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Deutschland / Welt Ein Sechser im Lotto für das Boulevardblatt
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Ein Sechser im Lotto für das Boulevardblatt
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08:19 06.01.2012
Von Imre Grimm
Was muss passiert sein in diesem Land, damit die „Bild“-Zeitung für ein paar Tage als Leitstern der Pressefreiheit und Gralshüterin von Anstand und Sitten im Beziehungsgeflecht zwischen Presse und Politik gilt?
Was muss passiert sein in diesem Land, damit die „Bild“-Zeitung für ein paar Tage als Leitstern der Pressefreiheit und Gralshüterin von Anstand und Sitten im Beziehungsgeflecht zwischen Presse und Politik gilt? Quelle: dpa
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Ein Tonband wird zum Politikum, ein Boulevardblatt straft einen waidwunden einstigen Partner eiskalt mit Liebesentzug, ein Land diskutiert die Naivität seines Präsidenten. Es geht nicht um Zinsen und Kredite, um verbale Taschenspielertricks vor dem niedersächsischen Landtag oder gar um die späte Rache linksliberaler Medien, die sich Joachim Gauck als Präsidenten gewünscht hatten. Im Fall Wulff geht es auch nicht um mieses Krisenmanagement oder die Pressefreiheit oder die Gemengelage im politisch-medialen Komplex der Bundespolitik.

Es geht um zwei Partner, die aus purem Egoismus eine Interessengemeinschaft bildeten, bis einer von beiden die Scheidung einreichte: Auf der einen Seite steht „Deutschlands beliebtester Landespolitiker“ („Bild“, 6. Juni 2006), den es wegdrängte vom Image des ewigen Verlierers, der grauen Maus aus Osnabrück; der Mann, der nach oben wollte und sich dafür mit seiner tätowierten Neugattin in putzigen Homestorys bereitwillig als „schönste Liebes-Koalition des Abends“ („Bild“, 22. Juli 2006) feiern ließ. Auf der anderen Seite steht ein Blatt, das Wulff jahrelang als nett und locker bis hin zur Frisur verkauft hatte („die Haare frech und modern mit Gel nach oben gezupft“), in Wahrheit aber Liebe und Hiebe nach Gutdünken verteilt und ausschließlich seiner eigenen Agenda folgt. Beide eint ein seltenes Talent zur Verklärung der sie umgebenden Wirklichkeit.

Woran ist nun das Verhältnis zwischen „Bild“ und Wulff zerbrochen? Der Grund ist schlicht: „Bild“ hat den Pakt einseitig aufgekündigt, weil der Redaktion ein publizistischer Hauptgewinn ins Haus flatterte: Der Mailbox-Aussetzer des Präsidenten ist für Boulevardjournalisten wie ein Sechser im Lotto. Der Fall Wulff bietet „Bild“ einen willkommenen Anlass, sich wieder einmal selbst als unbestechlich zu feiern, als unabhängig von politischen Einflüsterungen von links oder rechts. Als unkorrumpierbare, objektive Instanz, die selbst einen Bundespräsidenten hart in die Zange zu nehmen imstande ist, wenn Grundrechte in Gefahr sind.

Es bestätigt alle Klischees von der Chuzpe des gegelten „Bild-“Chefredakteurs Kai Diekmann, wenn er in einem offenen Brief auch noch höflich – aber vergeblich – das Einverständnis des Präsidenten zur Veröffentlichung des Mailbox-Mittschnitts einzuholen bemüht ist – wohl wissend, dass Wulff dabei nur verlieren kann, so oder so. Diekmann liebt diese Rolle als nationaler Player, als Machtfaktor, auch wenn er sein Blatt gern verniedlichend einen „Dorfbrunnen“ nennt. Man wird im Berliner Springer-Hochhaus feixend zur Kenntnis nehmen, wie sich nicht wenige Leser und manche Kollegen in diesen Tagen mit „Bild“ als „Opfer“ antidemokratischer Manipulationsversuche solidarisieren.

Im Fall Wulff spielte Diekmann den Ball über Bande: Der Skandal um den Anruf des Präsidenten sickerte über den Umweg von „Frankfurter Allgemeiner Sonntagszeitung“ und „Süddeutscher Zeitung“ ins öffentliche Bewusstsein. Kein Zweifel herrscht daran, dass das nicht gegen Diekmanns Willen geschah. Die Strategie ist klar: Er nimmt „Bild“ zunächst aus der Schusslinie, ein direkter Vertrauensbruch ist ihm nicht nachzuweisen, über Weihnachten herrscht dann Feuerpause – und im neuen Jahr dreht man den Vorgang dann genüsslich weiter, ohne selbst Stellung zu beziehen., Aus sicherer Distanz, mit auffällig emotionslosen Überschriften („Wulff stellt sich! Aber reicht das wirklich?“) wartet das Blatt einfach ab und betrachtet die Selbstdemontage des Herrn Wulff mit einer gewissen Eisigkeit. Lass die anderen mal machen.

