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Deutschland / Welt Boris Johnson – Popstar der Populisten
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Boris Johnson – Popstar der Populisten
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08:37 23.07.2019
Boris Johnson. Quelle: imago images / i Images
London

Vielleicht war das alles unausweichlich. Vielleicht hat sich alles schon vor 30 Jahren angebahnt, als ein junger Mann namens Alexander Boris de Pfeffel Johnson von London nach Brüssel entsandt wurde als Korrespondent für den „Daily Telegraph“. Damals lieferte er vom angeblich langweiligen Sitz der EU-Kommission einen Aufreger für die Titelseiten nach dem anderen.

Die böse EU, schrieb Brüssel-Korrespondent Johnson, wolle den stolzen Briten quadratische Erdbeeren aufdrücken. Sie wolle ihnen vorschreiben, dass ihr liebster Snack, fettige Chips, nicht mehr nach Krabben schmecken dürfe. Kinder unter acht Jahren sollten keine Luftballons mehr aufblasen dürfen. Und dann wage sich die EU auch noch mit Vorschriften zum Aufbrühen von Getränken ans Allerheiligste der Briten, den Tee.

Rasender Reporter: Johnson, damals noch Kolumnist des „Daily Telegraph“, in einem Schnellzug in Kuala Lumpur(2014). Quelle: Andrew Parsons/I-Images

Die immer neuen Tiraden des wortgewaltigen Autoren waren witzig. Dass bei ihm die Wahrheit häufig auf der Strecke blieb – geschenkt. Die Briten sogen Johnsons Märchen amüsiert und begierig auf.

Boris Johnson formte über die Jahre nicht nur die öffentliche Meinung der Briten zur EU. Er formte, ganz nebenbei, auch das Bild seiner selbst. Boris Johnson wurde zur Marke, die er auf eindrucksvolle Weise immer wieder selbst bewarb, mal als Talkshowgast, mal als schillernder Bürgermeister von London.

Dass er die Leute gut unterhalten kann, bestreitet niemand. Nun aber will er das gesamte Land regieren, ganz offiziell. Kann er das? Und was blüht da den Briten und dem übrigen Europa?

Johnson, der „König der Welt“

Vergangenen Mittwochabend steht der 55-Jährige auf einer Bühne im Londoner Osten und wedelt mit einem eingeschweißten Fisch, einem Kipper, eine Delikatesse der British Cuisine. Er schimpft mal wieder auf die Brüsseler Eurokraten, die angeblich einem armen Fischhändler auf der Isle of Man in der Irischen See vorschreiben, stets ein Plastikeiskissen beim Versand an den Kunden beizulegen: Was, bitte schön, erlaubt sich die EU in Great Britain?

Johnson wütet, wie nur er das kann. Und bringt an diesem Abend, es soll die letzte Veranstaltung des wochenlangen Tory-Wahlkampfs werden, sogar die mitunter eher steifen Mitglieder der konservativen Partei zum Jubeln. Auf die EU einzudreschen, das funktioniert hier absolut verlässlich. Dann lächeln sie selig, die Zuschauer in ihren XXL-T-Shirts mit der Aufschrift „Back Boris“, „Stellt euch hinter Boris“.

Der Entertainer ist in seinem Element. Und es spielt gar keine Rolle, dass die Sache mit dem Fisch und dem Kühlbeutel keineswegs auf einer EU-Vorschrift basiert, sondern eine britische Regelung ist. So ist Boris Johnson eben. Wenn es um Details geht, verdreht er ohnehin nur die Augen.

Auf Wirkungen kommt es an, auf Haltungen. Zum Beispiel auf die Ablehnung von Komplexität. Das macht Johnson zum Popstar der Populisten.

Viel Wahlkampf brauchte es gar nicht gegen den Konkurrenten Jeremy Hunt, einen Mann vom Typ langweiliger Opportunist und perfekter Schwiegersohn. Nicht nur Johnsons Anhänger zeigen sich seit Wochen überzeugt, dass ihr Wunsch-Tory heute Mittag als Nachfolger präsentiert und am morgigen Mittwoch als neuer Premierminister in die Downing Street einziehen wird.

