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Deutschland / Welt Das mörderische Netzwerk des Attentäters von Halle
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16:21 11.10.2019
Stephan B. wird von Polizisten aus einem Hubschrauber gebracht. Quelle: Uli Deck/dpa
Berlin

„Hi, ich heiße Anon“ – mit diesen Worten wendet sich Stephan B. an sein Publikum und startet die Liveübertragung seines Gewaltzuges durch Halle. Auf seinem Helm hat er eine Kamera montiert. Gut eine halbe Stunde lang ist das Grauen live im Internet zu sehen. Fünf Menschen verfolgen die Morde in Echtzeit. Tausende werden später das Video teilen, posten, herunterladen.

Der Attentäter tötet wahllos zwei Menschen in der Nähe der Synagoge. Er agiert wie in einem Videospiel. Und nur wie durch ein Wunder erreicht er nicht die „nächste Stufe“. Die schwere Holztür der Synagoge, in der sich zur Tatzeit mehr als 70 gläubige Juden aufhielten, hält den Angriffen von „Anon“ stand. Es hätte viel mehr Tote geben können. Genau das war eigentlich sein Ziel.

Der Attentäter von Halle nennt sich „Anon“

„Anon“ ist ein Kürzel für „Anonymous“, eine Referenz auf die Internetforen, in denen alle Nutzer unter dem Pseudonym „Anonymous“ posten und sich gegenseitig „Anons“ nennen. Stephan B. handelt allein, aber einsam ist er nicht. Sein Netzwerk ist global. Der Attentäter spricht die meiste Zeit Englisch. Er wird beobachtet und will beobachtet werden.

Tatverdächtiger von Halle auf dem Weg zum Ermittlungsrichter

Bereits während seiner Tat glaubt der Attentäter zu wissen, dass er „verkackt“ hat, wie er selbst sagt. Er ahnt, dass aus Sicht einer internationalen, gewaltbereiten, weißen, rassistischen und antisemitischen „Fan“-Gemeinde, die Blut sehen will, etwas schiefläuft. Er wollte den Menschen in einer Internetwelt aus kruden Verschwörungstheorien imponieren – durch eine möglichst hohe Zahl an Opfern. Dass dies nicht gelingen wird, weil die selbst gebauten Waffen versagen und er nicht in die Synagoge kommt, ist Stephan B. schon nach wenigen Minuten klar.

Stephan B. sucht Nachahmer

Der 27-jährige weiße Deutsche, dem der Massenmord verwehrt bleibt, hält sich deshalb für einen Versager – was für eine perfide Logik. „One time loser, always loser“, sagt er in seinem Livestream, als eine Waffe mal wieder nicht schießt, und bevor er frustriert sein Handy aus dem Mietwagen schleudert, nennt er sich „complete loser“ – einen „kompletten Versager“.

Das Wort „Versager“ ist verräterisch. In ihm steckt die Saat für die eigentliche Dimension der Tat und der Schlüssel zum Netzwerk des Täters. Stephan B. hatte Vorbilder – und er will Vorbild sein. Er kannte Menschen in Chats, die ihn anfeuerten. Er folgte einem Drehbuch aus dem Netz, einem offenen Buch, an dem jeder mit schreibt, der sich aufschwingt, Morde im Namen einer identitären, völkischen Ideologie zu begehen. Er schreibt vom „Jahr + 4“, also vier Jahre nach 2015, der von AfD und anderen Rechtsradikalen so bezeichneten „Grenzöffnung“. Er verwendet international verständliche Neonazi-Codes wie den vom „ZOG“, der „zionistischen Besatzungsregierung“. Wenigstens anfänglich folgt der Täter dem Beispiel des Attentäters im neuseeländischen Christchurch, der im März zwei Moscheen angriff, 51 Menschen tötete und dies per Facebook live ins Netz übertrug.

Die Szene ist weltweit vernetzt

Während seiner Fahrt zur Synagoge hört er in seinem Auto rassistische Rapmusik, eine Art „Spiel mir das Lied vom Tod“. Genau so hatte es auch der Attentäter von Christchurch gemacht. Auch in Neuseeland hinterließ der Täter ein „Manifest“, ein Ablaufmodell seiner Tat. In Christchurch stellt sich später heraus, dass der Täter Kontakte auf der ganzen Welt hatte. Kontakte, die bis nach Österreich hinein in die identitäre Szene der Alpenrepublik reichten, die wiederum eng mit deutschen Sympathisanten verzahnt ist.

