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Panorama Sex and the Mutti - Das erstaunliche Leben der Beate Uhse
Nachrichten Panorama Sex and the Mutti - Das erstaunliche Leben der Beate Uhse
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08:36 23.10.2019
Beate Uhse, die Gründerin und Chefin des Flensburger Versandunternehmens für Sex- und Hygieneartikel, im März 1969 vor ihrem Versandhaus in Flensburg. Quelle: dpa

Beate Uhse, ach Gott, schon klar. Schmuddelsex im Bahnhofskino, düstere Erotikshops voller merkwürdiger Silikonstöpsel. Dauergewelltes Stöhnpersonal in schmierigen Ruckelfilmchen. Unrühmliche Vergangenheit. Im Jahr 2001 ist die Pionierin der kommerziellen Erregung gestorben, 81 Jahre alt. Und das Kopulationsimperium, das Beate Uhse in sechs Jahrzehnten aufgebaut hat, ist versunken. Pleite, irrelevant, von der Digitalisierung dahingerafft.

In diesen Tagen wäre Beate Uhse 100 Jahre alt geworden. Und sie würde staunen, was 19 Jahre nach ihrem Tod aus dem alten Tabuthema Sex geworden ist: Im Internet ist es heute nicht einfach, überhaupt noch bekleidete Menschen zu finden. Erotikstores in urbanen Ballungszentren gleichen pastellfarbenen Lifestyle-Wellness-Candyshops voller quietschbunter Silikonspielzeuge, die aussehen wie aus Fimo geknetet. Im ganz normalen Fernsehen läuft Werbung für niedliche Selbsterfreuungsutensilien. Und den Amorelie-Adventskalender voller „Sextoys, Dessous und Accessoires für ein spannendes Liebesleben“ gibt's auch bei Douglas, dm, Galeria Karstadt Kaufhof, Rewe, Rossmann und Edeka.

Nie aus der Schmuddelecke herausgekommen: Schaufenster eines Beate-Uhse-Geschäfts 2007 in Bochum.

Den Deutschen die Lockerheit einimpfen

Sexualität ist in manchen Soziotopen bei aller Restscham auf bestem Wege, ein allseits diskutiertes Freizeitvergnügen unter vielen zu werden. Freundinnen sprechen mit der gleichen Arglosigkeit über die Vorzüge eines Thermomix wie über den „Satisfyer Pro 2 Next Generation mit elf Intensitätsstufen für berührlose Stimulation“.

Das ist die große Tragik im Leben der deutschen Oberentkrampferin Beate Uhse: Ihre Firma ging unter, kurz bevor die Pornoästhetik die Popkultur und die Modewelt eroberte, kurz bevor alle nur denkbaren Varianten des Libidinösen zum Alltagsthema in Podcasts, Netzforen, Netflix-Serien, Ratgeberkolumnen und Hip-Hop-Videos wurden. Als das Thema Sex zum Mainstream wurde, war die alte Marke tot. Mission erfüllt.

Es war ein weiter Weg von der sexuell verkrampften Ahnungslosigkeit der Adenauerjahre zur durchsexualisierten Gegenwart. Und die Frau, die den Deutschen die Lockerheit einimpfte und zu einer der wirkmächtigsten Personen der Nachkriegszeit werden sollte, war eine kühle Pragmatikerin, die genau wusste, was sie wollte, wen sie überzeugen musste und wann sie recht hatte. Befreierin? Feministin gar? Nicht doch. Uhse war Unternehmerin. Bedarf erkennen, Angebot schaffen, Geld verdienen.

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„Fachgeschäft für Ehehygiene“

Beate Uhse aus Wargenau in Ostpreußen, 1919 als Tochter eines Landwirts und einer der ersten deutschen Ärztinnen geboren, absolvierte ihre Reifeprüfung in der Odenwaldschule in Ober-Hambach, wurde mit 16 Jahren deutsche Meisterin im Speerwurf und überführte im Zweiten Weltkrieg als Pilotin im Range eines Hauptmanns Messerschmitt-Kampfflugzeuge an die Front. Beim Einmarsch der Roten Armee flog sie im April 1945 mit ihrem Sohn und einem Kindermädchen in einer „Siebel Fh 104“-Zivilmaschine über Travemünde nach Flensburg. Als Pilotin durfte sie nach dem Krieg nicht mehr arbeiten, ihr Mann war gefallen, also schlug sich die mittellose, verwaiste Kriegerwitwe auf dem Schwarzmarkt durch – und hörte dort 1946 die Klagen über die sexuellen Nöte der Trümmerfrauen. Nicht nur, dass den traumatisierten Frontsoldaten, die überhaupt überlebt hatten, der Sinn nicht zuvörderst nach Erotik stand – in dieser Zeit des Hungers schwanger zu werden war ein großes Risiko.

