Algerien wählt Präsidenten
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20:35 17.04.2014
Foto:  Knapp 23 Millionen Menschen sind zur Wahl in Algerien aufgerufen. Und sie sind sich ziemlich uneins darüber, was sie von der Zukunft ihres öl- und gasreichen Landes erwarten können.
Knapp 23 Millionen Menschen sind zur Wahl in Algerien aufgerufen. Und sie sind sich ziemlich uneins darüber, was sie von der Zukunft ihres öl- und gasreichen Landes erwarten können. Quelle: Mohamed Messara
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Hoffnung, Stolz, Gleichgültigkeit und Frustration liegen in Algerien dicht beieinander an diesem Donnerstag. Knapp 23 Millionen Menschen sind zur Wahl aufgerufen. Und sie sind sich ziemlich uneins darüber, was sie von der Zukunft ihres öl- und gasreichen Landes erwarten können.

„Ich habe noch nie in meinem Leben gewählt und weiß auch nicht, warum ich es tun sollte, solange das Militär alles kontrolliert und sich die Taschen vollstopft“, schimpft Taxifahrer Ahmed Ouacher (60), der mit Kollegen in der Nähe eines Wahllokals in Algier auf Kundschaft wartet. „Sei froh, dass Du nicht in Libyen geboren bist“, antwortet ihm spöttisch ein anderer Fahrer. „Dank Bouteflika haben wir Stabilität. Hoch lebe Algerien!“

Ähnliche Szene spielen sich in der Hauptstadt Algier am Wahltag an fast jeder Ecke ab. Wer nicht desillusioniert und enttäuscht ist, sucht bei strahlendem Sonnenschein und frühsommerlichen Temperaturen eine der zu Wahllokalen umfunktionierten Schulen auf, um seine Stimme abzugeben.

„Ich bin so stolz, dass ich heute zum ersten Mal wählen durfte“, sagt die 23 Jahre alte Messaoudi Yakout, die gerade ihr Lehramtsstudium abgeschlossen hat und im Stadtteil Bab El Oued lebt. Nach dem schrecklichen Bürgerkrieg in den 90er Jahren müsse doch jeder froh sein, in einer Demokratie leben zu können.

Wem sie ihre Stimme gegeben hat, will die junge Frau mit dem Kopftuch im Gegensatz zum Pizzabäcker Ahmed Aslaovi aber nicht verraten. Der 49-Jährige macht keinen Hehl aus seiner Wahl für Bouteflika. „Ich habe für die Zukunft unseres Landes gestimmt“, sagt Aslaovi mit Blick auf die zehnjährige Baya, die ihre Mutter zur Urne begleiten.

Die 39 Jahre alte Nora Ouacher stimmt dem selbstständigen Unternehmer zu. «Ich habe Angst, dass neue Leute Veränderungen bringen, die nicht gut für unser Land sind», sagt die Kopftuch tragende Frau selbstbewusst. „Bouteflika vertraue ich - auch wenn er krank ist.“

Der von einem Schlaganfall vor einem Jahr stark geschwächte 77-Jährige musste sich am Donnerstag im Rollstuhl zur Wahlurne schieben lassen. Zur Enttäuschung seiner Kritiker absolvierte er den Auftritt allerdings vergleichsweise souverän und winkte lächelnd seinen Anhängern zu.

Zahlreiche Oppositionelle vertreten seit längerem die Ansicht, dass Bouteflika nur die «Marionette» seines «durch und durch korrupten Umfelds» sei. Mehrere Parteien hatten deswegen zum Boykott der Präsidentenwahl aufgerufen. Zumindest in den Wahllokalen in Algier war bis zum Nachmittag allerdings nicht viel davon zu spüren. Nach Zwischenergebnissen war die Beteiligung zunächst sogar höher als 2009. Damals hatte die offizielle Wahlbeteiligung am Ende bei 75 Prozent gelegen.

Von den fünf Gegenkandidaten des amtierenden Staatschefs werden bei der Wahl allenfalls dem früheren Ministerpräsidenten Ali Benflis (69) Außenseiterchancen eingeräumt. Um mögliche Betrugsversuche aufzudecken, schickte er in zahlreiche Wahllokale junge Leute als Beobachter. Etliche machten den Job allerdings nur gegen Bezahlung. „Ich ziehe es vor, vollkommen neutral zu bleiben“, erklärt der 22 Jahre alte Student Mohamed Bouilouta. „Hier sitzen und die Wähler zählen, das ist ganz einfach.“ Rund 20 Euro bringt ihm der Job.

Ausschreitungen wurden am Donnerstag nur aus der Kabylei gemeldet. Dort stürmten randalierende Regierungsgegner Berichten lokaler Medien zufolge unter anderem ein Wahlzentrum und lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei. Mehrere Dutzend Menschen sollen bei den Krawallen verletzt worden sein. Die offiziellen Wahlergebnisse hat das Innenministerium für diesen Freitag angekündigt.

dpa