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Deutschland / Welt Deutschland wappnet sich gegen Bombenattentate von Islamisten
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21:22 17.11.2010
Von Reinhard Urschel
Bundespolizisten mit Maschinenpistolen stehen am Flughafen Köln/Bonn.
Bundespolizisten mit Maschinenpistolen stehen am Flughafen Köln/Bonn. Quelle: Rainer Droese
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Am kommenden Montag, dem Tag nach Totensonntag, werden auf den schönsten Plätzen in ganz Deutschland und Europa die Weihnachtsmärkte öffnen. Womöglich noch vor Ende November, hat Bundesinnenminister Thomas de Maizière gestern in Berlin gewarnt, und fast alle seine Kollegen in den Bundesländern haben sich seinen mahnenden Worten angeschlossen, könnte es in Deutschland zu einem folgenschweren Anschlag kommen. Es mag Zufall sein, aber auffällig ist es schon. Vor zehn Jahren ist ein von Deutschland aus geplanter Anschlag auf den Weihnachtsmarkt vor dem Straßburger Münster erst in letzter Minute vereitelt worden.

Die verhinderten Täter, die 2003 in Frankfurt am Main zu Haftstrafen zwischen zehn und zwölf Jahren verurteilt worden sind, gehörten der islamistischen Szene an, und sie machten keinen Hehl daraus, dass sie die Europäer ins Herz treffen wollten vor Weihnachten, dem Hochfest der Christenheit – aus ihrer Sicht dem Fest der Ungläubigen. In seinem Plädoyer am Ende des Prozesses beschrieb der Oberstaatsanwalt eine Schreckensvision. „Ein Blutbad, abgerissene Gliedmaßen, schreiende Menschen waren Teil ihres Kalküls“, hielt Volker Brinkmann den vier angeklagten Islamisten vor. „Die damit einhergehende Dimension der Menschenverachtung und Gefühllosigkeit ist abgrundtief.“

Die vier Männer waren an Weihnachten 2000 in Frankfurt festgenommen worden. Mit dem geplanten Attentat hatten sie Frankreich für seine Unterstützung des algerischen Regimes bestrafen wollen. Sie verteidigten sich mit dem Argument, sie hätten in Straßburg „nur“ die große Synagoge in die Luft jagen wollen. Ohne Todesopfer, nach dem Ende des Sabbatgebetes. Die Staatsanwälte verwiesen in ihrem Plädoyer aber auf Gutachten des Bundeskriminalamts. Danach taugten die bei den Algeriern gefundenen, bundesweit in Apotheken zusammengekauften Chemikalien kaum für einen Anschlag auf einen massiven Betonbau wie die 1955 errichtete Synagoge, wohl aber für eine hohe Zahl von menschlichen Opfern.

Die Polizei hatte 29 Kilogramm Kaliumpermanganat entdeckt, dazu Aluminiumpulver, Batteriesäure, Aceton, Kabel, Drähte, Batterien, Wecker und weiteres Material. Alles Dinge, die in Apotheken oder Baumärkten angeboten werden. Der zusammengemixte Sprengstoff sollte laut Staatsanwaltschaft in einen großen Kochtopf gesteckt, einem Glühweinkübel ähnlich, dieser auf dem Weihnachtsmarkt abgestellt und „funkferngesteuert zur Explosion gebracht werden“. Ein Video, das zwei der Angeklagten bei einer Erkundungsfahrt durch die elsässische und europäische Metropole gedreht hatten, verschaffte einen Einblick in die Gedankenwelt der Täter: „Da sind die Feinde Gottes, sie werden in der Hölle schmoren“, hatte einer der Täter ins Mikrofon gesprochen, und: „Das ist das Herz Straßburgs, das ist die Kirche der Feinde Gottes.“ Auch das Wissen um dieses Denken erklärt womöglich, weshalb nun wieder die Vorweihnachtszeit von bösen Ahnungen überschattet ist.

So deutlich wie am Mittwoch hatte sich Thomas de Maizière noch nie geäußert während seiner Amtszeit. Bislang sprach der CDU-Politiker wiederholt von einer „abstrakten Terrorgefahr“ für die Deutschen im In- und Ausland. Doch nun gibt es nach seinen Worten konkrete Hinweise. „Wir haben Ermittlungsansätze und Spuren“, sagt er. Ausdrückliche Warnungen seien angebracht, für Hysterie gebe es aber keinen Anlass. Lange Zeit hatte sich de Maizière mit Terrorwarnungen zurückgehalten. Er warnte stattdessen vor Panikmache und ließ vor einigen Wochen durchklingen, dass die USA nach seinem Empfinden zu lauthals vor Anschlägen in Europa warnten. Anfang November hatten sowohl die amerikanischen als auch die australische und einige asiatische Regierungen Europareisende vor erhöhten Risiken gewarnt.