Ein Leben als Spiegel der deutschen Geschichte: Beate Uhse in den Vierzigerjahren in Fliegermontur vor einem Flugzeug. Quelle: dpa

Uhse reagierte mit einem Büchlein, das heute ein Klassiker ist. In der Broschüre namens „Schrift X“ erklärte sie die noch weithin unbekannte Knaus-Ogino-Methode zur Verhütung, Rechentabelle zur Ermittlung der „ungefährlichen Tage“ inklusive. Zum Preis von 2 Reichsmark, dem Gegenwert für eine Viertelzigarette, verkaufte sie das Heft im Bekanntenkreis. Es wurde sofort ein Bestseller. Innerhalb weniger Monate ließ sie 30.000 Stück drucken. 1951 gründete sie das „Versandhaus Beate Uhse“, elf Jahre später eröffnete sie in Flensburg ihr „Fachgeschäft für Ehehygiene“ – den ersten Sexshop der Welt.

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„Was ist nur mit Renate?“

Uhses Trick gegen die Prüderie der jungen Republik und ihre Sittenwächter: Sie gab sich als Retterin einer deutschen Institution aus: der Ehe. Dank ihrer Hilfe würden Mann und Frau als Keimzelle einer sittlich untadeligen Gesellschaft von Fremdgängerei abgehalten und in einem Zustand sinnlicher Zufriedenheit den Aufbau des Staates ohne weitere Ablenkung voranbringen können. Ihr erster Katalog von 1952, 30 Seiten stark, wurde ein Bestseller. Bald hatte sie fünf Millionen Kunden.

Ein Blick in die Katalogwelt von damals ist heute ein Fest für die Sinne. Da finden sich Schriften über weibliche Frigidität („Frau Müller will sich scheiden lassen“), über Verhütung („Was ist nur mit Renate?“) oder über Impotenz bei Männern („Mit Herrn Krüger stimmt was nicht“). Zu kaufen gab es bei Uhse alles, was die Liebe erleichtern sollte: „Rimbacher R 8 Kondome mit Trisenium“ (24 Stück für 8 Mark), den legendären „Era Trockenspanner für benutzte Kondome inklusive einer Streudose Präservativpuder“ (5 Mark), das „prickelnde Show-Kostümchen Paola“ mit einem Büstenhalter „von der Form aufgeblühter Seerosen“ (23 Mark) oder auch allerhand Heftchen voller erotischer Bilder mit wunderschönen Titeln wie „Wilde Ariadne“, „Goldige Jugend“ oder „Renate im Wald“.

Gegen „Störungen im erotischen Leitnervensystem

Die Retterin der deutschen Ehe: Beate Uhses „Fachgeschäft für Ehehygiene“ Mitte der Sechzigerjahre in Hamburg. Quelle: picture alliance / IMAGNO/Votava

Die technischen Gerätschaften zur Luststeigerung wirken aus heutiger Sicht eher wie aus einem rustikalen Zubehörversand für die Bullenzucht. Dildos nannte man technisiert-verschämt lieber „pneumatische Teilprothese im Leder-Etui mit praktischer Handpumpe“ oder einfach „Sorgenfrei“. Klare Empfehlung damals bei männlicher Lustlosigkeit: das Anregungsmittel „Herren-Silber“ zur Einnahme „in fester und flüssiger Form zur Überwindung zeitweiliger Störungen im erotischen Leitnervensystem“ (7,20 Mark).

Und das erotische Leitnervensystem der Deutschen war erheblich gestört. Die rigide Sexualmoral unterdrückte alles, was die Möglichkeit menschlicher Sinnenfreude auch nur andeutete. Mehr als 2000 Strafanzeigen handelte sich Uhse ein, unter anderem wegen „Broschüren mit schweinischem Inhalt“ oder „Beihilfe zur Unzucht“. Werbung für Kondome war verboten, Homosexualität ein Verbrechen, Hildegard Knefs harmlose Nacktszene im Film „Die Sünderin“ wurde zum Skandal, und der „Kuppeleiparagraf“ untersagte es Hausbesitzern bis 1973, unverheirateten Paaren eine Gelegenheit zum sündhaften sexuellen Stelldichein zu geben.

Uhse mühte sich um Hilfestellung in Bettfragen – auch mit dem unvergessenen Paar „Helga und Bernd“, das in einem Foto-Bildband beherzt sportive Sexstellungen präsentierte, die freilich allesamt eine Aura der Verzweiflung umweht. Zur Bewahrung der sittlichen Reinheit der Leserschaft tragen Helga und Bernd auf den Schwarz-Weiß-Fotos hautenge Lurextrikots. Das führt dazu, dass ihrer Präsentation etwas Wurstiges anhaftet.

