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Deutschland / Welt Ecuador: Zu Besuch in einem Land am Abgrund
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Ecuador: Zu Besuch in einem Land am Abgrund
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21:49 12.10.2019
Ausschreitungen in Guayaquil, Ecuador. Quelle: imago images/Agencia EFE
Guayaquil

Vor der Brücke, die Duran mit Guayaquil verbindet, hat sich die Staatsmacht aufgestellt: Auf beiden Seiten des zehnspurigen Bauwerks stehen die Sicherheitskräfte in Reih und Glied. Gepanzert, bewaffnet und mit entschlossenem Blick: „Willkommen in Duran“ ist auf einem großen Schild hinter ihnen zu lesen. Doch willkommen sind die indigenen Demonstranten nicht, die aus den umliegenden Städten und Gemeinden erst in die zweitgrößte ecuadorianische Stadt einzogen und sie in dieser Woche für einen Tag lahmlegten. Damit sich das nicht wiederholt, haben Lkw mit großen Felsbrocken auf der Ladefläche vor einer anderen Brücke über den Rio Guayas Position bezogen. Zur Not können damit die „Demokratie verteidigt“ und die Stadt abgeriegelt werden, so sieht es zumindest die lokale Bürgermeisterin Cynthia Viteri.

Auch in Duran sind die Menschen wütend. In der Vorstadt wohnen viele, die vom Mindestlohn leben. Für sie hat die Streichung der Subventionen von Benzin und Diesel verheerende Konsequenzen. Nicht nur die Tickets für die Busfahrt in die Stadt werden teurer, denn die Preiserhöhung legt die ecuadorianische Wirtschaft auf die Produkte um. Alles, was transportiert werden muss, alles, was irgendwie mit Benzin und Diesel zusammenhängt, wird teurer. Von Ecuadors Präsident Lenin Moreno fühlt sich die arme Bevölkerung verraten. „Weltbank raus“ haben Demonstranten auf einige Häuserwände gesprüht. Eine Parole, die auch in Guayaquils Innenstadt oft zu lesen ist.

Frust an der Bushaltestelle: Weil die Preise steigen, sind die Menschen wütend. Quelle: Tobias Käufer

Eine Schneise der Verwüstung

Die Weltbank hat einen katastrophalen Ruf in Ecuador, sie gilt als Instrument neoliberaler Kräfte. Für die, die ganz unten in der Einkommenshierarchie stehen, ist es nur schwer nachvollziehbar, dass sie die Zeche für eine verfehlte Wirtschaftspolitik der letzten fünf, zehn Jahre zahlen sollen. An einer Bushaltestelle in Duran ist der Ärger greifbar: „Manchmal wissen die Politiker doch gar nicht, was ihre Entscheidungen für uns bedeuten“, sagt Fernado (51), der gerade aus dem Bus steigt. „Das Land steht am Abgrund, die Leute sind wütend.“ Mehr will er zu dem Thema nicht sagen. Stattdessen blickt er in dem kleinen Café auf den alten Röhrenbildschirm, um die neuesten Entwicklungen zu verfolgen.

Gegenüber haben einige gewalttätige Demonstranten unter dem großen, überwiegend friedlichen Strom der Demonstranten eine Schneise der Verwüstung angerichtet. Ein Geldautomat ist komplett zerstört, ein Lebensmittelmarkt verwüstet, ein Batterieladen auseinandergenommen. So sehr die Menschen hier die Proteste verstehen, diese Gewaltorgien sorgen eher für Ablehnung. Da die Polizei mitunter brutal zurückschlägt und es sogar Tote gibt, wächst die Wut auf die Staatsmacht noch weiter.

Sicherheitskräfte bewachen nach Verwüstungen den Ortseingang von Duran. Quelle: Tobias Käufer

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Aus politischen Weggefährten werden Intimfeinde

Im Fernseher ist Jaime Vargas zu sehen, das Sprachrohr des Indigenen-Dachverbandes Conaie und damit der vielleicht mächtigste Mann des Landes. Zumindest, solange der Streik läuft und er mit seinen wütenden Völkern die Politik vor sich hertreiben kann. Wenn er zum Mikrofon greift, hören alle zu. Präsident Lenin sowieso, aber auch dessen Intimfeind Rafael Correa – in seiner Luxuswohnung in Belgien, wohin sich der Linkspopulist inzwischen zurückgezogen hat.

Einerseits, weil seine Frau von dort stammt, andererseits aber auch, weil ihm Korruptionsjäger bedrohlich nahe gekommen sind. Correa ist inzwischen einer der schärfsten Kritiker Morenos. Beide waren mal linke politische Weggefährten, doch seit Moreno das Land von links außen in die Mitte und noch ein bisschen weiter nach rechts geführt hat, hält ihn Correa für einen Verräter. Vor allem aber, weil Moreno per Verfassungsreferendum ein politisches Comeback Correas ausgeschlossen hat und die Korruptionsermittlungen gegen ihn nicht stoppte. De facto ist Correas politische Karriere damit beendet. Doch der Ex-Präsident (2007 bis 2017) strotzt noch vor Kraft, er ist mit 56 Jahren zu jung für den Ruhestand, zumal er Ecuador als ein politisches Privateigentum begreift. Nun wittert er seine Chance.

Ecuador muss sich auf eine lange Krise einstellen und vielleicht auf noch mehr Gewalt.

Vargas, der Mann, der die indigenen Massen lenkt, weiß, dass von ihm vieles, vielleicht sogar alles abhängt. Und deshalb wählt er seine Worte mit Bedacht. Er distanziert sich von beiden Lagern: „Nein zu Moreno, Nein zu Correa“, sagt Vargas. In den Publikationen des Verbandes beziehen die Indigenen auch stets die „Vorgängerregierung“, also die Correas, mit ein. Correa musste mitansehen, wie einer seiner prominenten Unterstützer von den Indigenen mit Holzlatten in die Flucht geschlagen wurde. Die Eingeborenen warfen ihm vor, die Proteste zu infiltrieren.

„Weltbank raus“ steht auf dieser Wand in Guayaquil. Quelle: Tobias Käufer

In Quito, der Hauptstadt, ist die Lage besonders aufgeheizt. Ein Journalist wurde von Demonstranten mit Steinen beworfen und schwer verletzt. Correa, der über seinen Twitter-Kanal (3,5 Millionen) im Stile des amerikanischen Präsidenten Donald Trump offen gegen ihm missliebige Journalisten hetzt, entdeckt plötzlich sein Mitgefühl. Er merkt, dass ihm die Sache entgleitet. Moreno ist ebenfalls in der Defensive: Weil die Sicherheitskräfte bisweilen brutal vorgehen, nennen ihn die Indigenen inzwischen kriminell. Schwer vorstellbar, dass unter solchen Umständen eine schnelle Einigung möglich wird. Vargas hat die Messlatte für den Präsidenten hoch gehängt. Der Streik wird so lange anhalten, bis die Weltbank aus dem Land verschwunden ist. Und mit ihr die unliebsamen Sparmaßnahmen und auch Morenos Autorität als Präsident. Ecuador muss sich auf eine lange Krise einstellen und vielleicht auf noch mehr Gewalt.

RND

Von Tobias Käufer/RND

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