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Deutschland / Welt Die SPD und der Schein des Weisen
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16:16 05.12.2011
Altkanzler Helmut Schmidt hat auf dem SPD-Parteitag vor einem Scheitern der EU gewarnt.
Altkanzler Helmut Schmidt hat auf dem SPD-Parteitag vor einem Scheitern der EU gewarnt. Quelle: dpa
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Berlin

Zwei ehemalige sozialdemokratische Bundeskanzler haben am Sonntag den Auftakt des Berliner Parteitages der SPD bestimmt. Der eine ist darum gebeten worden, der andere nicht.

Helmut Schmidt, der einen Tag vor Heiligabend 93 Jahre alt wird, hielt eine mehr als einstündige Rede, ohne zu rauchen übrigens, und wurde mit Beifall und Bewunderung überschüttet. Gerhard Schröder, eine Generation jünger, wandte sich indes mittels eines mehrseitigen Interviews in der „Welt am Sonntag“ an die Delegierten. Von den Zeitungen waren in der Veranstaltungshalle genügend vorrätig. Man las Schröder und staunte.

Nicht, weil der jüngere der Altkanzler an die Nachgeborenen Ratschläge in der Steuerdebatte erteilte, da kannte man seine Einstellung bereits. Sondern weil er sich auf ein Beraterduell mit dem so viel Älteren einließ, das er nicht gewinnen konnte. Und weil er sich am Ende eine Hochstapelei leistete, die nur allzu wohlfeil entlarvt werden konnte. Es sei doch klar, wer aus der aktuellen Troika Sigmar Gabriel, Peer Steinbrück und Frank-Walter Steinmeier Kanzlerkandidat werden würde, verblüffte der Energie-Manager mit seinen Insiderwissen die infrage Kommenden selbst. Er werde natürlich einen Teufel tun, den Namen zu verraten, schob Schröder nach. Das wiederum war noch das Gescheiteste an diesem „Ich-weiß-was“-Getue, weil nämlich niemand etwas kennen kann, was es nicht gibt.

Ansonsten aber musste keiner mehr ein Wort verlieren über den Nachnachfolger Helmut Schmidts, denn man hatte ja Helmut Schmidt selbst. Der nennt sich zu Beginn seiner Rede wie stets kokett einen uralten Mann und dann zweimal auch einen alten Sozi. Schon zuvor, als Parteichef Gabriel in Hamburg vorgefühlt hatte, ob Schmidt vielleicht reden wolle, hatte der so reagiert: Als alter Sozi könne er diesen Wunsch nicht abschlagen.

Man darf sich vorstellen, was ein heutiger Sozi tief im Innern fühlt, wenn jener Mann so etwas sagt, den sie für den weisesten Politiker Deutschlands halten. In Berlin fällt Schmidt zum Thema noch ein, dass er auf den Tag genau vor 65 Jahren mit seiner Frau Loki auf dem Boden kniend Einladungsplakate für die SPD Hamburg-Neugraben gemalt habe.

Was folgt, ist eine Geschichtsstunde, einmal im wörtlichen Sinne und zugleich als geschichtliche Mahnung. Tief im Mittelalter, bei den Kreuzzügen setzt er an, nur um den Umstand zu veranschaulichen, dass nicht alle Nachbarn wohlwollend auf Deutschland schauen. Vielmehr sei es doch so, dass ein „latenter Argwohn gegen Deutschland besteht“. Dieser Argwohn habe auch 1950 den Beginn der europäischen Integration begründet. Also müsse man warnen vor deutschen Alleingängen in Europa: „Die sehr große und sehr leistungsfähige Bundesrepublik Deutschland braucht auch zum Schutze vor sich selbst die Einbettung in die europäische Integration.“

In der gegenwärtigen Finanz- und Währungskrise sei Deutschland zur Solidarität mit den europäischen Partnern verpflichtet: „Unsere deutsche Hilfsbereitschaft ist unerlässlich.“ Deutschland habe die große Wiederaufbauleistung der vergangenen 60 Jahre nicht nur aus eigener Kraft zustande gebracht. „Wir Deutsche haben durchaus Grund zur Dankbarkeit und zugleich haben wir die Pflicht, uns der empfangenen Solidarität würdig zu erweisen durch unsere eigene Solidarität mit unseren Nachbarn.“

In der Euro-Krise seien neuerdings wieder Zweifel hinsichtlich der Stetigkeit der deutschen Politik aufgetaucht: „Das Vertrauen in die Verlässlichkeit der deutschen Politik ist beschädigt. Deutschland löst Unbehagen aus, neuerdings auch politische Besorgnis.“ Die Zweifel und Besorgnisse beruhten auch auf „außenpolitischen Fehlern“, zupft Schmidt den Außenminister an den Ohren und rüffelt gleich noch Volker Kauder, den Fraktionsvorsitzenden der CDU/CSU, wegen seiner Bemerkung, in Europa werde wieder Deutsch gesprochen mit dem Verdikt: „schädliche deutschnationale Kraftmeierei“.

Der Zusammenhalt Europas sei auch angesichts der enormen Veränderungen in der Weltbevölkerung unerlässlich, mahnt der Altkanzler, „Alle europäischen Nationen überaltern und schrumpfen, der Rest der Welt explodiert“, sagt er. „Wenn wir die Hoffnung haben wollen, dass wir Europäer eine Bedeutung haben für die Welt, dann können wir das nur gemeinsam.“ Die europäische Gemeinschaft werde zu einer Lebensnotwendigkeit für die Nationalstaaten des Kontinents.

Für die Überwindung der derzeitigen Krise seien mehrere Schritte und auch Geduld nötig. „Wir brauchen für diese Verantwortung europäische Vernunft, auch ein mitfühlendes Herz gegenüber unseren Nachbarn und Partnern, und das gilt ganz besonders für Griechenland“, sagt Schmidt unter dem immer wieder aufbrausenden Beifall der Delegierten. Europa könne nicht allein durch Haushaltseinsparungen oder Steuererhöhungen gesund werden. „Ohne Wachstum, ohne neue Arbeitsplätze kann kein Staat seinen Haushalt sanieren“, erklärt der einstige Weltökonom. In seiner Eigenschaft als „alter Sozi“ wiederum vergisst er nicht, zugleich konsequente Schritte zur Regulierung der Finanzmärkte zu fordern. Das Europäische Parlament müsse sich mal durchringen in diesem Sinne zu handeln. Das trägt er so schneidig vor, wie einst der legendäre Schmidt-Schnauze.

Das Beraterduell der Altkanzler entscheidet ...

... der Ältere im Stil von Schmidt-Schnauze

sus/dsc

Artikel aktualisiert