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18:12 25.09.2009
Von Reinhard Urschel
Am Sonntag ist Bundestagswahl.
Am Sonntag ist Bundestagswahl. Quelle: ddp
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Ausraster, der: Die Abwesenheit von Gerhard Schröder steigert die Wahrscheinlichkeit, dass der Wahlabend am Sonntag ohne Ausraster verläuft. In der > Elefantenrunde vor vier Jahren hat sich der gerade abgewählte > Kanzler zum Gaudi der Zuschauer gefühlsmäßig derart aufgeladen, dass selbst seine Frau Doris tags darauf von einem suboptimalen Auftritt ihres Gatten sprach. Ein ähnliches Spektakel wäre von einer abgewählten Kanzlerin Merkel kaum zu erwarten.

Basis, die: Häufig zitierte, unbekannte Größe. Wird von Politikern zumeist missbräuchlich als letzte Instanz vor der Entscheidung über Koalitionsverträge vorgeschoben. In Wahrheit entscheiden darüber Parteitage, also Versammlungen von Funktionären, während die echte Basis draußen bleiben muss.

Charisma, das: Persönliche Ausstrahlung, ohne die eine > Kanzlerin oder ein > Kanzler angeblich nicht auskommt. Darüber nachzudenken, ob Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier über genügend natürliches Charisma verfügen, ist am Sonntagabend nach 18 Uhr müßig. Jetzt sind andere Eigenschaften gefragt.

Chefsache, die: Ersetzt die Richtlinienkompetenz und besagt: Kanzler(in) bin immer noch ich. Während der > Koalitionsverhandlungen ist nicht zuletzt die Verteilung der Posten Chefsache.

Direktmandat, das: Die Abgeordneten sind, so steht’s in Artikel 38 des Grundgesetzes, „Vertreter des ganzen Volkes“. Die Krone des Abgeordnetendaseins ist freilich, ein direkt gewählter Vertreter des Volkes zu sein. Dieses Privileg genießen 299 Parlamentarier, so viel, wie es Wahlkreise gibt. Die anderen 299 Abgeordnete kommen über die Landeslisten zu ihrem Mandat, sind aber keineswegs Abgeordnete 2. Klasse. Auch sie dürfen mit ihrem Bundestagsausweis 1. Klasse fahren.

Elefantenrunde, die: Traditionsveranstaltung an Wahlabenden bei den Öffentlich-Rechtlichen. Vor der Erfindung der Duelle auch schon vor Wahlen üblich. Je nach Besetzung unterhaltsam (> Ausraster) bis sterbenslangweilig (> Sondierungsgespräche). Der Ursprung des Begriffs liegt im Dunkel der Zeiten des Schwarz-Weiß-Fernsehens. Bestritten wird, dass die häufige Teilnahme Hans-Dietrich Genschers zu dem Namen geführt hat. Als wahrscheinlicher gilt die Dickfelligkeit der meist schwergewichtigen Diskutanten, ihr erstes Statement mit den Worten zu beginnen: „Zunächst möchte ich den Wählerinnen und Wählern draußen im Lande danken...“ Gastgeber am Sonntagabend sind die Moderatoren Thomas Baumann (ARD) und Nikolaus Brender (ZDF).

Fünfprozenthürde: In grauer Vorzeit ein Angstwort für die Liberalen. Vor der Erfindung von Guido Westerwelle hatte die FDP hin und wieder Probleme, fünf Prozent der Wählerstimmen auf sich zu vereinen. Dort nämlich liegt die Hürde für den Einzug in den Bundestag. Die ganz Kleinen, zu denen die FDP in Zeiten schwindsüchtiger Volksparteien nicht mehr zählt, müssen draußen bleiben. Ihr Auftreten ist dennoch von Bedeutung: Wenn es viele Parteien gibt, die unter fünf Prozent bleiben, und diese viele Wählerstimmen bekommen, sinkt die prozentuale Hürde für die absolute Mehrheit der Mandate. Das klingt merkwürdig, ist aber so. Und könnte an diesem Wahlsonntag, neben den > Überhangmandaten wahlentscheidend sein.

