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Deutschland / Welt „Superspitzengeil“: 100-Jährige kandidiert für Stadtrat
Nachrichten Politik Deutschland / Welt „Superspitzengeil“: 100-Jährige kandidiert für Stadtrat
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18:07 20.03.2019
Die 100-jährige Lisel Heise kandidiert erstmals für ein politisches Amt – und möchte dafür sorgen dass in ihrem Ort endlich wieder im Freien geschwommen werden kann. Quelle: dpa / Uwe Anspach
Kirchheimbolanden

Knapp 8000 Einwohner leben in Kirchheimbolanden, einer kleinen Stadt im Südosten von Rheinland-Pfalz. Hier ist Lisel Heise 1919 geboren und will nun 100-jährig in den Stadtrat einziehen – um das Freischwimmbad zu reaktivieren, welches ihr Vater einst aufgebaut hat.

Winter 1922: Lisel Heise ist gerade drei Jahre alt, als ihr Vater das kleine Mädchen längs auf den Küchenhocker legt. Er will ihr das schwimmen beibringen – erstmal im Trockenen. Ein paar Monate später erfolgt die Probe auf’s Exempel: Vater Heise geht mit seiner Tochter ins örtliche Schwimmbad, nimmt einen Balken. Dort legt er seine Tochter drauf und hofft, dass die Hocker-Übungen gefruchtet haben. Er zieht den Balken weg und die kleine Lisel schwimmt das erste Mal.

„Ich rede mir den Mund fransig“

Fast 100 Jahre später: „Bei mir geht’s richtig rund mein Lieber“, sagt Lisel Heise auf die Frage wie es ihr gehe. Das liegt nicht nur daran, dass sie vergangene Woche ihren 100. Geburtstag gefeiert hat, sondern dass sie nun erstmals für ein Amt im Stadtrat von Kirchheimbolanden (kurz: Kibo) kandidiert. Die Lokalzeitung Rheinpfalz berichtet zuerst, danach bekommt die Rentnerin zahlreiche Anrufe.

Zwar findet sie die Aufmerksamkeit „superspitzengeil“, aber die vielen Termine seien auch anstrengend: „Ich red mir hier den Mund fransig. Dauernd werde ich verkabelt und verstrahlt. Aber das soll sich ja auch lohnen, ne?“ Warum sie sich in dem Alter noch so engagiere? „Kibo braucht dringend ein neues Freischwimmbad“, sagt Heise. Zwar gebe es ein Hallenbad in der Nähe, „aber das steht auf einem Moor“ und das könne ja nicht gut sein, so die 100-Jährige.

Wiese statt Schwimmbad

Lisel Heise wächst als Tochter eines Schuhfabrikanten auf. Ihr Vater engagiert sich jedoch nicht nur für die „Lederlatschen“ sondern auch für die Gemeinschaft im Ort. Mit Freiwilligen baut er in seiner Freizeit ein Freischwimmbad. „Das Becken war mit Reisigwänden ausgestattet und brauchte kein Chlor“, erinnert sich Heise. Heute befindet sich an der Stelle, an der sie auch schwimmen gelernt hat, eine Wiese. „Es ist doch furchtbar, überall sterben diese Freischwimmbäder. Unseres wurde glaube ich 2010 zugeschüttet“, sagt Heise.

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Im Mai wird in „Kibo“ der Stadtrat gewählt. Die 100-Jährige tritt für den Wählerbund „Wir für Kibo“ an. „Der ist Parteiunabhängig und da kann man mehr bewegen.“ Ob das in ihrem Alter so geschickt sei weiß sie selber nicht, aber in ihrem derzeitigen Zustand würde das durchaus noch gehen. Woher sie die Energie in ihrem Alter nimmt? „Ich berufe mich auf eine alte Weisheit: Wer Körper und Geist in ständiger Bewegung hält, bleibt fit und vital.“

Heises Rhytmus für ein gesundes Leben

Und Bewegung habe sie genug. In der Regel steht sie um 8 Uhr auf und isst Frühstück. „Da gibt es einen Apfel, ein Stück Vollkornbrot, einen ‚Gedächtnistee‘ und für den Kreislauf einen Kaffee.“ Danach geht es meist hinaus. „Ich lebe nur noch nach Terminen“, sagt die rastlose 100-Jährige. Dem Schlaf räumt sie ohnehin nur eine geringe Priorität ein – denn man könne stattdessen ja so viel lesen und bewegen. Internet hat sie nicht – das wäre moderner „Schnick Schnack“. Und TV sehe sie nur in der Nacht, denn am Tag sorge das Programm ja für Verdummung.

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Sie lebt mit ihrem Sohn und einem ihrer zehn Enkel zusammen in ihrem Elternhaus. Nur einmal in der Woche bekommt sie Besuch von der Sozialstation. „Ich brauche Hilfe beim Einkaufen, der Berg ist mittlerweile zu hoch“, sagt Heise. Ist sie draußen auf der Straße werde sie ständig angesprochen. Klar, denn die Lehrerin war immer beliebt. So sehr, dass 500 Schüler der Realschule plus (ehemals Neumayerschule) an ihrem Geburtstag zu ihr pilgern um ein Ständchen zu singen. Und das obwohl sie seit 40 Jahren nicht mehr im Dienst ist.

Natürliches Antibiotikum

Wenn Heise heute fünf Jahre weiterdenkt, wünscht sie sich, dass an der Stelle, wo ihr Vater das Freischwimmbad gebaut hatte, ein neues steht. Sie hat auch eine Idee, wie und womit man das bewerkstelligen könnte. „Im letzten Jahr wurden so viele Nadelbäume gefällt, die den trockenen Sommer nicht überstanden haben. Das Holz kann man doch nehmen oder was?“ Und sollte sie noch leben, wenn das Bad wieder aufmacht, „werde ich dort auch wieder schwimmen gehen.“

Das sei ohnehin das beste Antibiotikum gegen das Altern.

Heises bewegtes Leben

Lisel Heise beginnt 1936 eine Ausbildung an einer Landfrauenschule. Nähen, Pflügen, mit der Sense mähen, sähen und ernten: „Das war eine Ausbildung, die uns für das Leben vorbereitet hat. Das war für Körper und Geist ganz gut“, sagt Heise. Nach einem Studium der Pädagogik in München und einer Anstellung an einer Landwirtschaftsschule in Baden-Würtemberg wird sie 1942 nach Danzig versetzt. Erst sieben Jahre später kommt sie über Umwege mit ihrem Mann zurück nach Kirchheimbolanden. „Die Schufabrik wurde enteignet, wir haben erst sehr primitiv gewohnt und hatten tagsüber kein Wasser.“ Fortan unterrichtet sie an verschiedenen örtlichen Schulen, bekommt vier Kinder und auch das Elternhaus geht wieder in den Familienbesitz über. 1979 geht sie in den Ruhestand, den sie mit ihrem Mann auf vielen Reisen in der ganzen Welt genießt – am häufigsten am Mittelmeer. 2014 verstirbt ihr Mann. Vor ihrem Engagement im Wählerbund „Wir für Kibo“ war sie nicht politisch aktiv.

Von Moritz Naumann / RND

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