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Deutschland / Welt Die Läden öffnen – aber nur einen Spalt breit
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Die Läden öffnen – aber nur einen Spalt breit
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17:10 24.07.2009
Einkaufszentren Sonntagsarbeit Ladenöffnungszeiten Sarkozy Paris
In einigen Großstädten - wie hier in Paris - können die Franzosen künftig auch sonntags einkaufen. Quelle: Christophe Simon/afp
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Anfang Juni noch hatte es eines Anrufs des französischen Staatschefs Nicolas Sarkozy bedurft, damit ein paar Boutiquen am Tag des Herrn für den prominenten Gast die Rollläden hochzogen. Doch nun ist die von Sarkozy 2007 angekündigte Ausweitung der Sonntagsarbeit und der Ladenöffnungszeiten beschlossene Sache: Die Nationalversammlung hat die Reform Mitte Juli abgesegnet, der Senat dürfte sich dem Votum anschließen.

Wobei das vermutlich nicht an die große Glocke gehängt wird. Aus Sicht der Befürworter der Reform, nimmt sich der Fortschritt nämlich bescheiden aus. Zähneknirschend mussten Sarkozy und seine Getreuen mit ansehen, wie Kommunisten, Sozialisten, Gewerkschafter, Bischöfe und einige Dutzend abtrünnige Parlamentarier der regierenden Präsidenten-Partei UMP im Kampf gegen die Entweihung des Sonntags gemeinsame Sachen machten und das Reformvorhaben in den vergangenen Monaten Stück für Stück ausbeinten. Das Ergebnis sieht danach aus. Geblieben ist ein unansehnlicher Rest.

Künftig dürfen demnach in den drei Metropolen Paris, Marseille und Lille insgesamt etwa 20 Einkaufszentren sonntags ihre Tore öffnen. Die restlichen Großstädte des Landes wie Lyon oder Bordeaux sind von der Neuerung ausgenommen. Ausgeweitet wird die Zulässigkeit der Sonntagsarbeit außerdem in touristisch stark frequentierten Gegenden, was insofern keine großen Umwälzungen bringt, als sich viele Geschäfte dort längst über die gesetzlichen Ladenöffnungszeiten hinwegsetzen – mit Duldung der Behörden.

Wie stark der Zustrom der Touristen sein muss, damit die Ladentüren künftig legal geöffnet sein dürfen, hat der Gesetzgeber offen gelassen. Je nachdem, welchen Maßstab man anlegt, tun sich entweder in 6000 oder aber nur 500 Gemeinden neue Einkaufsmöglichkeiten auf. Im Übrigen bleibt alles beim Alten. Es gilt der Grundsatz, wonach Geschäfte maximal an fünf Sonntagen im Jahr öffnen dürfen – Sonntagsruhe ist die Regel, Sonntagsarbeit die Ausnahme.

„Wer mehr arbeiten will, um mehr Geld zu verdienen, soll dies auch tun dürfen.“ Darum war es einmal gegangen. Mit diesem Motto hatte Sarkozy für eine Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten geworben. Künftig werden nun etwas mehr Franzosen als bisher am Sonntag arbeiten. Und ob sie mehr verdienen, ist fraglich. In Feriengebieten jedenfalls muss der Arbeitgeber der Neuregelung zufolge keinen Feiertagszuschlag zahlen.

Niemand spricht auch mehr davon, dass die Reform Arbeitsplätze schaffe. Hatten die Befürworter Ende vergangenen Jahres noch 20. 000 bis 30.000 neue Jobs versprochen, preisen sie heute allenfalls noch den Erhalt von 5000 bis 10. 000 Stellen.

Aber auch die Gegner der Sonntagsarbeit, die das Reformvorhaben bis zur Unkenntlichkeit abgeschliffen haben, zeigen sich enttäuscht. Für sie geht es ums Prinzip, wonach der Sonntag der Familie gehört und nicht dem Arbeitgeber. „In allen Ländern der Welt richten sich die Ruhepausen nach religiösen Feiertagen“, sagt Bernard Thibault, Generalsekretär der CGT, der größten Gewerkschaft des Landes. Dieser Grundsatz sei nun durchlöchert.

Jean-Marc Ayrault, der Fraktionsvorsitzende der Sozialisten, beklagt, die Reformer hätten „die Büchse der Pandora geöffnet“. Andere Genossen sprechen von einem Dammbruch oder einem sich im Wirtschaftsgewebe ausbreitenden, hässlichen Ölfleck.

Umfragen haben den Frust in beiden Lagern noch erhöht. Nach Auskunft der Meinungsforscher fordern die Franzosen das Unmögliche. Die Mehrheit will sonntags einkaufen gehen können, ist aber zugleich strikt gegen Sonntagsarbeit.

von Axel Veiel