Feindbeobachtung, die: Bei früheren Wahlkämpfen fester Bestandteil der Wahlkampfführung. In diesem Jahr wegen Kuschelwahlkampfs bedeutungslos.

Geheim: Die Abgeordneten des Bundestages werden in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl gewählt (Art. 38 GG). Das mit dem „geheim“ ist so eine Sache, wenn Prominente aller Art vorher verkünden, sie würden X oder Y wählen. Außerdem müssen Wahlforscher für ihre Prognose Leute fragen, was sie gerade gewählt haben. Das geschieht anonym und verletzt die Verfassung genauso wenig, wie die gekennzeichneten Stimmzettel des Statistischen Bundesamtes. Die werden benötigt, um das Wahlverhalten der Deutschen nach Alter und Geschlecht zu dokumentieren.

Gewinner, die: An Wahlabenden nur in der Mehrzahl vorhanden. Selbst nach einem kapitalen Absturz lässt sich ein Vergleich finden, der einen zum Gewinner macht: Notfalls werden die Reichstagswahlen von 1919 herangezogen.

Gong, der: Aufgabe eines Gongschlags ist es, den Gang der Dinge zu unterbrechen. Ein Gong fordert erregte Menschen zur Beruhigung auf, eröffnet beim Boxkampf die nächste Runde, kündigt etwas irgendwie Bedeutendes an oder lädt zu religiöser Kontemplation ein. Im Falle des 18-Uhr-Gongs am Wahlabend erfüllt er sogar alle vier Funktionen auf einmal. „ ... noch drei Sekunden, zwei, eine“ – GONNNG! – „Es ist 18 Uhr. Hier ist sie, unsere Prognose zur Bundestagswahl 2009. Danach kommt die CDU auf ...“

Hochrechnung, die: Seit es die > Prognosen unmittelbar nach Schließung der Wahllokale gibt, hat die erste Hochrechnung, meist um 18.20 Uhr, an Bedeutung verloren. Je nachdem, wie die Prognosen ausgefallen sind, lassen sich die als Frühwarnsystem in die Wahlstudios entsandten Politiker ein paar unverbindliche Sätze entlocken oder auch nicht: „Ich möchte zuerst die Hochrechnung abwarten.“ In der ARD werden die Hochrechnungen urplötzlich uninteressant, wenn die „Lindenstraße“ anfängt.

Injurien, die: Beleidigungen und Flüche werden in der Wahlnacht nach allgemeiner Lebenserfahrung mehr ausgestoßen als in anderen Nächten. Druckfähig sind sie allesamt nicht. Außer vielleicht: Opposition ist Mist.

Jubel, der: Brandet sekundengenau dann auf, wenn die Fernsehkameras am Wahlabend einen Blick in die Wahlzentralen der Parteien werfen. Weil dort stets zu viele zur Neutralität verpflichtete Medienvertreter herumlungern, werden die Wahlbeobachter gut durchmischt mit Jungunionisten, Jusos, Julis und Jungen Pionieren. Der J. steigert sich beim Eintreffen der Spitzenkandidaten zum rhythmischen Klatschen, so dass die Kameras mehr Zeit haben, die eingekeilten > Gewinner einzufangen.

Kanzler/in, die, der: Wird, entgegen der landläufigen Behauptung vieler Politiker, an diesem Tag nicht gewählt. 2002 ist Edmund Stoiber nächtens für eine schwache Stunde dem Irrtum erlegen, er sei Kanzler. Rund 5000 Wählerinnen und Wähler der Grünen haben ihn eines besseren belehrt. 2005 hat der amtierende Kanzler Angela Merkel in der > Elefantenrunde vorausgesagt, seine Leute würden sie niemals zur Kanzlerin machen. Dass es auch in diesem Fall anders gekommen ist, ist Geschichte.

