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Deutschland / Welt EU verbietet Tierversuche bei Kosmetikprodukten
Nachrichten Politik Deutschland / Welt EU verbietet Tierversuche bei Kosmetikprodukten
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22:31 11.03.2013
Unnötiges Tierleid: Neben Mäusen sind es vor allem Kaninchen, an denen häufig die Verträglichkeit von Kosmetika getestet wird – dabei ist die Aussagekraft der Befunde mehr als fraglich.
Unnötiges Tierleid: Neben Mäusen sind es vor allem Kaninchen, an denen häufig die Verträglichkeit von Kosmetika getestet wird – dabei ist die Aussagekraft der Befunde mehr als fraglich. Quelle: dpa
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Brüssel

Der Griff zum Rasierwasser, Lippenstift oder zur Anti-Aging-Creme ist seit Montag ohne schlechtes Gewissen möglich. 30 Jahre haben Tierversuchsgegner für diesen 11. März 2013 gekämpft: Denn gestern trat in der EU ein Verkaufsverbot in Kraft, über das alle glücklich sind. Ab sofort dürfen keine Kosmetika oder Pflegemittel mehr verkauft werden, die zuvor an Tieren getestet wurden. Gesundheitskommissar Tonio Borg sagte in Brüssel, das „Inkrafttreten des vollständigen Vermarktungsverbotes ist ein wichtiges Zeichen für den Stellenwert, den Europa dem Tierschutz beimisst“.

Zwar hatte die Union schon 2004 ein teilweises Verbot erlassen. Seither durften fertige Lotionen, Sprays und Deos schon nicht mehr an Versuchstieren getestet werden. 2009 wurde das Verbot auch auf weitere Inhaltsstoffe ausgeweitet. Doch die bis zum gestrigen Montag bestehenden Ausnahmen hatten es in sich. So waren Tierversuche auch weiterhin erlaubt, um besonders schwerwiegende Nebenwirkungen auszuschließen. Dazu zählen die Beeinträchtigung der Fortpflanzungsfähigkeit, eine höhere Empfindlichkeit der Haut oder Schädigungen bei längerer Anwendung. Mit dramatischen Folgen für die Tiere: Allein 2011 stieg in Deutschland die Zahl der bei Versuchen eingesetzten Ratten, Mäuse, Fische und Kaninchen um 1,9 Prozent auf 2,9 Millionen. Und gleich reihenweise wanderten betroffene Unternehmen wie L’Oréal, Procter & Gamble und andere mit ihren Labors nach China und Indien aus, um ihre Versuchsreihen dort fortzusetzen.

Nur langsam setzten sich auch andere Testmethoden durch, die Brüssel mit fast 240 Millionen Euro zwischen 2007 und 2011 förderte. Forscher fanden dabei heraus, dass Versuche an humanem Spendergewebe nicht nur ohne Leiden für Vierbeiner möglich waren – die Ergebnisse konnten auch mehr überzeugen. Statt beispielsweise zu bewerten, wie schädlich ein chemischer Stoff für die Hornhaut eines Kaninchens ist, können die Hersteller heute die gleiche Substanz auf menschlichem Gewebe auftragen, das man zuvor im Labor gezüchtet hat. Folge: Die Analysen fallen selbst nach Angaben der zunächst kritischen Industrie weitaus präziser aus.

An dieser Verbesserung der Testmethoden waren Tierversuchsgegner aktiv beteiligt. Als beispielsweise die Organisation PETA erfuhr, dass China von den Kosmetikherstellern verlangte, für Tests an Tieren zu bezahlen, ehe die Produkte im Reich der Mitte vertrieben werden durften, reisten Wissenschaftler des führenden US-Institutes für In-vitro-Forschung nach Peking, um dort Facharbeiter und Behörden bei Fragen zur Forschung außerhalb von lebenden Organismen zu beraten. Inzwischen hat die chinesische Verwaltung angekündigt, ebenfalls in absehbarer Zeit ein Tierversuchsverbot zu erlassen.

Auf Produkte, die bereits im Handel sind, hat die Gesetzesänderung keine Auswirkung: Möglicherweise an Tieren getestete und bereits zugelassene Kosmetika würden nicht aus den Regalen verschwinden, sagte gestern eine Sprecherin der Kommission. Für die Zukunft gelte allerdings für die Produkte das strikte Versuchsverbot der EU.

Das Aus für die Schönheit zulasten der Tiere begrüßte gestern die deutsche Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU): „Das ist ein wichtiger Schritt für den Tierschutz, dafür haben wir lange gekämpft.“ Und erst recht freute man sich beim Tierschutzbund: „Wir finden es toll, dass das EU-weite Verbot von Tierversuchen für Kosmetika endgültig in Kraft getreten ist“, sagte Kristina Wagner vom Deutschen Tierschutzbund. Nun bleibe abzuwarten, wie es umgesetzt werde.

Erwartbar kritisch nahm dagegen die Kosmetikbranche die Gesetzesänderung aus Brüssel auf: „Die EU setzt die Innovationsfähigkeit der Branche aufs Spiel, wenn sie zu diesem Zeitpunkt ein Verbot ausspricht“, erklärte Bertil Heerink, Vorsitzender des Verbandes Cosmetic Europe. Die Regelung widerspreche damit dem Wunsch der EU, durch Forschung und Entwicklung Wachstum zu schaffen.

Dennoch sind noch längst nicht alle Tiere von ihrem Leiden erlöst. Denn die jetzt geltende Regelung betrifft nur solche Substanzen, die unter die „Kosmetik-Richtlinie“ der EU fallen. Allerdings nutzen die Hersteller auch Chemikalien, die nicht zuerst für kosmetische, sondern industrielle Zwecke entwickelt und erprobt wurden. Für diese gilt aber weiterhin das EU-Chemikalienrecht. Die einschlägige Reach-Richtlinie enthält zwar auch eine Bestimmung, die auf einen Stopp von Tierversuchen hinarbeitet. Solange diese aber nicht ersetzt werden können, bleiben sie erlaubt. Somit dürften europäische Pflegecremes, Parfums oder Lotionen, die Bestandteile aus der industriellen Forschung enthalten, auch künftig nicht wirklich „tierversuchsfrei“ sein. Noch nicht.  

 Detlef Drews (mit: dpa)