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Deutschland / Welt Anschläge in Sri Lanka: Islamisten verdächtigt
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Anschläge in Sri Lanka: Islamisten verdächtigt
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06:01 23.04.2019
Ein Ort der Anschläge: In der St.-Sebastians-Kirche in Negombo suchen Ermittler nach Spuren. Quelle: Foto: imago images
Colombo

Die Uhr ist einfach stehen geblieben. Die Zeiger der Turmuhr der St.-Antonius-Kirche in Colombo zeigen Viertel vor neun. 8.45 Uhr Ortszeit, Colombo, Sri Lanka. Es ist der Moment des Anschlags auf die römisch-katholische Kirche im Nordwesten der Hauptstadt des Inselstaats im Indischen Ozean.

Dutzende Menschen, die hier zum Gottesdienst zusammengekommen waren, sterben. „Ein Priester kam aus der Tür gelaufen, sein Gewand war voll von Blut“, berichtet ein Anwohner, der die Explosion hörte und zur Hilfe eilte. Aber diese Attacke auf das Gotteshaus mit der weißen Fassade ist nur der Beginn einer verheerenden Anschlagsserie, die das Land am Ostersonntag erschüttert. An ihrem Ende zählen die Behörden fast 300 Tote und mehr als 500 Verletzte.

Die ersten sechs Explosionen gibt es zwischen 8.45 und 9.05 Uhr Ortszeit (zwischen 5.15 und 5.35 Uhr deutscher Zeit). Zwei weitere folgen. Insgesamt acht Bombenexplosionen erschüttern drei Kirchen, drei Fünf-Sterne-Hotels, ein kleines Hotel und eine Wohngegend. Unter den Opfern befinden sich viele Christen, die in den betroffenen Kirchen den Ostergottesdienst feierten. Einer der 35 getöteten Ausländer ist ein Deutschamerikaner, wie das Auswärtige Amt in Berlin mitteilte. Weitere deutsche Opfer gibt es demnach nach derzeitigen Erkenntnissen nicht.

Polizei hatte Hinweise auf mögliche Anschläge

Verantwortlich für die Anschläge macht die Regierung in Sri Lanka eine einheimische radikalislamische Gruppe, ist jedoch überzeugt, dass die verdächtigte Gruppierung „National Thowheeth Jamaath“ die Attacken vom Ostersonntag nur mit Unterstützung eines internationalen Netzwerks verübt haben kann. Kabinettssprecher Rajitha Senaratne betonte, es habe vor den Attacken Hinweise auf Anschlagspläne der Gruppe gegeben. Erste Informationen über mögliche Anschläge auf Kirchen und Touristenziele hätten der Polizei bereits am 4. April vorgelegen. „Wir glauben aber nicht, dass diese Angriffe von einer Gruppe von Menschen verübt wurden, die auf dieses Land begrenzt war“, sagte er.

Asien gilt seit Längerem als Brutstätte des Islamismus. Es gibt eine kaum überschaubare Anzahl verschiedenster Gruppierungen, von denen nicht wenige international vernetzt sind. In Südostasien ist es vor allem die militante Gruppierung namens Jemaah Islamiyah, kurz JI, die versucht, einen islamistischen Staat zu etablieren, und die für die Bombenanschläge auf der Ferieninsel Bali 2002 und 2005 verantwortlich gemacht wird.

Auf den Philippinen wurde sogar schon die Flagge des IS gehisst. Und die Malediven, südöstlich von Sri Lanka gelegen, sind mittlerweile nicht nur als Traumurlaubsziel bekannt, sondern auch dafür, eine Hochburg des islamistischen Terrorismus zu sein. Auf Sri Lanka ist der islamistische Terror neu. Bisher kämpften in dem bürgerkriegsgeschüttelten Land radikale Tamilen gegen die mehrheitlich buddhistischen Singhalesen. Nur rund 10 Prozent der Bevölkerung Sri Lankas sind Muslime, die Mehrheit sind Buddhisten. Seit Sonntag ist das Land vom Frieden weit entfernt.

„Wir haben so etwas niemals erwartet“

Nur ein paar Augenblicke nach dem Anschlag auf St. Antonius explodierte ein Sprengsatz in der St.-Sebastian-Kirche im malerischen Strandort von Negombo, 35 Kilometer nördlich der Hauptstadt. Das Gotteshaus war bis zum letzten Winkel gefüllt. Überlebende schilderten sri-lankischen Medien, sie hätten den Selbstmordattentäter in die Kirche kommen sehen. Er habe eine große Tasche getragen und sei erst zum Ende der Messe erschienen. Mehr als 1000 Gläubige hatten sich anlässlich des Osterfestes eingefunden. Mindestens 102 von ihnen starben. Die Detonation war so stark, dass das gesamte Dach der Kirche weggerissen wurde. „Wir haben so etwa niemals erwartet“, sagte Bischof JD Anthony.