Koalitionsverhandlungen, die: Sie sind protokollarisch nur zu toppen durch das Konklave in der Sixtinischen Kapelle, das freilich auch seltener stattfindet: Hochgeheim, hochbedeutend, hochspannend. Die ausgehandelten Verträge werden wahlweise mit Champagner (1998), mit Selterswasser (2002) oder öffentlich gar nicht begossen (2005). Die vorausgehenden > Sondierungsgespräche sind nur für die Kulisse.

Landeslisten, die: Sie bilden das Gegengewicht zum > Direktmandat. Ohne die Politiker von den Landeslisten wäre das Parlament nur halb voll. Die Wählerinnen und Wähler in den Kabinen bekommen die L. nicht zu Gesicht, weil auf den Wahlzetteln nur die oberen Tabellenplätze abgedruckt sind. Die Parteien sind deshalb bestrebt, ihre wichtigsten Politiker dort zu platzieren, nur die niedersächsische SPD macht es anders. Sie versucht es mit Garrelt Duin.

Menschen, draußen im Lande, die: Als solche sind sie ein wenig aus der Mode gekommen, seit Helmut Kohl nicht mehr die Politik erklärt. Im Prinzip sind sie aber immer noch vorhanden und nötig, schon als Gegengewicht zu „denen da oben“. An Wahlabenden will jeder nah dran gewesen sein an ihnen. Wenn die Politiker den Menschen draußen im Lande jedoch zu nahe kommen, steigt die Politikverdrossenheit.

Mehrheit, die: Ist Mehrheit.

Nichtwähler, die: Nicht mehr die Faulpelze oder Ignoranten von früher, sondern eine zunehmend selbstbewusst auftretende Gruppe innerhalb der politischen Klasse. Durch so etwas wie dynamisches Nichtwählen soll den Herrschenden gezeigt werden, wo ihre Mängel sind. Für die möglichen Folgen des Nichtwählens fühlen sie sich nicht verantwortlich. Sie erinnern damit ein wenig an das Kind mit den blaugefrorenen Händen: Meine Mutter hat selbst schuld, wenn ich mir die Finger abfriere. Weshalb zieht sie mir keine Handschuhe an?

Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die: Zum ersten Mal bereist an diesem Wahlsonntag eine Delegation der OSZE Deutschland, um nach dem Rechten zu sehen. Eingeladen hat die Bundesregierung. Dass es in Deutschland zugehen könnte wie Simbabwe oder wie in Afghanistan vermutet freilich niemand. Den offiziellen Bericht bekommen wir in zwei Monaten zu lesen.

Opposition, die: Ist Mist.

Professor aus Heidelberg, der: Hat im Wahlkampf vor vier Jahren der SPD die Regierungsbeteiligung gerettet, weil der Wahlkämpfer Schröder den CDU-Anwärter auf das Finanzressort, Paul Kirchhof, geschickt zum Buhmann aufgebaut hat. Einen Menschen nicht beim Namen zu nennen – darin steckt die kindliche Hoffnung, man könnte ihn wegzaubern. In diesem Sinne verfährt die SPD mit Oskar Lafontaine. Schröders Versuch, den Baron aus Bayern zum Buhmann zu machen, ist indes frühzeitig in die Hose gegangen.

Qual der Wahl, die: Für einen aufrechten Demokraten eine Ehrensache. Wer nicht bereit ist, sich hin und wieder dieser Qual zu unterziehen, muss mit dem Makel leben, ein > Nichtwähler zu sein und nicht über die Zustände in der Politik schimpfen zu dürfen.

Regierungsbeteiligung, die: Gegenteil von > Opposition.

