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Deutschland / Welt Obama warnt Amerika
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Obama warnt Amerika
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10:52 08.05.2014
Von Stefan Koch
Obama hatte den Kampf gegen den Klimawandel schon in seinem ersten Wahlkampf 2008 zum Thema gemacht. Nennenswerte Erfolge kann er nicht vorweisen.
Obama hatte den Kampf gegen den Klimawandel schon in seinem ersten Wahlkampf 2008 zum Thema gemacht. Nennenswerte Erfolge kann er nicht vorweisen. Quelle: Dennis Brack
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Washington

Besuche in Notstandsgebieten entwickeln sich für Barack Obama zu einer unangenehmen Gewohnheit. Am Donnerstag steht wieder eine Katastrophentour an: Der Präsident fliegt an die Westküste, um in San José Hilfsmaßnahmen für die kalifornischen Dürrezonen auf den Weg zu bringen und gleichzeitig für den Ausbau der erneuerbaren Energien zu werben. Der Chef des Weißen Hauses hat allerdings noch eine weitere Botschaft im Gepäck: Die Folgen des weltweiten Klimawandels seien nicht nur in ferner Zukunft zu erwarten, sondern würden bereits heute das Leben in Nordamerika belasten.

Jerry Brown, Gouverneur des „Golden State“, schlägt seit Wochen Alarm: Der extreme Regenmangel lasse die Felder verdorren und die Stauseen austrocknen. Tatsächlich lassen unzählige Farmer ihre Äcker brach liegen. Der Anbau lohnt sich nicht mehr. Die Kosten der künstlichen Bewässerung sind exorbitant, die Erwartungen in den Obst- und Nussbaumplantagen und auf den Reisfeldern mehr als mäßig. Besonders bedrückend war die Zeit der Mandelblüte im März: Die Wochen, in denen der sonnige Bundesstaat normalerweise in ein sanftes Rosa getaucht ist, waren grau und staubig. Wetterexperten sprechen von der schlimmsten Dürre, die die Westküste jemals erlebt hat. Eine These, die sogar die Raumfahrtagentur NASA bestätigt: Auf Satellitenbildern lasse sich erkennen, dass das Drama ein erschreckendes Ausmaß angenommen habe. Zu den Leidtragenden zählen neben den Bauern auch die Freizeitsportler und die Urlaubsressorts der Sierra Nevada: Viele Skigebiete blieben mangels Schnees den gesamten Winter über geschlossen.

Im jüngsten, jetzt vorgelegten Klimabericht stellt die Regierung Obama fest: Kalifornien ist kein Einzelfall, die Auswirkungen des Klimawandels seien in zahlreichen Regionen des Kontinents spürbar. Der Hurrikan „Sandy“ im Oktober 2012 an der Ostküste und der Hurrikan „Katrina“ im August 2005 am Golf von Mexiko zählen zu den verheerendsten Naturkatastrophen in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Hunderte Wissenschaftler haben vier Jahre lange an dem Bericht gearbeitet – und führen unzählige weitere Sturmfluten und Waldbrände auf, die ihrer Einschätzung nach mit früheren Wetterphänomenen kaum vergleichbar sind. Kommentatoren von den USA sprechen von einem längst überfälligen „Weckruf“.

John Podesta, Ende vergangenen Jahres als Berater des Präsidenten ins Weiße Haus zurückgekehrt, spricht von einer dramatischen Entwicklung: „Wir müssen dringend handeln, um den Gefahren des Klimawandels zu begegnen.“ Es gehe nicht allein um bedrohliche Tendenzen, die sich in ferner Zukunft entladen könnten: Stürme, Hochwasser und Dürreperioden würden einige Kommunen bereits heute in ernsthafte Schwierigkeiten bringen. Die Verkehrsinfrastruktur und die Industrieanlagen gerieten in Gefahr. Entlang der Ost- und Golfküste seien ganze Landstriche durch den steigenden Meeresspiegel bedroht, während es im Südwesten der Vereinigten Staaten an Wasserreserven mangele. Eine Zunahme an Naturkatastrophen sei auch im Mittleren Westen zu beobachten. Die Zahl der Farmen, die ihre Ernteausfälle angesichts der häufigen Stürme nicht mehr ausgleichen könnten, sei deutlich gestiegen.