Das Internet haben die Täter immer im Hinterkopf. Vor allem einen Livestream zur Tat, den der Attentäter von Halle auf Twitch startet, bevor er zum angedachten Tatort fährt. In Christchurch veröffentlichte der Täter sein Morden auf 8chan. Die Angreifer wollen, dass sich Inhalte wie das Video des Attentats von Halle schnell im Netz verbreiten, so schnell und weit gestreut, dass sie schon nach kurzer Zeit nicht mehr aus der Welt zu schaffen sind.

Halle: Rechtsextremist wollte Massaker in Synagoge anrichten

Sie selbst setzen sich mit dem Livevideo zudem unter Druck, ihre Pläne durchzuziehen, und das möglichst kameratauglich. Stephan B. atmet schwer, als er seine Waffen im Wagen inspiziert und an der Mauer der Synagoge aufstellt. Der Erwartungsdruck ist ihm deutlich anzumerken. Er will seine „Gemeinde“ nicht enttäuschen. Ihm geht es darum, möglichst viele Menschen auf der ganzen Welt zu ähnlichen Taten anzuregen. Die Sprache von Stephan B. wirkt kodiert, wie eine Geheimsprache zwischen Gleichgesinnten.

Es gibt Parallelen zum Anschlag von Christchurch

Parallelen und Bezüge zum Anschlag von Christchurch gab es bereits im April und im August bei den Gewalttaten von Poway und El Paso, als Menschen in einer Synagoge beziehungsweise in einem Supermarkt getötet wurden.

Für den Christchurch-Terroristen, dem auch der Angreifer von Halle offenkundig nacheiferte, war wiederum der norwegische Rechtsextremist und Massenmörder Anders Breivik und dessen identitäre Ideologie ein Vorbild. Bezüge dazu finden sich wiederum in der ursprünglichen Masterarbeit des unter Terrorverdacht stehenden Bundeswehroffiziers Franco A.

Der Livestream im Internet eröffnet im Gegensatz zur vordigitalen Zeit die Möglichkeit, nicht nur Ausschnitte zu konservieren, sondern die gesamte Tat. Es sind ideale Blaupausen für eigene Attentate – und sei es nur als Anhaltspunkt, um Fehler von Vorgängern zu vermeiden, etwa beim Verwenden selbst gebauter Waffen.

Hatte Stephan B. auch in Deutschland Unterstützer?

Ob Stephan B. in und um Halle Unterstützer hatte, ist zurzeit noch unklar. In dem Video ist zu erkennen, wie er auf Deutsch mit einer offenkundig eingeweihten Person telefoniert. Ebenso unklar ist, wer die fünf Personen waren, die das Morden live im Internet verfolgten. Waren sie informiert? Wenn ja, von wem? Oder verfolgten sie die Tat eher zufällig wie ähnlich anmutende Internetspiele?

In seinem „Manifest“, das sich mehr wie die Anleitung zum Bau von Waffen liest, schreibt der Angreifer, dass er ursprünglich eine Moschee oder ein Antifa-Kulturzentrum angreifen wollte – die Synagoge war schlicht das nähere Ziel. Zudem hoffte er, dort eine große Zahl von Juden zu treffen. Später ist ihm völlig egal, wen er tötet.

Einer Passantin, die ihm entschlossen entgegentritt, schießt er in den Rücken. In einem Dönerrestaurant, das er zufällig aus dem Auto entdeckt, erschießt er einen Gast. Auch das hat er in seinem „Manifest“ angekündigt und festgelegt. Sollte das ursprüngliche Ziel, die Gottesdienstteilnehmer in der Synagoge, verfehlt werden, gelte es, möglichst viele andere „Gegner“ auszulöschen, heißt es dort.

Wenn Halle eine weitere Schablone für rechtsextremistische Attentate war, verheißt die Tat für die Zukunft nichts Gutes – und zwar weltweit.

Von Jörg Köpke/RND

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