Sondierungsgespräche, die: Die Vorstufe von Koalitionsverhandlungen ist dazu da, die Angelegenheit in die Länge zu ziehen, wenn die Parteien keinen Schimmer haben, wie sie aus Wahlversprechen herauskommen, weil sie zum Beispiel gesagt haben: „Wir schließen die Ampel aus“, oder „Jamaika ist im Bund zu früh“. Weil niemand sagen kann, „wir sind wild entschlossen zu regieren, aber wir haben keine Ahnung wie“, sind die Sondierungsgespräche erfunden worden.

Sieger, die: Weil es eigentlich nur einen Sieger geben kann bei einer Wahl, alle aber in der Sonne stehen wollen, lautet das Zauberwort > Gewinner.

Tipps, die: Gibt es eigentlich noch Wahltipps an Stammtischen und in Büros? Wenn ja, liegen die Tipper wirklich regelmäßig besser als die professionellen Umgfrageinstitute mit ihren schrankgroßen Computern? Und gewinnt, wie beim Fußballtoto, tatsächlich immer der, der erwiesenermaßen am wenigsten Ahnung hat?

Überhangmandate, die (pl.): Möglicherweise wahlentscheidend, aber bei weitem nicht so illegal, wie die Grünen und die SPD behaupten. Überhangmandate entstehen, wenn eine Partei bei den Zweitstimmen schwächelt, aber viele Wahlkreise , also viele > Direktmandate gewinnt. Überhangmandate sind per se nichts Unanständiges.

Urne, die: Das Grimmsche Wörterbuch verortet den Begriff Urne – vom lateinischen urna, Krug – irgendwie passend zwischen „Urnatur“ und „Urnebel“ . Heute hat Urne zwei Bedeutungen: das Behältnis für die Asche von Toten und das Behältnis für abgegebene Stimmzettel. Der Eindruck, dass abgegebene Stimmzettel schnell entsorgt werden sollen, wird auch durch die Form der Urnen in vielen Wahlräumen unterstützt: Man hat sich (von keinem Zweifel an der ästhetischen Statthaftigkeit angekränkelt) für Mülltonnen entschieden, die mit einem Schlitz im Deckel versehen sind.

Verlierer, der: siehe > Gewinner, > Sieger

Vermittlungsproblem, das: Erklärung für alles, was den Parteien misslungen ist und für das sie nicht die Begriffstutzigkeit der Wählerinnen und Wähler verantwortlich machen wollen.

Weg, guter: Auf einem guten Weg sind die möglichen Koalitionspartner immer dann, wenn sie noch keine Ahnung haben, wo sie ansetzen sollen.

Waagscheißerle, das: So nennt man im Schwäbischen eine Person, die mit ihrer Stimme den Ausschlag geben kann. Hochdeutsch > Zünglein an der Waage. Früher hatte traditionsgemäß die FDP diese anrüchige Rolle, im hohen Norden auch schon mal der Südschleswigsche Wählerverband. Heute müssen gelegentlich die Grünen ran.

X, das: Der am häufigsten geschriebene Buchstabe des Alphabets an diesem Tag. Die weitaus meisten Wähler malen ein „x“ in einen der Kreise auf ihrem Wahlzettel. Die Wahl wäre freilich auch gültig, wenn sie einen fetten Punkt dort machen würden oder einfach ein Häkchen. Die Regel lautet: der Wählerwille muss klar erkennbar sein.

Ypsilantisierung, die: Wer so hässliche Ausdrücke wie „Umfaller“ oder „Wahlbetrüger“ vermeiden will, kann den Umstand, dass nach der Wahl etwas anderes gilt als davor, auch mit Ypsilantisierung umschreiben. Der Begriff wird sich vermutlich nicht durchsetzen, weil die damit umschriebene Handlungsweise immer wieder Nachahmer/innen finden wird.

Ziel, das: Wird von vielen Politikern am Wahlabend neu bestimmt: Unser Ziel ist eine stabile Regierung. Unser Ziel ist eine starke Opposition. In Wahrheit wollen alle nur das eine: an die Fleischtöpfe der Macht.

Zünglein an der Waage, das: > Waagscheißerle

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