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Panorama Staatsanwalt im Lügde-Skandal: „Ein Schweige-System, das den Kindern Angst gemacht hat“
Nachrichten Panorama Staatsanwalt im Lügde-Skandal: „Ein Schweige-System, das den Kindern Angst gemacht hat“
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10:17 01.06.2019
„Die Opferzahlen wuchsen und wuchsen“: Oberstaatsanwalt Ralf Vetter bereitet derzeit das erste Verfahren im Fall des massenhaften Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde vor. Quelle: Jannik Stodiek

Im Fall des massenhaften Kindesmissbrauchs in Lügde in Nordrhein-Westfalen bereitet das Landgericht Detmold derzeit den ersten Prozess vor. Die beiden Hauptbeschuldigten müssen sich wegen 454-fachen Kindesmissbrauchs verantworten. Wegen der „Unmenge an Spuren und Hinweise auf mögliche weitere Taten und Tatorte“ hält der zuständige Oberstaatsanwalt Ralf Vetter eine Ausweitung der Anklage oder einen weiteren Prozess für möglich. Im einem gemeinsamen Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) und der „Lippischen Landes-Zeitung“ spricht er über „medialen Wirbel“, Ermittlungspannen und die Rolle von NRW-Innenminister Herbert Reul.

Herr Vetter, bei der kleinsten Staatsanwalt in NRW in Detmold liegt derzeit der größte Missbrauchsfall des Landes - die Anklagen gegen die zwei Hauptbeschuldigten wegen 454-fachen Kindesmissbrauchs sind raus, wie lautet Ihre Bilanz vier Wochen vor dem Prozessstart?

Ralf Vetter: Die vergangenen sieben Monate gingen schon an unsere Grenzen und Nerven – insgesamt vier von 17 Staatsanwälten waren und sind mit diesem Fall beschäftigt, zwei davon mit nichts anderem. Zu Beginn der Ermittlungen im Dezember 2018 wirkte alles noch sehr übersichtlich, doch die Opferzahlen wuchsen und wuchsen.

Bei der allerersten Pressekonferenz am 30. Januar 2019 sprach die Polizei dann von 1000 Missbrauchsfällen auf dem Campingplatz...

Das waren nicht unsere Zahlen. Wir waren damals nicht sehr glücklich über die Zahl 1000, weil die Ermittlungen erst im Anfangsstadium waren. In solchen Verfahren mit vielen Einzeltaten ist es immer schwierig, die genaue Zahl der Einzeltaten festzustellen. Die Opfer können verständlicherweise oft zur Anzahl der Taten keine eindeutigen Angaben machen, wenn es sich um immer wiederkehrende ähnliche Taten handelt und es sich, wie hier, um kindliche Zeugen handelt. Alle Unsicherheiten gehen da zu Gunsten der Täter. Wir meinen, wir können den zwei Hauptbeschuldigten insgesamt 454 Missbrauchsfälle nachweisen und darauf kommt es an.

„Wir haben uns gegen Verstärkung entschieden“

Die Ermittlungskommission „Eichwald“ wurde mehrfach aufgestockt. Hätten Sie auch Verstärkung gebraucht?

Wir hätten Verstärkung haben können, wenn wir gewollt hätten. Aber wir haben uns dagegen entschieden, weil es nur unübersichtlicher wird, je mehr Kollegen beteiligt sind.

Die Rolle der lippischen Polizei wurde heftig kritisiert – bis dann die Ermittler in Bielefeld den Fall übernommen haben. Sie wollten gar nicht, dass die Zuständigkeit abgegeben wird....

Wir hatten keine Anhaltspunkte dafür, dass die Polizei vor Ort die Ermittlungen nicht leisten kann. Im Rückblick hat es sich herausgestellt, dass die Kreispolizeibehörde in Lippe doch zu klein ist für solch einen Fall.

Stand es mal zur Debatte, dass auch die zuständige Staatsanwaltschaft wechselt?

Nicht wirklich. Wir wurden gefragt, ob wir die Arbeit leisten können – wir haben die Frage intern diskutiert und bejaht.

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„Alles auf den Kopf gestellt“

Ermittelt wurde auch im Umfeld der Kreispolizeibehörde, der ihr oberster Dienstherr, NRW-Innenminister Herbert Reul, mehrfach öffentlich Versagen vorwarf. Vor allem, nachdem ein Asservatenkoffer mit 155 Datenträger verschwand. Gibt es da neue Erkenntnisse? Oder ist das Verfahren eingestellt worden?

Wir haben nach wie vor keinerlei Spuren. Das Verfahren gegen Unbekannt läuft noch und wird erst eingestellt, wenn wir sagen: Jetzt haben wir alles versucht.

Was bedeutet das? Was tun Sie denn konkret?

