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Deutschland / Welt Ex-DDR-Häftling Raufeisen: Vom Vater aus dem Westen nach Ostberlin verschleppt
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11:04 25.10.2019
Für Thomas Raufeisen endete seine Zeit in der DDR im Gefängnis. Quelle: RND

Der Tisch steht falsch, das merkt er sofort. Schließlich hat er oft genug so hier gesessen, am Fußende der Pritsche, den Tisch vor sich, zum Frühstück, zum Mittag. Das alles ist fast 40 Jahre her, aber was heißt das schon.

Thomas Raufeisen sieht sich um. Die massive Tür. Das Kontrolllicht darüber, das nachts alle paar Minuten anging. Drei Pritschen. Waschbecken. Klo. „Sonst“, sagt er, „ist alles genauso.“

Mehr als ein Jahr lang, vom 12. September 1981 bis zum 10. November 1982, saß Thomas Raufeisen hier, im Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen. Nur dass er hier nicht Herr Raufeisen hieß, sondern „Häftling 318-1“, weil er, wie alle Gefangenen, seine Identität verlieren sollte, das war Teil des Plans.

Thomas Raufeisen saß mehrere Monate im Gefängnis in Hohenschönhausen.

Von Hohenschönhausen kam er nach Bautzen II, bis zum 11. September 1984. Und wenn er heute in der Zelle in Hohenschönhausen erzählt, warum er drei Jahre in DDR-Gefängnissen saß, dann sagt Thomas Raufeisen: „Ich war hier, weil ich nach Hause wollte.“ Das klingt so absurd und ist doch schon die ganze Wahrheit.

Raufeisen dachte, er wisse alles von seinem Vater

Der Tag, an dem Thomas Raufeisen sein Zuhause verliert, ist der 22. Januar 1979. Bis dahin ist er ein ganz normaler Schüler in Hannover. Er ist 16, seine Eltern wohnen mit ihm im Stadtteil Ahlem. Er hat einen zwei Jahre älteren Bruder, sein Vater ist Geologe bei der Preussag. Seine Großeltern leben auf Usedom. Mehr verbindet ihn mit der DDR nicht. Denkt er jedenfalls. Bis zu diesem Tag.

Skurrile, unbekannte und witzige Fakten aus DDR-Zeiten.

Als er nach der fünften Stunde nach Hause kommt, ist dort vieles anders als sonst. Sein Vater ist da und packt Sachen zusammen. Opa gehe es schlecht, sie müssten sofort nach Usedom, erklärt er seinem Sohn, es sei vielleicht die letzte Chance. Die Erklärung wirkte plausibel, sagt Raufeisen heute. „Wir hatten so etwas befürchtet“. Nur was der Vater alles einpackte, wunderte ihn. Die „Super 8“-Filme von der Familie zum Beispiel. Warum sollten auch die mit?

Hannover könnt ihr höchstens wiedersehen, wenn es sozialistisch geworden ist.

Stasi-Mann zu Raufeisens Familie

Thomas Raufeisen dachte, er wisse alles von seinem Vater. Oder jedenfalls alles Wichtige.

Sie fahren bis zur Raststätte Michendorf bei Berlin. Dort macht er seiner Familie ein Geständnis. Die Geschichte mit Opa stimme nicht. „Ich musste ganz schnell aus Hannover weg“, erklärt er seiner Familie. „Ich war in Gefahr, dort verhaftet zu werden.“ Er habe nämlich für die DDR gearbeitet, als Spion.

Wobei er nicht „Spion“ sagt, sondern „Kundschafter des Friedens“.

Was das bedeutet, erklärt ihnen ein Stasi-Mann: „Hannover könnt ihr höchstens wiedersehen, wenn es sozialistisch geworden ist.“

Der junge Thomas Raufeisen.

„Mein Leben war in diesem Moment zu Ende“, schreibt Raufeisen in seinem Buch „Der Tag, an dem uns Vater erzählte, dass er ein DDR-Spion sei“. „Das Gefühl hatte ich.“

Das Doppelleben von Armin Raufeisen

Die Wahrheit über das Leben seines Vaters hat sich Thomas Raufeisen danach zusammensuchen müssen, aus Gesprächen, später auch aus Akten. Armin Raufeisen stammte aus der DDR, arbeitete bei der Wismut in Sachsen, als ihn die Stasi 1955 anwarb und ein Jahr später in den Westen schickte. „Er war Idealist“, sagt Raufeisen heute, „überzeugt davon, der richtigen Sache zu dienen.“

Doch je länger er im Westen lebte, desto weiter entfernte er sich von der Realität des real existierenden Sozialismus, dessen Kenntnis sich auf die Sommerurlaube auf Usedom beschränkte. Und zugleich verwurzelte er sich mehr und mehr in Hannover, wo seine Söhne aufwuchsen, die mit der DDR rein gar nichts verband.

Thomas Raufeisen rätselt noch heute über das Leben seines Vaters.

