Menü
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg
Anmelden
Deutschland / Welt „Schön, dass jetzt vielleicht auch der Letzte aufgewacht ist“
Nachrichten Politik Deutschland / Welt „Schön, dass jetzt vielleicht auch der Letzte aufgewacht ist“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
05:00 25.06.2019
Horst und Birgit Lohmeyer. Quelle: Christian Schmettow
Jamel

Birgit Lohmeyer ist nicht besonders alarmiert. Wenn man die 60-Jährige fragt, ob sie die Folgen des offenbar rechtsextremistischen Mordes an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) spürt, dann antwortet sie: „Bei uns ist noch nichts angekommen – glücklicher Weise. Das Letzte war im Frühjahr der zusammen getretene Gartenzaun. Aber das ist schwerlich vergleichbar.“

Selbstverständlich ist diese Gelassenheit nicht. Denn die Schriftstellerin lebt mit ihrem Mann, dem Musiker Horst Lohmeyer, in dem Dorf Jamel bei Wismar und ist dort von Rechtsextremisten umzingelt. Für das widerständige Aushalten an diesem Ort ist das Paar mehrmals geehrt worden, unter anderem mit dem Paul-Spiegel-Preis des Zentralrats der Juden in Deutschland. In Jamel ist kein Kommunalpolitiker von Rechtsextremisten ermordet worden. Stattdessen sitzt jetzt mit Swen Krüger der führende Rechtsextremist des Ortes im Dorfparlament.

Gleichwohl hat die politische Gewalt zuletzt bundesweit zugenommen. Man sieht dies an den Zahlen ebenso wie an den vielen einzelnen Schicksalen.

Lesen Sie hier, was der ehemalige CDU-Generalsekretär Peter Tauber zum Mordfall Lübcke sagte

43 Gewaltdelikte 2018

Die Zahlen sagen laut Bundeskriminalamt (BKA), dass 2018 insgesamt 1256 Straftaten gegen Amts- und Mandatsträger gemeldet wurden, darunter 43 Gewaltdelikte. Zur Kategorie „Amts- und Mandatsträger“ zählen nicht nur Politiker, sondern etwa auch Richter und Staatsanwälte. Der Rechtsextremismusexperte Robert Lüdecke von der Amadeu Antonio Stiftung sagte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), dass es seit 2015, dem Beginn der „Flüchtlingskrise“, einen deutlichen Anstieg von Bedrohungen gegen Politiker gebe – und diese aus allen politischen Spektren kämen.

Das wiederum lässt sich an zahlreichen Beispielen ablesen.

Zahllose Beispiele

Im Oktober 2015 wurde die parteilose Kölner Oberbürgermeisterkandidatin Henriette Reker Opfer eines Messerangriffs durch einen Rechtsextremisten. Sie überlebte knapp und wurde am Tag nach der Tat zur Oberbürgermeisterin gewählt.

Im September 2016 wurde der Bürgermeister von Oersdorf in Schleswig-Holstein, Joachim Kebschull, unmittelbar vor einer Sitzung des Bauausschusses mit einem Knüppel von hinten auf den Kopf geschlagen. Ein Jahr später trat er aus gesundheitlichen Gründen zurück.

Im November 2017 traf es den Bürgermeister von Altena, Andreas Hollstein (CDU). Er wurde in einem Imbiss von einem Mann mit einem Messer angegriffen und am Hals verletzt. Hollstein amtiert immer noch.

Im März 2018 schlug ein Mann der Frankfurter Politikerin Jutta Ditfurth (Ökolinx) während einer Zugfahrt mit einer Metallstange zweimal auf den Kopf. Ditfurth erlitt eine Gehirnerschütterung.

Im Mai 2018 erwischte es den parteilosen Martin Horn kurz nach seiner Wahl zum Oberbürgermeister von Freiburg. Der Täter schlug Horn ins Gesicht. Das hatte Folgen: eine gebrochene Nase, zwei kleine Stiche und einen abgebrochenen Zahn.

Im Januar 2019 wurde der Bremer AfD-Bundestagsabgeordnete Frank Magnitz von einem Vermummten von hinten zu Boden geworfen. Durch den Schlag und den Sturz zog er sich schwere Verletzungen zu. Im Mai wurde in Bremen eine AfD-Politikerin beim Kleben von Wahlplakaten attackiert. Ebenfalls im Mai wurde Reinhard Hirche (AfD) nach eigenen Angaben in Hannover mit einem Stein beworfen. Der hannoversche AfD-Ratsherr wurde leicht verletzt.

Im April 2019 traf es schließlich den parteilosen Ortsbürgermeister der Ortschaft Körbelitz in Sachsen-Anhalt, Eckhardt Brandt. Ein Angreifer schlug ihm mit einer Stabtaschenlampe auf den Kopf. Die Verletzungen waren lebensgefährlich.

„Ein Mensch wie wir alle“

Birgit Lohmeyer, die Schriftstellerin aus Jamel, sieht denn auch nach dem Mord an Walter Lübcke keine neue Qualität der Gewalt. „Das war ein Mensch wie wir alle, der auf der richtigen Seite der Gesellschaft stand“, sagte sie dem RND. Er sei kein besserer Mensch als all die anderen rund 170 Opfer des Rechtsextremismus seit 1990. „Es ist vielmehr ganz lange nicht gesehen worden, dass Nazis ihre Ideologie mit Gewalt vertreten und Menschenleben dafür aufs Spiel setzen“, so Lohmeyer. „Schön, dass jetzt vielleicht auch der Letzte aufgewacht ist.“

Von Markus Decker/Jördis Früchtenicht/RND

Bauernverbandspräsident Joachim Rukwied warnt vor Illusionen im Falle einer Aufhebung der Russland-Sanktionen. Der EU rät der Agrarfunktionär dringend ab von einer Marktöffnung für Fleisch aus Südamerika. Außerdem bereitet ihm das Wetter Sorgen.

25.06.2019

Im Mordfall Lübcke soll sich der Tatverdächtige doch nicht auf einem Neonazi-Treffen in Sachsen vor drei Monaten aufgehalten haben. Laut Behörden habe es sich um eine Verwechselung gehandelt.

24.06.2019

Was der SPD vor allem fehlt, sind Führungsfiguren mit positiver, kompetenter Ausstrahlung. Es ist deshalb gut, das die Partei bei ihrer Suche nach einer neuen Spitze vom „Prinzip Wanderpokal“ ablassen will, kommentiert Tobias Peter.

24.06.2019