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Panorama Sohn (11) stirbt bei Lkw-Unfall: „Der Gedanke an diesen Tag lässt einen niemals los“
Nachrichten Panorama Sohn (11) stirbt bei Lkw-Unfall: „Der Gedanke an diesen Tag lässt einen niemals los“
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09:30 17.12.2018
Kann den Schmerz nicht aushalten: Hans-Jürgen Roland (64) vermisst seinen Sohn Manuel (11). Der starb im April, nachdem ihn ein Lkw überrollt hatte.
Kann den Schmerz nicht aushalten: Hans-Jürgen Roland (64) vermisst seinen Sohn Manuel (11). Der starb im April, nachdem ihn ein Lkw überrollt hatte. Quelle: Christian Behrens
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Hannover

Wenn Hans-Jürgen Roland sich heute an den 18. April erinnert, steigen ihm unweigerlich die Tränen in die blauen Augen. Das freundliche Lachen des 64-Jährigen weicht dann einem tieftraurigen Gesichtsausdruck. „Ich habe das Gefühl, als wäre es gestern gewesen“, sagt er im Gespräch mit der „Neuen Presse“ aus Hannover und ringt um Fassung. Doch der 18. April liegt bereits acht Monate zurück. Acht Monate voller Schmerz – denn seit diesem sonnigen Tag im April liegt ein dunkler Schatten über seinem Leben. Sohn Manuel (11) ist tot.

Ein tragischer Unfall: Beim Abbiegen überrollte ein Lkw den elfjährigen Radfahrer an einer Kreuzung auf der Vahrenwalder Straße in Hannover. Für beide zeigte die Ampel Grün, allerdings befand sich Manuel im toten Winkel, der Lkw-Fahrer konnte ihn nicht sehen. Noch am Unfallort starb der Junge an seinen Verletzungen. Mutter Swetlana Nowak-Roland (52) fuhr direkt hinter ihm und musste den Unfall mit ansehen. „Sie kann nicht durchschlafen, kommt einfach nicht zur Ruhe“, beschreibt der Ehemann ihren Zustand heute. Das Leid wiegt schwer auf ihrer Seele, versuchte sie doch noch am Unfallort, ihren Sohn unter der Last des Lkw zu befreien. Ein Bild, das sie nicht mehr loswird.

Hans-Jürgen Roland mit einem Foto von seinem Sohn Manuel. Der Elfjährige starb im April 2018 bei einem Unfall in Hannover. Quelle: Rainer Droese

„Eines Tages werden wir ihn wiedersehen“

„Ich versuche, sie zu trösten, ihr den Schmerz, die Trauer und das Leid zu nehmen“, sagt Roland. Seinen eigenen Schmerz unterdrückt er dabei. Niemand könne ihn auffangen. Seine Stimme wird leiser, dann sagt er: „Ich habe ihn so sehr geliebt, aber ich kann ihn nicht mehr greifen, ihn nicht mehr spüren, ihn nicht mehr fühlen. Ich kann das einfach nicht verkraften.“ Wenn die Wunden ganz besonders schmerzen, setzt er sich in Manuels Kinderzimmer. Dort erinnert er sich an seinen Sohn. Der Raum ist gänzlich unberührt. „Dann sitze ich auf dem Bett, rieche an seinen Sachen und habe ihn für einen Moment bei mir“, gibt er preis. Um den Schmerz zu ertragen, beginnt er zu beten. Das Gottvertrauen spendet ihm und seiner Frau Trost, sie glauben an Wiedergeburt: „Eines Tages werden wir unseren Sohn in der Ewigkeit wiedersehen.“

Dieser Gedanke gibt ihm Kraft. Kraft, die er im Kampf für sichere Straßen gebrauchen kann. Er will, dass die Ampelschaltungen verändert werden. Die Stadt ist indes überzeugt, dass die Kreuzung auf der Vahrenwalder Straße den baulichen Voraussetzungen entspricht. Eine Optimierung der Signalschaltung wurde nach langer Prüfung als nicht notwendig befunden. Als indirekte Reaktion auf Manuels Unfall hat die Stadt in „vorderer Priorität“ die Kreuzungen auf der Vahrenwalder Straße mit breiten roten Fahrradfurten ausgestattet. Dennoch scheinen Ampelschaltungen grundsätzlich ein Problem bei Rad-Unfällen zu sein: Erst Ende November wurde erneut eine Schülerin von einem Lastwagen überrollt. Unfallursache: Der Lkw-Fahrer übersah die 16-Jährige, die in Burgdorf auf dem Weg zur Schule war. Wie bei Manuel.

Blumen und Kerzen liegen an der Kreuzung, an der ein Junge von einem Lkw getötet wurde. Quelle: Rainer-Droese

Nur wenige Stunden nach dem Unfall wurde in Garbsen ein Warnsystem eingeweiht, das verhindern soll, dass Lkw-Fahrer Radfahrer im toten Winkel übersehen. Die Stadt Hannover hält dieses System für unzulässig, es könnte sich negativ auf den Verkehr auswirken. Bei Roland löst das Unverständnis aus: „Die Straßen sind nach wie vor gefährlich. Das bisschen Farbe, das inzwischen auf die Straße gepinselt wurde, reicht da nicht aus.“ Manuels Vater sieht in jedem Lkw eine potenzielle Gefahr. Wenn er an der Kreuzung neben einem steht, macht sich Unwohlsein in ihm breit. Er bekommt es mit der Angst zu tun: „Ich höre dann das Quietschen der Reifen und fühle mich wie ge­lähmt.“

„Der Gedanke lässt einen niemals los“

Gedanken, die nicht schwinden wollen. Im Sommer reiste das Paar nach Russland, um sich abzulenken, einfach mal auszubrechen, das Leben zu­mindest ein wenig erträglicher zu machen. „Man kann noch so weit wegfahren“, sagt er und atmet tief ein, „der Gedanke an diesen Tag lässt einen niemals los.“

Umso schwieriger die Auseinandersetzung mit der Versicherung des Unfallfahrers. Die will nämlich nur zahlen, wenn das Ehepaar regelmäßig psychologische Gutachten vorlegt. „Sich so intensiv mit dem Unfall auseinanderzusetzen und ihn immer wieder aufzurollen, macht es für uns aber nicht leichter. Wir können nicht zur Ruhe kommen“, klagt Roland. Der rumänische Lkw-Fahrer wurde im August zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt und sollte 1500 Euro Geldbuße an den Klinikverbund Diakovere zahlen. Mit der Versicherung streitet Rolands Anwalt seither um das Schmerzensgeld: für den Vater fordere er 30.000, für die Mutter 80.000 Euro.

Roland zeigt sich wenig optimistisch, dass sie das Geld am Ende auch erhalten. Für die Zukunft wünscht er sich deshalb bloß eines: „Dass die Schmerzen mit der Zeit verblassen.“ Doch das wird wohl noch viele Jahre dauern.

Von RND/Mandy Sarti