukunft in der Ex-Sowjetrepublik mehr als unklar. Eigentlich wollte Otunbajewa bei einer Volksabstimmung am 27. Juni eine neue demokratische Verfassung verabschieden lassen. Nach Einschätzung von Beobachtern ist aber nicht einmal sicher, ob sich die Frau in einer von mafiosen Clans geprägten Gesellschaft durchsetzen kann.

Bakijew warf ihr aus seinem weißrussischen Exil zuletzt Versagen vor, die Menschen zu schützen. Otunbajewas Regierung konterte, dass es ohne Geld und Waffen nie hätte zu dieser Gewalteskalation im Süden kommen können. Die Brandstifter kämen aus Bakijews Familie.

dpa