Ein Sonderermittler des Landeskriminalamts, der in Lippe eingesetzt wurde, hat alles auf den Kopf gestellt und nichts gefunden. Polizeibeamte wurden befragt, vor allem der Kommissaranwärter, der die 155 CDs aus dem Koffer auswerten sollte.

„Die 155 CDs gesichtet, aber nicht ausgewertet“

Gab es eigentlich Konsequenzen für den Polizei-Azubi?

Nein. Er hatte die 155 CDs im Übrigen alle gesichtet, nur eben nicht ausgewertet. Da hätte man ihn besser anleiten müssen. Dass Kommissaranwärter solche Aufgaben übernehmen, ist meines Erachtens auch grundsätzlich nicht zu beanstanden, wenn sie ordentlich eingewiesen und beaufsichtigt werden. Und gegen den jungen Kollegen besteht auch keinerlei Verdacht, dass er etwas mit dem Verschwinden zu tun hat. Er ist auch nicht als Zeuge im Prozess geplant.

Wäre der Inhalt des Koffers denn relevant für den Prozess?

Der Anwärter hat alle 155 CDs gesichtet – und nichts gefunden, was mit den Missbrauchstaten in Lügde zu tun hat, vor allem keinerlei kinderpornografisches Material. So hat er es ausgesagt und seine Aussage gilt als glaubwürdig.

Was ist mit der Riesenmenge an Datenträgern, die auf dem Campingplatz gefunden wurden?

Das meiste sind Computerprogramme, Spiele und „normales“ Filmmaterial etwa von Ausflügen mit Kindern. Die vielen kinderpornografischen Dateien nehmen im Verhältnis dazu nur einen geringen Teil des Datenvolumens ein. Bei dem dritten Beschuldigten aus Stade wurde kein Material gefunden, das in Lügde gefilmt und selbst hergestellt worden sein könnte.

Was ist mit den Disketten und CDs, die beim Abriss von Andreas V.s Behausung gefunden wurden?

Wir gehen nach wie vor davon aus, dass sich diese in einem von außen nicht zugänglichem Hohlraum befanden, da zuvor ja sowohl die Polizei, als auch der Abrissunternehmer alles herausgeräumt hatten. Dieses Material ist für die Beweisführung aus mehreren Gründen nicht relevant: Die Datenträger waren alt und defekt. Sie wurden, wenn sie überhaupt dem Angeschuldigten Andreas V. zuzuordnen sind, wahrscheinlich entsorgt oder vergessen. Das, was die IT-Spezialisten der Polizei noch rekonstruieren konnten, war anscheinend uralt und auch von der Anzahl völlig unerheblich. Der mediale Wirbel darum steht in keinem Verhältnis zur Bedeutung. Selbst wenn die Dateien dort versteckt worden wären, was ich für völlig unwahrscheinlich halte, sehe ich den Umstand, dass sie bei der Durchsuchung nicht gefunden wurden, nicht als Fehler der Polizei an.

„Belastendes Material könnte gelöscht worden sein“

Gibt es Hinweise, dass der Hauptbeschuldigten Andreas V. mit Kinderpornos gehandelt hat?

Bisher nicht, aber ich kann es auch nicht ausschließen. In Kinderporno-Foren hat er 2008 Heiko V. aus Stade kennengelernt, ob da Gelder geflossen sind, wissen wir nicht. Das lässt sich nach mehr als zehn Jahren nur schwer rekonstruieren, belastendes Material könnte längst gelöscht und Datenträger entsorgt worden sein.

Haben die drei Beschuldigten sich in ihrer Untersuchungshaft zu den Vorwürfen geäußert?

Heiko V. aus Stade hat von Anfang an die Taten mit Hilfe von Andreas V. via Internetchat eingeräumt. Andreas V. hat uns über seinen Anwalt die Namen von weiteren Personen genannt, gegen die noch ermittelt wird. Von seinem Mittäter, dem 34-jährigen Mario S., haben wir bisher keine Aussage. Natürlich würden wir es begrüßen, wenn die Beschuldigten die Taten einräumen, das würde vielen Opfer wahrscheinlich eine detaillierte Aussage vor Gericht ersparen. Und es wäre das einzige, was sich strafmildernd auswirken würde.

Andreas V. soll auch gegen Mario S. ausgesagt haben.

Es gab Aussagen von Andreas V., die vor allem andere Beschuldigte und Mitangeklagte betreffen.

„Wir haben uns von den Medien getrieben gefühlt“

Um den Missbrauchsfall gab es von Anfang an viel politischen Wirbel – vor allem durch NRW-Innenminister Herbert Reul, der die Ermittlungspannen immer wieder scharf kritisierte. Hat Sie das unter Druck gesetzt?

Wir haben uns eher von den Medien getrieben gefühlt. Und: Herbert Reul ist Politiker, ich bin Jurist.