Springer-Chef Mathias Döpfner hat das „Bild“-Prinzip einst in einem berühmt gewordenen Zitat beschrieben: „Größer als die Schlagzeilen der ,Bild‘-Zeitung ist gelegentlich nur die Heuchelei mancher Prominenter, wenn sie sich als Opfer stilisieren“, sagte er 2006 in einem „Spiegel“-Gespräch mit Günter Grass und Manfred Bissinger. „Aber wer mit dem Privatleben Wahlkampf macht, der muss auch damit leben, dass die Boulevardpresse da ist, wenn der Haussegen schief hängt.“ Die Entscheidung liege „bei einem selbst“, behauptet Döpfner. Und entledigt sich damit achselzuckend jeglicher Verantwortung.

Jahrelang malte das Blatt mit breitem Pinsel das Bild des netten Herrn Wulff – und fragte gar besorgt: „Regierungschef, Vater, Geliebter und Noch-Ehemann – wie kriegt Christian Wulff das bloß so prima hin?“ (30. Januar 2007). Ob in Politik, Unterhaltung oder Sport – die „Bild“-Zeitung der Diekmann-Ära funktioniert nach dem Prinzip solcher Wechselbeziehungen. Nur: Die Symbiose ist zeitlich befristet. Medienfreunde sind auch nicht besser als Parteifreunde. Der ohnehin nur gefühlte Vertrag mit einem Prominenten wird aufgekündigt, sobald das Blatt von einem Skandal mehr profitiert als vom Kuschelkurs. Das kann man bigott nennen. Ein erfahrener Politiker aber, der sich auf dieses Spiel einlässt und dabei auf ewige Treue setzt, ist schlicht ahnungslos. „Wahrscheinlich war sich Wulff dessen zu sicher, dass er da mal seine alten Buddys anruft, und dann spuren die“, sagt Friedrich Küppersbusch, langjähriger Produzent der Talkshow „Maischberger“. „Off the records, hinter den Bühnen, passiert das jeden Tag 20-mal.“

Da wirkte es fast wie der Versuch, vom Rummelplatz des Boulevards wieder in den Schoß der Öffentlich-Rechtlichen zurückzukehren, dass Wulff seinen Bußgang exklusiv für ARD und ZDF inszenierte. Da saß er vor Ulrich Deppendorf und Bettina Schausten und 11,5 Millionen Zuschauern und sah nicht gut aus. Doch auch für ARD und ZDF war das 25-minütige Interview keine Sternstunde. Ratlos wirkten alle drei. Am Ende blieb Schaustens unschuldiger Hinweis hängen, man könne Freunden, bei denen man übernachtet, doch 150 Euro zustecken. Sie jedenfalls tue das.

Im Fall Wulff wirkt der Absturz so heftig, weil er von weit oben kommt, aus den Sphären seines Selbstbildes. Es ist ja keineswegs so, dass Wulffs gedankenlose Drohung der erste Versuch eines Politikers war, Einfluss auf Berichterstattung zu nehmen. Eine ganze Branche lebt davon, Medienstorys den richtigen „Spin“ zu geben, Journalisten mit Exklusivität indirekt für ihr Wohlwollen zu entlohnen, mediale Loyalität durch Nähe zu erkaufen. Und gelegentlich greift der Chef dann auch mal selbst zum Hörer.

Der frühere „Bild“-Chefredakteur Udo Röbel erinnert sich an einen „Nachmittag im Jahr 2000, als mich plötzlich Altkanzler Helmut Kohl anrief und mich als ,Schweinejournalisten‘ und die ,Bild‘-Zeitung als ,Drecksblatt‘ beschimpfte“. Röbels Berliner Lokalredaktion hatte darüber berichtet, dass Kohl (seit Kurzem nur noch einfacher Abgeordneter) eine neue Wohnung bezogen hatte.

Es wird nicht mehr aufzuklären sein, wer die Grenze zwischen Privatem und Politischem als Erster verwischte: die Politik, die die Sympathiewirkung von Familienbildern und Geschichten über gespendete Nieren erkannte. Oder die Medien, die zunehmend der Auffassung sind, wer vor Jahren mal eine Homestory zuließ, der muss auch damit leben, wenn sein schwieriges Verhältnis zu seiner Halbschwester oder eine zerbrochene Liebe öffentlich zelebriert werden.

Wenn dem Fall Christian Wulff überhaupt etwas Positives abzuringen ist, dann ist es die Tatsache, dass er ein Schlaglicht wirft auf die Tücken des Systems, auf die Verlockungen der medialen Gegenwart. Und auf die charakterlichen Voraussetzungen, die ein Politiker mitbringen müsste, um genau diesen Verlockungen zu widerstehen.

Am 12. Februar 2011 erschien in „Bild“ eine Fernsehkritik des ZDF-Zweiteilers „Schicksalsjahre“. Geschrieben von – Bundespräsident Christian Wulff. Titel: „Warum ich diesen Film uns Deutschen ans Herz lege“.

Am Tag der Filmpremiere hatten zwei Millionen Menschen in Ägypten gegen Präsident Hosni Mubarak demonstriert. Die Welt hielt den Atem an. Christian Wulff saß laut „Zeit“ im Astor-Kino am Berliner Ku’damm. Er sah nicht ein einziges Mal auf sein Handy.