Rasanten Veränderungen ist offenbar auch das Naturparadies Alaska unterworfen: Der menschenarme Bundesstaat im hohen Norden würde sich so schnell erwärmen, dass er aller Voraussicht nach in 40 Jahren in den Sommermonaten vollständig eisfrei sei, heißt es in dem Bericht. Obama stellt ernüchtert fest: „Durch den Klimawandel werden Dürren, Stürme und Hochwasser dramatischer und teurer.“

Obama hatte den Kampf gegen den Klimawandel schon in seinem ersten Wahlkampf 2008 zum Thema gemacht. Nennenswerte Erfolge kann er nicht vorweisen. Die eigenen Demokraten nehmen ihm einen gewissen Wankelmut in der Klimapolitik übel. Auch bei internationalen Konferenzen waren die USA, gemeinsam mit China, meist als Bremser aufgetreten. Jetzt verspricht der Präsident, trotz erheblicher Widerstände im Kongress und in der Wirtschaft, seiner Klimapolitik neuen Elan zu verpassen. Ein weitreichendes Gesetz zum Emissionshandel sei vor vier Jahren im Senat zwar gescheitert, da auch einigen seiner Parteifreunde diese Maßnahmen zu weit gingen. Dennoch werde er sich weiterhin für die Reduzierung von Treibhausgasen einsetzen. Sein Ziel: In den kommenden 15 Jahren soll der Energiesektor die Hälfte des jährlichen CO2-Ausstoßes einsparen. Angesichts der Blockadehaltung im Kongress kündigte der Präsident gestern weitere Verordnungen an, mit denen der Kohlendioxid-Ausstoß begrenzt werden soll. Eine parlamentarische Zustimmung für diese Dekrete ist nicht erforderlich.

Obamas Initiativen richten sich besonders gegen die größten Dreckschleudern – die Kohlekraftwerke. Sie verursachen gegenwärtig etwa 40 Prozent der Emissionen in Nordamerika. Mit der Verschärfung der Schadstoffverordnungen tritt die US-Regierung allerdings auch eine Protestwelle los: In den Bundesstaaten Pennsylvania und West Virginia, die zu den größten Kohleproduzenten der USA zählen, ist bereits von einem „Krieg gegen Kohle“ und einem „Krieg gegen Jobs“ die Rede.

Dass landesweit immer mehr Kraftwerke ihren Betrieb einstellen und die Aktienkurse der Kohleproduzenten sinken, liegt aber nicht allein in der Umweltschutzpolitik Washingtons begründet. Amerika setzt zunehmend auf zwei andere Energiequellen, die als klimafreundlicher gelten: Kernkraft und Erdgas. In Georgia entstehen zurzeit neue Atommeiler, ohne dass die Bauarbeiten von größeren Protestzügen unterbrochen würden.

Zur eigentlichen Energierevolution der Vereinigten Staaten trägt aber vor allem das umstrittene Fracking bei: Das Schiefergas drückt die Energiekosten weit unter den Weltmarktpreis und hellt somit die Klimabilanz überraschend stark auf. Geht es nach den Vorstellungen des US-Regierung, soll der begehrte Rohstoff künftig nicht nur zum Heizen genutzt werden, sondern auch als Treibstoff für Autos, insbesondere für schwere Lastwagen.
Obama appelliert an seine Landsleute: „Die Frage ist, ob wir den Mut aufbringen, zu handeln, bevor es zu spät ist.“

Reinhard Urschel 07.05.2014
07.05.2014