Kondomtrockner „für Sparsame“: Verkaufsraum von Beate Uhses „Fachgeschäft für Ehehygiene“ Mitte der Sechzigerjahre in Hamburg. Quelle: picture alliance / IMAGNO/Votava

Frührentner im Netzunterhemd

Uhse nutzte als Warenlager in den Anfangsjahren die Schubladen einer Wickelkommode in der kleinen Wohnung im Flensburger Pfarrhaus Sankt Marien, auf dem ihr Sohn Klaus frische Windeln bekam. Der Rest ist Geschichte. Mit Oswald Kolle, dem „Aufklärungsfilmer“, und dem fiktiven Dr. Sommer der „Bravo“ gehört Beate Uhse zu den drei großen Aufklärern der Republik. Clever und smart erklärte sie in Talkshows Dildos oder beschrieb vor einem verschämt kichernden TV-Publikum unbekümmert ihren Kondomtrockner „für Sparsame“.

Bis zwei Jahre vor ihrem Tod dachte Uhse nicht ans Aufhören. Am liebsten sprach sie über ihre Firma, die sie 1999 an die Börse brachte („Dafür schalte ich sogar mein Hörgerät an“). Es war der Höhepunkt des Erfolgs. „Nicht die Großen fressen die Kleineren, sondern die Schnelleren die Langsameren“, sagte sie selbst. Ihr Unternehmen freilich gehörte zu den Langsamen. Die Beate Uhse AG verschlief die Digitalisierung vollkommen. Und als Erotikartikel allmählich begannen, den Bereich des Schmuddeligen hinter sich zu lassen, trugen ihre Produkte immer noch Macho-Beömmelungs-Namen wie „Grabsch Tittis“. Vom Image des Pornoladens hinterm Bahnhof hat sich die Firma nie befreien können. Smarter Lifestyle? Eher Lieferant für Swingerclubs mit Kartoffelsalat und Frührentnern im Netzunterhemd.

Vom Internet verschluckt: Die Versuche, die Beate-Uhse-Läden zu coolen Lifestyle-Shops umzugestalten, kamen zu spät.

Sex ist heute ein Lifestyle-Business

Bis ins hohe Alter blieb Uhse fit und vital. Sexualität, fand sie, sei keine Frage des Alters. So sah das auch Oswald Kolle stets. Auf die Frage, warum ein alter Mann mit 80 Jahren noch Viagra brauche, sagte er mal: „Gehen Sie doch zu Ihrem Großvater, zertrampeln Sie seine Brille und sagen: ‚Du hast schon genug gesehen, Alter, was musst du noch weiter gucken?‘“

Beate Uhses Leben war ein Spiegel der deutschen Geschichte. Und ihre Erben sind smarte Unternehmerinnen wie Amorelie-Gründerin Lea-Sophie Cramer (32), die mit der Idee, Sexartikel aus der Kitsch-und-Glitsch-Ecke zu holen und in einem stylishen Onlineshop zu vertreiben, zu einem Star der deutschen Start-up-Szene wurde. Zum Jahresende hört sie auf. Sie übergibt ihre Firma Amorelie in die Hände von Claire Midwood, bisher Vertriebschefin bei Apple und zuvor 20 Jahre bei Adidas tätig. Sex ist heute ein Lifestyle-Business. Für die Freiheit, Dildos zu verkaufen, muss niemand mehr kämpfen.

Die Fragen werden bleiben

Parallel zur neuen Tabulosigkeit freilich, zur massenhaften erotisierenden Bilderflut, hat sich ein prüdes Neobiedermeier entwickelt, eine neue Sittlichkeit. Hollywood zeigt kaum noch Brüste, Teile des konservativen Bürgertums fürchten um die Unschuld ihrer Kinder, sobald der Sexualkundeunterricht zu explizit zu werden droht. Und im Süden Deutschlands verkaufte jüngst ein älteres Ehepaar nach Jahrzehnten sein Haus, weil der Enkel sich als schwul geoutet hatte und die Dorfgemeinschaft daraufhin die Familie schnitt.

Ein weites Feld voller Unsicherheit und Hader wird Sexualität immer bleiben – auch nach Kolle, Uhse und Dr. Sommer. Schon weil jede neue Generation wieder dieselben Fragen hat. „Meine Freundin und ich haben uns befummelt“, schreibt etwa Marcel (15) in einem Teenagerforum voller Sorge. „Ist sie jetzt schwanger?“ Es hört niemals auf.

Von Imre Grimm/RND

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