Johnsons Aufstieg von einem Anführer der Brexit-Kampagne zum mutmaßlichen neuen Premierminister markiert eine Zeitenwende in Großbritannien. Einst dominierten hier gesunder Pragmatismus und eine auf dem Kontinent unerreichte Weltoffenheit. Und der arme Kipper musste nicht zu Wahlkampfzwecken herhalten.

Wer heute vom Festland über den Ärmelkanal blickt, stellt sich unausweichlich die Frage: Boris Johnson, Premierminister? Sind die Briten nun völlig übergeschnappt?

Als kleiner Junge wollte Boris seiner Schwester zufolge sogar mehr. Sein Ziel war es, eines Tages „König der Welt“ zu sein. Doch die Zweifel wachsen, dass er auch nur der neuen Aufgabe in London gewachsen sein könnte.

Alle mit dem Brexit verbundenen großen Fragen sind weiterhin offen. Großbritanniens Konservative scheinen es zwar zu schaffen, ihr Führungspersonal auszutauschen. Doch an den Verkantungen in der Sache ändert dies nichts.

Lauert er schon? Boris Johnson sitzt 2017 als Außenminister im Parlament neben Premier Theresa May. Quelle: PA WIRE

Johnson betont, er wolle so oder so den Brexit bis spätestens 31. Oktober durchziehen – im Notfall auch ohne Ratifizierung eines Austrittsabkommens mit der EU durch das Unterhaus.

Genau diesen Weg aber versperrt das britische Parlament. Es verabschiedete einen Gesetzeszusatz, der den künftigen Premier daran hindert, einen No-Deal-Brexit unter Umgehung der Abgeordneten durchzusetzen. Allein die Tatsache, dass das Parlament sich zu solch einem Votum genötigt fühlte, sagt viel über die Lage im Königreich aus. Und über das Unbehagen, das Johnson auslöst. Der Mann, sagen jene, die ihn gut kennen, liebe das Chaos – und er schaffe das Chaos.

Wie aber konnte der dann die Herzen seiner anfangs zögernden Konservativen gewinnen? Anand Menon, Direktor der Denkfabrik UK in a Changing Europe, deutet auf das schwache Abschneiden der Torys bei der Europawahl am 26. Mai. Damals erlebten die Konservativen ein Desaster, die Brexit-Partei unter dem rechtspopulistischen EU-Hasser Nigel Farage stand als strahlender Sieger da – ein wütender Gruß der enttäuschten europaskeptischen Stammwähler an die Regierung.

Wie läuft der Machtwechsel in London ab?

Am heutigen Dienstag wird das Ergebnis im Rennen um den Parteivorsitz der Konservativen offiziell bekannt gegeben – und damit Großbritanniens nächster Premierminister. Gestern Abend um 17 Uhr Ortszeit begann die Auszählung der Stimmen. Stimmberechtigt waren alle 160 000 Parteimitglieder der konservativen Torys. Sieger ist derjenige, der mehr als 50 Prozent der Stimmen bekommt. Im Queen Elizabeth II Conference Centre in Westminster soll um 11.45 Uhr der Gewinner verkündet werden. Theresa May führt voraussichtlich noch 24 Stunden die Regierungsgeschäfte. Ein letztes Mal stellt sich die scheidende Premierministerin am Mittwoch den Fragen der Parlamentsabgeordneten. In der Downing Street hält sie dann eine Abschiedsrede und fährt anschließend in den Buckingham-Palast, um die Königin über ihren nominierten Nachfolger zu informieren.

Am späten Nachmittag macht sich dieser auf den Weg zur Queen, bevor er als neuer Premier vor der Tür mit der Nummer 10 eine Ansprache hält. All das geschieht nur einen Tag, bevor das Parlament in die Sommerpause geht. Wenn die oppositionelle Labour-Partei wie angedeutet tatsächlich ein Misstrauensvotum gegen die neue Regierung beantragen will, hat sie nur ein sehr kleines Zeitfenster. Oder sie muss bis September warten.

„Die Tory-Basis erkannte für sich, dass man zwar schlussendlich Labour-Chef Jeremy Corbyn schlagen muss, dass aber gerade die Brexit-Partei für die Torys die größte Bedrohung darstellt“, sagt Menon. Und nur einer, so schlussfolgerten Parlamentarier wie Mitglieder gleichermaßen, könne Farage schlagen: Johnson. „Er war der angriffslustigste Brexiteer“, sagt Menon.