Doch die terroristische Aktion ging immer noch weiter: In einem gut koordinierten Angriff verübten andere Selbstmordattentäter Anschläge auf drei Luxushotels in Colombo: das Shangri-La, das Cinnamon Grand und das Kingsbury-Hotel. Im Cinnamon Grand reihte sich der Attentäter mit einem Teller in der Hand in aller Ruhe in die Schlange vor dem Frühstücksbüfett ein, bevor er seinen Sprengsatz detonierte. „Es war das absolute Chaos“, beschrieb ein Hotelmanager die Szene. Im Osten der Insel wurde etwa zur gleichen Zeit die evangelikale Kirche in Batticaloa von einem Selbstmordattentäter angegriffen. Mindestens 28 Menschen starben. Am Nachmittag folgten noch zwei weitere Explosionen in der Hauptstadt Colombo in einem Hotel und einem Privathaus mit mindestens fünf Toten.

Am Abend wurde auf der Zufahrtsstraße zum internationalen Flughafen von Colombo eine zwei Meter lange Rohrbombe entdeckt, die Spezialisten aber entschärfen konnten. Am Montag entdeckte die Polizei 87 Sprengsätze an einer Busstation in Colombo

Motive der Attentäter bislang unklar

„Es ist ein sehr, sehr trauriger Tag für uns alle“, sagte der Erzbischof von Colombo, Malcolm Ranjith. Die Regierung rief den Notstand aus. „Dies ist ein Schock, und wir werden mit einer Schocktherapie antworten“, erklärte Sri Lankas Wohnungs- und Kulturminister Sajith Premadasa am Montag vor der St.-Antonius-Kirche. Nach einem Jahrzehnt relativer Ruhe sei der Anschlag „eine neue Art von Terrorismus“, sagte Premadasa. Der Ausnahmezustand solle Polizei und Armee helfen, die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten.

Die Motive der Attentäter waren auch am Montag noch unklar. Nach Polizeiangaben wurden 24 Verdächtige festgenommen, die verhört würden. Premierminister Ranil Wickremesinghe erklärte, Sri Lanka wolle mithilfe der internationalen Gemeinschaft möglichen Verbindungen der Attentäter ins Ausland auf den Grund gehen. Nach seinen Worten stammen alle Festgenommenen aus Sri Lanka. Dem Geheimdienst Sri Lankas hätten Hinweise auf einen möglichen Anschlag vorgelegen. Es müsse untersucht werden, warum keine entsprechenden Maßnahmen ergriffen worden seien.

Unter den 39 getöteten ausländischen Touristen sind nach Angaben Sri Lankas oder der jeweiligen Länder unter anderem acht Briten, drei Dänen, ein Deutschamerikaner und eine niederländische Urlauberin, auch Menschen aus China, Japan und der Türkei befinden sich unter den Todesopfern. Bei den dänischen Todesopfern handelt es sich nach Angaben dänischer Medien um drei der vier Kinder des reichsten Mannes Dänemarks, des Eigentümers des Modekonzerns „Bestseller“, Anders Holch Povlsen. Ein Sprecher des Konzerns, zu dem Marken wie „Jack & Jones“, „Only“ und „Vero Moda“ gehören, bestätigte dies. Er bat zugleich um die Wahrung der Privatsphäre der Familie.

Papst äußert sich während des Ostersegens bestürzt

Sri Lankas Regierung blockierte auch am Montag vorsorglich eine Reihe sozialer Medien wie Facebook, Insta­gram und Whatsapp, um Gerüchte und Falschmeldungen zu stoppen. Am Montagmorgen hatten erneut Berichte in Colombo die Runde gemacht, wonach das Trinkwasser vergiftet worden sei. Das energische Auftreten der Regierung signalisiert ein Umdenken im Umgang mit den amerikanischen Social-Media-Giganten. Statt darauf zu hoffen, dass die Konzerne selbst Fake News und Hass-Posts moderieren, verhängte Sri Lanka eine Sperre.

In Reaktion auf die Anschlagsserie haben die christlichen Kirchen an Ostern dazu aufgerufen, die Spirale von Terror und Gewalt zu durchbrechen. Papst Franziskus äußerte sich am Ostersonntag vor Zehntausenden Menschen, die sich auf dem Petersplatz in Rom versammelt hatten, bestürzt über die Anschläge. Er forderte im Rahmen des Segens „Urbi et Orbi“ weltweite Bemühungen für den Frieden. In seiner Osterbotschaft warnte er davor, angesichts anhaltender bewaffneter Konflikte in Gleichgültigkeit zu verfallen.

In Deutschland übermittelten die Bischöfe der beiden großen Kirchen den Menschen in Sri Lanka ihr Mitgefühl. „Auch die schlimmste Gewalt wird uns nicht dazu bringen, vor dem Hass zu kapitulieren“, erklärte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, sagte: Sprachlos stehe man dieser Welle blinder Gewalt gegenüber. Auch Außenminister Heiko Maas zeigte sich bestürzt.

Von Agnes Tandler / RND

Der Grünen-Sicherheitsexperte Konstantin von Notz sieht in den Anschlägen auf Sri Lanka ein bewusst inszeniertes Verbrechen. Von Notz erkennt ein häufig wiederkehrendes Muster bei Extremisten – vor dem auch Deutschland nicht gefeit sei.

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Bei den Sprengstoffanschlägen wurden mindestens 290 Menschen getötet – darunter auch Dutzende Ausländer. Betroffen ist etwa der dänische Milliardär Anders Holch Povlsen. Er verlor bei den Anschlägen drei seiner Kinder.

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