Die Konservativen in seiner Partei und im Staat zeigten indes wenig Verständnis für die nach ihrer Auffassung allzu laxe Haltung de Maizières gegenüber der islamistischen Gefahr. Aber auch SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann warf de Maizière kürzlich vor, „sorglos mit der Bedrohung durch den Terror“ umzugehen. Nach den knapp vereitelten Paketbomben-Attacken per Luftfracht vollzog der Innenminister eine Kehrtwende und bat die Bevölkerung um Mithilfe bei der Fahndung. Er begründete den Kurswechsel mit der veränderten Lage – die sich nun offensichtlich noch einmal zugespitzt hat.

Welche konkreten Erkenntnisse die Sicherheitsbehörden besitzen, darüber will sich de Maizière öffentlich nicht äußern. Seine Begründung dafür ist so nichtssagend wie wahr: Er wolle die laufenden Ermittlungen nicht gefährden. Offenbar haben die deutschen Sicherheitsbehörden neue Hinweise aus den USA erhalten, wonach zwei bis vier Al-Qaida-Terroristen unterwegs sind, um in Deutschland und Großbritannien Anschläge zu verüben. Die befreundeten Geheimdienste hätten vor einer knappen Woche als Datum für die mögliche Ankunft der Terroristen in Deutschland den 22. November genannt, hieß es in Sicherheitskreisen. Die Hinweise erinnern tatsächlich an die Erklärungen der Algerier im Straßburg-Prozess. Zu befürchten sei, heißt es konkret, dass die Terroristen Weihnachtsmärkte oder ähnliche Ziele angreifen, bei denen sich viele Menschen aufhalten.

Als Drahtzieher der geplanten Anschläge wird der aus Pakistan stammende Mohammed Ilyas Kashmiri genannt, eine der führenden Figuren der Al Qaida. Kashmiri soll auch schon den Anschlag vom Februar dieses Jahres auf das Touristenlokal „German Bakery“ in der indischen Stadt Pune (früher Poona) inszeniert haben. Bei der Explosion einer Rucksackbombe starben 17 Menschen, ungefähr 60 wurden verletzt, darunter eine Deutsche. Kashmiri soll die zwei bis vier Attentäter im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet rekrutiert haben. Die Terroristen würden vermutlich über Indien und die Vereinigten Arabischen Emirate reisen, hieß es in Sicherheitskreisen weiter. Das Bundeskriminalamt prüfeschon seit Tagen sämtliche Visa-Anträge, die in deutschen Botschaften in Pakistan, Indien und den Vereinigten Arabischen Emiraten eingereicht wurden.

Weshalb Deutschland als Terrorziel ausgewählt worden ist, lässt sich nur vermuten. Eine gängige Theorie besagt, dass schon der vereitelte Anschlag von Straßburg „im Herzen Europas“ den alten Kontinent an einer schwachen Stelle hätte treffen sollen – in adventlicher Stimmung mitten hinein ins Gemüt der Ungläubigen. Straßburg wäre dann der Auftakt zur späteren Terrorserie gewesen und nicht ein Dreivierteljahr Jahr danach der – in Hamburg geplante – Angriff auf die Ziele in den USA am 11. September.

Als vor der Bundestagswahl im vergangenen Jahr kaum ein Monat verging, ohne dass neue Drohungen gegen Deutschland auftauchten, wurde als Grund für die Drohgebärden das deutsche Engagement in Afghanistan angeführt. An gefährdeten Einrichtungen wie dem Jüdischen Museum in Berlin, Flughäfen und Bahnhöfen wurden damals mehr Polizisten eingesetzt. Nach den Worten von de Maizière sind die Lage und die Maßnahmen, die ergriffen werden, nun vergleichbar.

Was er denn nun dem besorgten Bürger rate, ist de Maizière am Mittwoch gefragt worden. „Die Hinweise sind konkret, aber sie sind kein Anlass und sie dürfen kein Anlass sein, dass wir unser öffentliches Leben total verändern. Dann würden wir ja ohne Anschlag manchem Vorschub leisten, was vielleicht andere beabsichtigen“, sagt er. „Deswegen nicht sorglos, aber zuversichtlich und kraftvoll, das wäre die richtige innere Haltung, mit der man dem begegnen kann.“

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