Das heißt?

In den Medien hieß es oft, wir würden uns widersprechen. Das ist nicht wahr, wir haben nur verschiedene Sichtweisen auf den Fall. Herr Reul kann sagen: „Wir drehen jeden Stein in Lügde um“. Und ich kann sagen: „Wir durchsuchen nicht den gesamten Campingplatz, weil es dazu keinen Anlass gibt.“ Einen persönlichen Kontakt gab es bisher übrigens nie. Ich bin Herrn Reul dankbar, dass er immer mehr Polizeibeamte zur Verfügung gestellt hat. Nicht das Innenministerium führt die Ermittlungen, sondern die Staatsanwaltschaft.

Die hat ja auch gegen das Jugendamt ermittelt. Was ist daraus geworden?

Die Ermittlungen laufen noch.

Mitarbeiter haben Unterlagen verfälscht, Polizisten Asservate verschlampt - hätten Sie das alles vorher für möglich gehalten?

Es kam in diesem Fall viel zusammen. Aber so etwas kommt vor, überall arbeiten Menschen und die machen eben auch Fehler und versuchen in Notsituationen, ihre eigene Haut zu retten.

„Ein Schweige-System, das den Kindern Angst gemacht hat“

Jahrzehntelang sollen Andreas V. und Mario S. Kinder missbraucht haben und niemand will etwas gesehen oder gemerkt haben - wie konnte das so lange unentdeckt bleiben?

Ich weiß nicht, ob die Leute die Augen verschlossen haben. Vor allem Andreas V. war sehr beliebt, sozial intelligent und hat viel mit den Kindern unternommen. Und wenn die Behörden Warnungen zuvor ernster genommen hätten, dann wären beide wahrscheinlich auch schon vorher verhaftet worden.

Können Sie nachvollziehen, dass das Vertrauen in die Behörden bröckelt?

Das kann ich auf jeden Fall, aber es sind und bleiben Einzelfälle.

Die beiden Hauptverdächtigen waren auch nicht einschlägig vorbestraft.

Nein, waren sie nicht. Sie müssen ein Schweige-System entwickelt haben, das den Kindern Angst gemacht hat. Daran haben sich alle Opfer bis Dezember 2018 gehalten.

Es gab aber Ermittlungsverfahren gegen Andreas V. und auch Mario S. wegen des Verdachts auf sexuellem Missbrauch, die dann von den zuständigen Staatsanwaltschaften eingestellt wurden...

Es kann sein, dass es solche Ermittlungen gab, die dann eingestellt wurden. Aber nicht hier in Detmold.

„Alles sehr verdreckt und vermüllt“

Sie waren ja auch persönlich am Tatort – welche Gedanken sind Ihnen dort durch den Kopf geschossen?

Ich mache mir immer gerne persönlich ein Bild vom Tatort. In diesem Fall war alles sehr verdreckt, vermüllt und überall roch es streng. Ich dachte mir, das ist kein Ort, wo ein achtjähriges Kind aufwachsen sollte.

Der Prozess soll ja nun am 27. Juni beginnen und nur rund drei Monate dauern, ist das realistisch?

Es sind zwei Verhandlungstage pro Woche angesetzt, drei Monate mit 25 Verhandlungstagen könnten ausreichen. Mit Prozessbeginn sind die Ermittlungen aber noch lange nicht abgeschlossen, wir haben immer noch eine Unmenge an Spuren und Hinweise auf mögliche weitere Taten und Tatorte.

„Im Raum steht auch eine Sicherungsverwahrung“

Wie geht es damit theoretisch weiter?

Es könnte zu einem zweiten Prozess kommen. Oder die aktuelle Anklage könnte erweitert und der erste Prozess verlängert werden.

Welches Strafmaß wird die Staatsanwaltschaft gegen die beiden Hauptbeschuldigten beantragen?

Für die meisten der Taten sieht das Gesetz eine Einzelstrafe von zwei Jahren vor – und diese Männer haben etwa 450 Taten begangen. Ich denke, dass sich der Antrag der Staatsanwaltschaft in Richtung der gesetzlichen Höchststrafe bewegen wird. Die beträgt 15 Jahre. Im Raum steht auch eine anschließende Sicherungsverwahrung.

Oberstaatsanwalt Ralf Vetter

Oberstaatsanwalt Ralf Vetter ist 59 Jahre alt und seit 2009 in Detmold tätig. Studiert hat er in Münster. Zunächst wollte er Steuerberater werden, hat sich dann aber doch für Jura entschieden. 1990 wurde er schließlich Staatsanwalt und arbeitete zunächst ein Jahr in Dortmund. Danach wechselte er nach Paderborn, wo er von 1991 bis 2009 tätig war.

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