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Deutschland / Welt Der jüngste Staat der Welt
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18:23 05.12.2011
Foto: Traditionelle Tänzer bereiten sich auf die Unabhängigkeit Südsudans vor.
Traditionelle Tänzer bereiten sich auf die Unabhängigkeit Südsudans vor. Quelle: dpa
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Juba/Berlin

Seit Wochen schon läuft der Countdown: Mitten in Juba, von Sonnabend an die jüngste Hauptstadt der Welt, zählt eine Uhr Tage und Stunden bis zum 9. Juli herunter. Dann wird der Südsudan Afrikas 54. Staat – und löst sich vom sudanesischen Zentralstaat im Norden und der dortigen Regierung in Khartum. Direkt neben dem Denkmal von John Garang, dem 2005 bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben gekommenen Vorkämpfer für die Unabhängigkeit des Südens, haben Bauarbeiter eine Tribüne für die vielen Ehrengäste der Feierlichkeiten gebaut.

Mehr als 95 Prozent der vier Millionen wahlberechtigten Südsudanesen hatten zu Jahresbeginn in einem Referendum für die Unabhängigkeit der ölreichen, aber ansonsten bitterarmen Region votiert. Die Abstimmung war Teil eines im Jahre 2005 zwischen dem muslimischen Norden und dem christlichen Süden geschlossenen Friedensabkommens, das einen mehr als 20 Jahre langen Bürgerkrieg beendet hat – einen Konflikt, in dem mehr als zwei Millionen Menschen ums Leben gekommen sind.

Juba macht sich seit Wochen für den großen Tag fein. Voller Eifer fegen Putzkolonnen Abfall von den Straßen, Fahnenmasten werden geschmückt, Regierungsgebäude gestrichen. Kaum eine andere Stadt in Afrika ist seit 2005 so rasant gewachsen wie die neue Hauptstadt dieses 196. Staates der Welt. Wo einst Gewitterregen die Sandpisten in riesige Seenlandschaften verwandelten, verlaufen heute zumindest ein paar geteerte Straßen – die größte vor dem Präsidentenpalast, der in einem frisch renovierten Kolonialgebäude liegt. Sogar an eine Sauna haben die Architekten gedacht, obwohl bei Außentemperaturen von 35 Grad ein solcher Luxus nicht nötig wäre.

Juba boomt

Seit Unterzeichnung des Friedensvertrages ist die nahe der Grenze zu Uganda und Kenia gelegene neue Hauptstadt nicht wiederzuerkennen: Noch 2005 war Juba einer der unwirtlichsten Orte der Welt und kaum mehr als eine Ansammlung von Lehmhütten und Schotterpisten. Im gesamten Südsudan gab es damals ganze vier Kilometer geteerte Straße – in einem Gebiet, das doppelt so groß ist wie Deutschland. Auch Unterkünfte suchten Besucher damals vergeblich.

Heute boomt Juba. Überall schießen – fast durchweg von Ausländern betriebene – Restaurants und Hotels aus dem Boden. Die neue Schalterhalle am Flughafen ist zwar noch ein Rohbau, doch betonieren chinesische Arbeiter drumherum gerade große Flächen, um genug Parkplätze für die Maschinen zu schaffen, die hier am Wochenende erwartet werden.

Mit dem Aufschwung kommen indes auch viele neue Probleme. In der ganzen Region gab es zuletzt nur eine einzige größere Privatinvestition: Der südafrikanische Biergigant SAB Miller hat vor zwei Jahren rund 45 Millionen US-Dollar in eine neue Brauerei gesteckt, die für die Bierherstellung mehr Strom erzeugt als ganz Juba für seine 750.000 Menschen. Auch der Verkehr hat stark zugenommen. Allerdings sind die meisten Straßen noch immer ungeteert und versumpfen bei Regen. Und trotz des vom Ölreichtum geschürten Baubooms leben die meisten Menschen noch immer in traditionellen Lehmhütten mit Strohdach.

Mit der Unabhängigkeit des neuen Staates kämpfen die einstigen Rebellen der SPLM nun auch nicht mehr gegen das arabische Regime im Norden – sondern gegen die Löcher in den Straßen und den dramatischen Mangel an Strom und Wasser. Es ist ein schwieriger Kampf: Wie oft in Afrika endet der „Neue Sudan“, den die Politiker versprochen haben, gleich hinter dem modernen Regierungsviertel im Herzen der Stadt. Fast alles Geld ist in den Aufbau der Hauptstadt geflossen – der Rest des Landes wurde vergessen.

„Diese ,Ohne-uns‘-Haltung ist so falsch wie fahrlässig“

Hilfsorganisationen klagen über das von der neuen Regierung eingeschlagene Schneckentempo. Einen echten Anreiz zur Eile haben die neuen Machthaber aber auch nicht: Die Hilfe aus dem Ausland scheint für den Süden so sicher einzutreffen wie die Regenzeit. Fast 20 Jahre lang mussten die Vereinten Nationen den Südsudan wegen des Bürgerkriegs durchfüttern – obwohl die Region zu den fruchtbarsten in Afrika zählt.

Besonders engagieren sich deutsche Entwicklungshelfer von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) Deutschland im Auftrag der Bundesregierung, der EU, der Weltbank und mehrerer UN-Agenturen mit zwölf Projekten. Die GIZ hilft bei der Integration von Rückkehrern, dem Aufbau einer demokratischen, dezentralen und föderalen Verwaltung, beim Ausbau der Trinkwasserversorgung, dem Bau dringend benötigter Häuser, Schulen, Straßen und Deiche sowie beim Aufbau einer nachhaltigen Landwirtschaft und einer fundierten Schul- und Berufsausbildung.

Nicht zuletzt gehört dazu die Entsendung von 50 deutschen Soldaten im Rahmen der UN-Mission UNMIS, deren Mandat der Bundestag soeben verlängert hat – mit den Stimmen aller Parteien bis auf die Linkspartei, die angeblich unklare Zielvorgaben beklagt. „Diese ,Ohne-uns‘-Haltung ist so falsch wie fahrlässig“, hält die SPD-Parlamentarierin Edelgard Bulmahn dagegen. Schließlich seien die Ziele der Mission – Staatsaufbau, Schutz der Zivilbevölkerung und Überwachung der Grenzregion – klar formuliert. „Gerade die Deutschen können wegen ihrer föderalen Tradition viel zum Miteinander in einem Staat beitragen, der sich aus vielen Stämmen zusammensetzt – niemand würde verstehen, wenn wir uns da ausgerechnet im Monat des deutschen Vorsitzes im Weltsicherheitsrat nicht beteiligten.“ Bislang, so klagen Entwicklungshelfer, wird etwa die Postenvergabe oft anhand der Stammeszugehörigkeit entschieden, die Repräsentation von Minderheiten spielt ebensowenig eine Rolle wie die Qualifikation der Bewerber. Ohnehin fehlen dem neuen Staat die nötigen Fachkräfte, gelernt haben die meisten Menschen hier vor allem den Kampf mit der Waffe.

John Garang, der Vorkämpfer der Unabhängigkeit, hatte genau davor gewarnt. „Jedes einzelne Wort des Friedensabkommens mit dem Norden muss in die Tat umgesetzt werden“, steht auf einer Platte an seinem Grab. Der Hass auf den Norden wird künftig nicht reichen, um die Völker des Südens zu einen. Sie müssen nun zeigen, dass sie nicht nur kämpfen, sondern auch bauen können.

Wolfgang Drechsler, Philip Hedemann und Daniel A. Schacht