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Panorama Zehntausende Rockfans fallen zum "Hurricane" in Scheeßel ein
Nachrichten Panorama Zehntausende Rockfans fallen zum "Hurricane" in Scheeßel ein
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08:27 17.06.2011
Foto: Besucher reisen zum Rockfestival "Hurricane" an.
Ben muss kräftig in die Pedale treten: Der Zehnjährige transportiert das Gepäck der Festivalbesucher vom Bahnhof zum Campingplatz – und bessert so sein Taschengeld auf. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Scheeßel

Ben ist sich sicher: „Da passt noch mehr drauf. Hinten die Bierpalette und in die Ecke die Zeltstangen.“ Ein letztes Mal wirft der Zehnjährige einen prüfenden Blick auf seine Ladung, dann tritt er in die Pedale seines Kettcars, an dem ein Anhänger Marke Eigenbau hängt. So wie viele seiner Mitschüler hat sich Ben am Bahnhof Scheeßel postiert, um für ein paar Euro das Gepäck der Reisenden zu transportieren. Und es gibt viel zu tun: Die Kleinstadt im Landkreis Rotenburg/Wümme erwartet an diesem Wochenende rund 73 000 Gäste – voll bepackt mit Bierpaletten, Raviolidosen und Campingausrüstung.

In Scheeßel, einem Ort mit 13 000 Einwohnern, startet heute das „Hurricane“-Festival. Bis zum späten Sonntagabend treten vor Scheeßels Toren, dort, wo sonst Kühe weiden und Bauern ihren Weizen sähen, auf vier Bühnen rund 80 Bands auf. Nach dem Heavy-Metal-Spektakel „Wacken Open Air“ in Schleswig-Holstein ist das „Hurricane“ das zweitgrößte Musikfestival in Norddeutschland. Zu den Publikumsmagneten zählen in diesem Jahr Bands wie die Foo Fighters, die Chemical Brothers und Portishead. Auf 160 Hektar Ackerland stampfen die aus ganz Europa angereisten Musikfans eine ganze Zeltstadt aus dem Boden. Es wird gefeiert und getanzt, gegrillt und getrunken. Man könnte meinen, in einem hilflosen Flecken am Rande der Lüneburger Heide ruft eine Horde Halbstarker den Ausnahmezustand aus. Doch so ganz stimmt das nicht. Denn Scheeßel ist gerüstet. Das „Hurricane“ geht in sein
14. Jahr – und die meisten Einwohner empfangen die Meute inzwischen mit offenen Armen.

Die Bäckerei am Bahnhof hat vorsorglich Sonderschichten eingeplant. „Wir werden regelrecht belagert. Spätestens am Sonntag wollen alle Abwechslung von Dosenbier und kaltem Grillfleisch zum Frühstück“, sagt die Verkäuferin. Sie erwartet ein „Bombengeschäft“. Im benachbarten Supermarkt erinnert man sich hingegen an nicht ganz so liebenswürdige Vorlieben der Festivalbesucher. „Früher haben sie uns die Einkaufswagen geklaut und damit ihre Rucksäcke transportiert, oder sie haben die Wagen gleich zu Grills umfunktioniert“, beklagt der Marktleiter. Jetzt lassen fünf schwarz gekleidete Wachmänner ihre Blicke über den Parkplatz kreisen.

Dazugelernt hat auch Frank Thies. Als Leiter des Ordnungsamts muss Thies das große Ganze im Blick behalten. Früher hätten bei vielen im Ort die Nerven blank gelegen, sagt er. „Inzwischen wissen wir aber, dass da ein friedliches Völkchen anreist. So können wir ab und an ein Auge zudrücken.“

Was genau die Ordnungshüter in diesen Tagen lockerer sehen, will Thies vorsichtshalber nicht verraten. Lieber erklärt er, worauf in diesem Jahr großer Wert gelegt wird: Wegen der EHEC-Seuche werden die rund 700 Dixi-Klos auf dem Festivalgelände stündlich desinfiziert. Dieser Zuwachs an Hygiene dürfte viele Besucher freuen – sorgt er doch auch für ein angenehmeres Klima auf dem stillen Örtchen des sonst so lauten Festivalgeländes.

Die meisten Scheeßeler begegnen den Festivalgästen nur am An- und Abreisetag. Schließlich liegt das Gelände rund drei Kilometer vom Stadtkern entfernt. Anders sieht das für Carsten Neubauer aus. Der wohnt mit seiner Familie im Ortsteil Westervesede, direkt am Rande des Festivalgeländes. „Im Auge des Hurricanes“, sagt Neubauer. Auf drei Seiten ist sein Haus von Sperrzäunen umgeben. Aber Neubauer sieht das gelassen. Schließlich ist der 33-jährige Gitarrenlehrer der Musik alles andere als abgeneigt. „Wir haben Freikarten bekommen“, sagt er strahlend. „Und was gibt es Besseres als internationale Rockstars, die direkt vor der eigenen Haustür spielen?“

Michael Soboll

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