Nur seine Frau kommt irgendwann hinter sein Geheimnis. Weil er oft nicht da ist, vermutet sie eine Geliebte – und stellt ihn zur Rede. Die Wahrheit, die er ihr dann erzählt, ist aber um nichts beruhigender. „Meine Mutter hat ihn ermahnt, den Kontakt zur Stasi abzubrechen“, sagt Thomas Raufeisen heute. So einfach sei das nicht, antwortete er nur.

Wie Armin Raufeisen dieses Doppelleben aushielt? Das Wissen, dass seine Spionage auch die Familie gefährdete? Den Widerspruch, dass er die Vorzüge des Lebens in der Bundesrepublik genoss, dass er viel reiste und dass er andererseits gegen diesen Staat arbeitete?

Sein Sohn kann selbst nur mutmaßen. Es habe möglicherweise auch etwas mit Naivität zu tun gehabt, sagt er. „Aber ausgesprochen haben wir uns nie.“ Dazu kam es nicht mehr.

Damals habe ich mir ausgemalt, eine Seilbahn zu bauen, die direkt in den Westen führt.

Thomas Raufeisen

In der DDR durchläuft der Vater eine rasche Phase der Ernüchterung. Er entdeckt seine mühsam zusammengetragenen Dossiers, wie sie ungelesen in einer Schublade des Instituts liegen, in dem er arbeitet. Zugleich sieht er die Verzweiflung seiner Söhne.

Also beschließt Armin Raufeisen, wieder zurückzufliehen – und fährt nach Budapest, zur westdeutschen Botschaft. Doch die Bundesrepublik hat kein Interesse daran, dem früheren DDR-Spion zu helfen. Zurück in Ostberlin trifft er sich mit CIA-Agenten – doch der Kontakt bricht plötzlich ab.

So sitzen sie in Ostberlin wie in einem goldenen Käfig. Mit Versprechungen der Stasi für Studium und Beruf, wenn sie sich auf das Leben in der DDR einlassen. Doch Thomas und sein Bruder rebellieren.

Die Stasi stellt der Familie eine Wohnung in der Leipziger Straße, elfter Stock, genau an der Mauer, mit bestem Blick auf den Westen, gegenüber dem Springer-Hochhaus. „Blanker Zynismus“, sagt Raufeisen heute. „Damals habe ich mir ausgemalt, eine Seilbahn zu bauen, die direkt in den Westen führt.“ Der Westen war so nah wie unerreichbar.

Mauerfall: Für diese Menschen hat sich einiges geändert

Tragisches Ende im Gefängniskrankenhaus

Als die Eltern an die Ostsee fahren, um eine Flucht über die Lübecker Bucht vorzubereiten, schlägt die Stasi zu. Vater, Mutter und Thomas Raufeisen werden verhaftet. Einzig der ältere Bruder hatte zuvor ausreisen dürfen.

Seine Mutter wird zu sieben Jahren Haft verurteilt. Sie muss die volle Zeit absitzen. Der Vater erhält lebenslänglich. Er stirbt 1987 nach einer Gallenoperation im Gefängniskrankenhaus von Leipzig, offiziell an einer Lungenembolie. Doch den Verdacht, dass die Akten über diesen Fall etwas verschweigen, hegt Thomas Raufeisen bis heute.

Die DDR lässt ihn nach der Haft 1984 ausreisen. Doch auch in Hannover spürt er Distanz. Er holt sein Abitur nach, studiert Vermessungstechnik. Doch den linken Kommilitonen ist er mit seinen vernichtenden Ansichten über die DDR verdächtig. Seine Versuche, seine Eltern aus der DDR-Haft freikaufen zu lassen, enden mit dem Schulterzucken bundesdeutscher Beamter.

Heute erzählt Raufeisen Besuchern des Gefängnisses von seinen Erfahrungen.

Heute führt Thomas Raufeisen Besucher durch die Gedenkstätte in Hohenschönhausen, durch die Zellen, in denen er selbst saß, und spricht vor Schulklassen. Doch seine Geschichte, die er dort erzählt, handelt nicht nur vom schreienden Unrecht auf der einen Seite, sondern auch von der Enttäuschung über die andere.

Von einem jungen Mann, der sich am Ende auch von der eigenen Heimat im Stich gelassen fühlte. Dass die Bundesrepublik ihm und seiner Familie, deren Bürger sie doch waren, seinerzeit nicht geholfen hat: „Auch das war ein Skandal“, sagt Thomas Raufeisen heute.

30 Jahre Mauerfall: "Das ist unser Traum von Deutschland"

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Vor 30 Jahren fiel die Mauer. Das Jahr 1989 gehört zu den bewegendsten in der deutschen Geschichte. Das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) hat mit Zeitzeugen gesprochen, prominenten und nicht prominenten. Was sie zu erzählen haben, lesen Sie in der Serie „Mein Traum von Deutschland“. Jeden Tag erscheint eine neue Geschichte. Die Serie läuft bis zum Tag des Mauerfalls am 9. November.

Von Thorsten Fuchs/RND

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