Menü
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg
Anmelden
Panorama Zaghafte Hoffnung am Golf von Mexiko
Nachrichten Panorama Zaghafte Hoffnung am Golf von Mexiko
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:50 02.08.2010
Golf von Mexiko: Es gibt Hoffnung.
Defektes Bohrloch, Golf von Mexiko: Es gibt Hoffnung. Quelle: afp
Anzeige

Die Menschen am Golf von Mexiko geben doe Hoffnung nicht auf: Am Dienstag soll das Doppelmanöver beginnen, um die Quelle endgültig zu verschließen. In Feierlaune ist niemand, alle wissen: Da draußen ist noch viel Öl.

In Buggy Vegas’ Gesicht perlt der Schweiß, sein T-Shirt ist klatschnass, die Sonne macht das Mississippi-Delta bei 39 Grad zum Treibhaus - aber seine blauen Augen strahlen glücklich. Seit wenigen Tagen darf in den Gewässern vor Grand Isle im Süden Louisianas wieder gefischt werden. „Das ist das erste Wochenende, an dem die Leute wieder zum Fischen da sind“, freut sich der Chef der „Bridge Side Marina“, die Köder, 70 Bootsanleger, ein Restaurant und ein Motel vorhält. „Die Stimmung ist gut“, lacht er - um im nächsten Moment innezuhalten. Die hellen Augen verfinstern sich. „Aber wir wissen: Es ist noch nicht vorbei.“

Ein Blick auf den Strand von Grand Isle reicht zur Bestätigung: Wo sonst um diese Jahreszeit tausende Touristen in der Sonne braten, erinnert die Szenerie an einen riesigen Bauhof. So weit das Auge reicht, versperrt roter Plastikzaun den Weg zum Meer. Schuttcontainer stehen umher, Baustellen-Klos aus Kunststoff, Pickup-Trucks. Die Strände von Grand Isle - wo es außer Fischfang und Tourismus kaum andere Einnahmequellen gibt - zählten zu den ersten, wo die braune Brühe heranschwappte und Urlauber verschreckt fernblieben.

Noch immer wirkt das Eiland wie eine Geisterinsel, sind die Ferienhäuser verrammelt. An einem direkt am Meer, das den Namen „Mama-Pappy-Traum“ trägt, hat jemand ein Schild genagelt mit der Aufschrift: „Der Traum ist vorbei.“ Die besten Kunden von Restaurants und Läden sind nun die Helfer im Kampf gegen das Öl.

Hurrikan könnte das Öl tief ins Landesinnere drücken

„Es sind nicht so sehr die Meeresfrüchte, die uns Sorgen machen“, sagt Buggy Vegas. „Wir sind raus gefahren und haben keinen einzigen toten Fisch gesehen“, erzählt er. „Wir haben Shrimps gefangen und gegessen - alles in Ordnung.“ Vegas sorgt sich um das empfindliche Marschland - er befürchtet, dass ein Hurrikan das Öl tief ins Landesinnere drückt und die zigtausenden Inseln aus Gras inmitten der atemberaubenden Wasserlandschaft des Deltas vernichtet.

Wissenschaftler können nur spekulieren, welche Gefahren die schlimmste Ölpest in der Geschichte der USA noch birgt. Seit dem 15. Juli verschließt eine Kappe das Bohrloch provisorisch, zwei Wochen danach ist auf dem Meer erheblich weniger Öl zu sehen. Aber die Angst vor den langfristigen Folgen bleibt, nicht nur bei Fischern und Shrimp-Fängern entlang der Golfküste. „Weniger Öl an der Oberfläche heißt nicht, dass es darunter kein Öl oder dass es kein Risiko mehr für unsere Strände und Marschen gibt“, mahnte erst vor wenigen Tage die Chefin der US-Wetter- und Klimabehörde NOAA, Jane Lubchenco. „Wir sind extrem besorgt über die kurz- und langfristigen Folgen für das Ökosystem des Golfs.“

Andere sind hoffnungsvoller. „Ich bin optimistisch, dass sich die Region erholt“, sagt ein Experte des US-Innenministeriums, der im Kampf gegen das Öl eingesetzt ist, aber zu Medienauskünften offiziell nicht autorisiert ist. Die Ölpest im Golf von Mexiko sei mit der Exxon-Valdez-Katastrophe in Alaska kaum zu vergleichen. Hier habe man es mit einem sehr warmen Gewässer zu tun, in dem Bakterien seit jeher das schon immer aus dem Boden tretende Öl quasi auffressen.

Untersuchungen hätten bisher gezeigt, dass die Sauer- und Nährstoffversorgung dieser mikroskopisch kleinen Helfer kaum beeinträchtigt sei, erläutert der Fachmann. Allerdings: „Man hat natürlich noch nicht den ganzen Golf getestet.“ Von einer Reinigung des Marschlandes vom Schlick rät er ab: Zu viel könnte dabei am Ende zerstört werden.

Buggy Vegas weiß, dass Grand Isle noch einiges vor sich hat auf dem Weg zurück zur Normalität - auch wenn sich an seinen Bootsanlegern schon wieder tief gebräunte Hobbyfischer mit Dosenbier nach erfolgreicher Ausfahrt zuprosten. Dass die Touristen aus der näheren Umgebung bald zurückkehren, davon ist er überzeugt. „Uns machen die Urlauber Sorgen, die von außerhalb Louisianas kommen.“

„Es ist noch nicht vorbei“

Und da ist noch das Gerangel mit dem BP-Konzern um den Schadenersatz. 80 Prozent Einbußen habe seine „Bridge Side Marina“ im April und Mai hinnehmen müssen, sagt der Geschäftsmann. Im Juni und Juli seien es noch 50 Prozent gewesen. Die Zahlung für die ersten beiden Monate sei „in Ordnung“ gewesen“. Was das Unternehmen als Ausgleichszahlung für die nächsten beiden Monate angeboten habe, sei aber „völlig daneben“.

Ob Grand Isle wieder so werden wird wie früher? „Wenn sie das Bohrloch stopfen, wenn sie die Säuberungsarbeiten fortsetzen, wenn es keinen Hurrikan gibt“ - dann ja. „Bis zum Sommer“, sagt Buggy Vegas, „sollte alles wieder beim Alten sein.“ Völlig überzeugt klingt er nicht. „Es ist noch nicht vorbei“, ergänzt er.

dpa