Zudem habe der näher rückende Brexit das politische Klima verändert, inzwischen liege in London eine „rebellische Stimmung in der Luft“. Und so verzeiht die Mehrheit der rund 160 000 konservativen Mitglieder „Boris“, wie er nur genannt wird, gerne all die Pannen und Patzer, Skandale und Entgleisungen, die so umfangreich in der Summe sind, dass sie Bücher füllen. Ob er Burkaträgerinnen mit wandelnden Briefkästen vergleicht oder die Sorgen der Wirtschaft über den EU-Austritt mit dem Spruch „Fuck Business“ abtut. Egal. Ob er die Lage einer im Iran im Gefängnis sitzenden Britin leichtfertig verschlimmert. Oder sich von einem britischen Botschafter in Washington distanziert, nur weil der kritische Analysen über US-Präsident Donald verfasst hatte? Alles egal.

Zu jenen, die bei der letzten Wahlkampfveranstaltung vergangene Woche frenetisch ihren Helden feiern, gehört Lina Dimidri. „Er ist kreativ, klug, spricht vier Sprachen und hat Ideen“, schwärmt die 53-Jährige im Union-Jack-Paillettenkleid. Überhaupt, meint sie, Johnson hätte schon vor drei Jahren Premier werden sollen. Damals, nach der Schlammschlacht, zu der sich die Referendumskampagne entwickelt hatte und bei der Johnson besonders viel Dreck in Form von Lügen und Halbwahrheiten um sich warf, befand sein Parteifreund Michael Gove, derzeit Umweltminister, Johnson sei unfähig, das Land zu führen. Heute sehen das viele offenbar anders.

„Ein schamloser Lügner“

Tom Peck müsste eigentlich äußerst zufrieden auf das aktuelle Polittheater blicken. Er trägt die Berufsbezeichnung parlamentarischer Sketchschreiber. Eine durch und durch britische Institution. Weil es Anfang des 19. Jahrhunderts verboten war, Politiker im Unterhaus zu zitieren, entwickelte sich die Zunft jener Journalisten, die die Vorgänge im Parlament mit lebhaften Bildern beschrieben und mit eigenen Worten. Charles Dickens saß in den 1830er-Jahren genauso auf der Pressegalerie des Parlaments wie seit 2015 Tom Peck für den „Independent“.

Entlarvend, schonungslos, aber vor allem lustig lesen sich die Beobachtungen, auch jene der vergangenen Jahre über Johnson, den die Sketchschreiber lange Zeit als Spaßvogel, als Clown, als Possenreißer der Nation vorführten.

„Das hat sich gewandelt“, sagt Peck. „Johnson ist kein Witz mehr, sondern eine Bedrohung für das Leben von uns allen. Ein schamloser Lügner.“

Streitbare Partner; Der britische Außenminister Boris Johnson trifft den deutschen Außenminister Gabriel 2017 in London. Quelle: Stefan Rousseau/PA WIRE

Peck zeigt auf den Westminster-Palast. Der Verfall des Baus könnte nicht symbolträchtiger stehen für die Krise der „Mutter aller Parlamente“. „Dieses Land ist verrückt geworden, weil es ein Referendum hatte, das die englischen Nationalisten gewonnen haben“, sagt der ­37-jährige Peck. „Wir können aber mit Volksabstimmungen nicht umgehen, sondern sind eine parlamentarische Demokratie und der gelingt es nicht, diese Entscheidung durch das System zu bringen.“

Der Hallodri Johnson als Premierminister folgt nun beinahe als logische Konsequenz dieser Turbulenzen. Peck und seine Kollegen stehen derweil vor einem Dilemma. „Welche Rolle spielen wir, deren Aufgabe es ist, der Politik ein bisschen Spaß oder Albernheit zu verpassen, wenn die Dinge außergewöhnlich ernst werden?“

In eine selbst verschuldete Rezession zu rutschen, vor der Experten im Falle eines No-Deal-Brexit erst dieser Tage eindringlich warnten, sei jedenfalls nicht gerade etwas, das irgendjemanden zum Lachen bringen werde, schiebt Peck nach. „Oder?“

Von Katrin Pribyl/RND

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