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Panorama Schwarzer warnt vor „falscher Toleranz“
Nachrichten Panorama Schwarzer warnt vor „falscher Toleranz“
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10:25 18.09.2010
Von Wiebke Ramm
Alice Schwarzer warnt in ihrem neuen Buch vor „falscher Toleranz“ und fordert ein Verschleierungsverbot für Schülerinnen.
Alice Schwarzer warnt in ihrem neuen Buch vor „falscher Toleranz“ und fordert ein Verschleierungsverbot für Schülerinnen. Quelle: dpa
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Ob Thilo Sarrazin wegen seiner Ansichten zu Integration, Vererbung und Intelligenz nach seinem Bundesbankposten auch die SPD-Mitgliedschaft verliert, ist offen. Ob Jörg Kachelmann seine Exfreundin vergewaltigt hat, kann erst das Gericht in Mannheim feststellen – wenn überhaupt. Die Stimme des Volkes ist in beiden Fällen nicht die entscheidende, laut ist sie trotzdem. Beide Vorgänge werden von einem gewaltigen Meinungssturm begleitet – und mitten hinein begibt sich Alice Schwarzer, hier wie dort freiwillig.

Seit Jahrzehnten kämpft die 67-jährige Feministin und „Emma“-Herausgeberin für die Rechte der Frauen im Allgemeinen und nun auch in diesen beiden Fällen im Besonderen. Im Kachelmann-Prozess will sie mit ihrer Anwesenheit im Gerichtssaal und ihren Berichten ausgerechnet für die „Bild“-Zeitung („So war die Sex-Nacht“) dafür sorgen, dass die Position der Exgeliebten ernstgenommen wird. Und jetzt stürzt sie sich mit einem eigenen Buch in die hohen Wellen, die Sarrazin mit seinem Werk „Deutschland schafft sich ab“ geschlagen hat. „Die große Verschleierung – Für Integration, gegen Islamismus“, hat Alice Schwarzer ihr Buch (Verlag Kiepenheuer & Witsch, 320 Seiten, 9,95 Euro) genannt. Ihre Hauptforderung: Kopftuchverbot an Schulen nicht nur für Lehrerinnen, sondern auch für Schülerinnen.

Für Schwarzer ist das Kopftuch kein bloßes Stück Stoff, keine Mode. Sie sieht in dem Tuch wie auch in der Burka ein politisches Symbol, mit dem ein Menschenbild transportiert wird, das Frauen gleiche Rechte abspricht und sie den Männern unterordnet. Schwarzer bemerkt eine zunehmende Verschleierung der Frauen sowohl in islamischen Ländern als auch unter Migrantinnen in Europa. Eine Tendenz, die sie beunruhigt.

Biologismus und Genetik findet sich in Schwarzers Buch, das am Donnerstag erscheint, nicht. Tatsächlich ist es eine Sammlung alter Artikel, die über mehr als 30 Jahre in ihrer „Emma“ erschienen sind. Denn Schwarzers Kampf für die Gleichberechtigung der muslimischen Frau begann schon im Jahr 1979, als sie in den Iran reiste und früh vor der Radikalisierung des Regimes um Ayatollah Khomeini warnte.

Zu den Autorinnen in ihrem Buch gehören die Philosophin Elisabeth Badinter, die Journalistin Antonia Rados, die Algerierin Djemila Benhabib und auch die Deutschtürkin Necla Kelek, die zuletzt als Verteidigerin Sarrazins aufgefallen ist. Keleks Ansicht nach schreibt dieser lediglich drastisch über „bittere Wahrheiten“ und sollte mit Totschlagargumenten wie „Rassismus“ oder „Antisemitismus“ mundtot gemacht werden.

Heftige Anfeindungen ist auch Schwarzer als Feministin, die den Boulevard nicht scheut, gewohnt. Geschreckt hat sie das nie. Auch jetzt wird sie wissen, dass sie nicht nur mit positiven Stimmen zu rechnen hat. Schon im Juli 2006 antwortete sie der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ auf die Frage, ob die Deutschen die Islamisierung der Gesellschaft selbst mit betreiben: „Absolut! Wir waren 25 Jahre lang naiv und ignorant – oder sogar Sympathisant. Und die wenigen, die begriffen haben, haben sich einschüchtern lassen. Sie hatten Angst, als ,Rassisten‘ denunziert zu werden – wie es ja auch mir passiert ist.“

Schwarzer sieht die Grundwerte der westlichen Gesellschaft bedroht durch eine „falsch verstandene Toleranz“ gegenüber einer fundamentalistischen Minderheit, die mit Symbolen wie dem Kopftuch ihren Machtanspruch ausbaue. „Das Kopftuch ist seit dem Sieg Khomeinis im Iran 1979 weltweit die Flagge der Islamisten“ – also ein politisches Symbol und kein harmloses Stoffquadrat. Schwarzer sieht das Kopftuch in einer Linie mit der Scharia. Das „wahre Problem“ in Europa sei nicht der islamistische Terrorismus, sondern „die systematische Unterwanderung unseres Bildungswesens und Rechtssystems mit dem Ziel der ,Islamisierung‘ des Westens, im Klartext: die Einführung der Scharia mitten in Europa“.

Alice Schwarzer geht es um Integration, nicht um Ausgrenzung. So betonte sie gestern im ARD-„Morgenmagazin“, dass ihre Kritik sich weder gegen den Islam noch gegen die Muslime richte: „Ich meine die Islamisten, also die Kräfte, die den Islam missbrauchen für ihre politische Machtstrategie“, sagte sie. Gegen diese gelte es zu kämpfen. Die Muslime, die in Deutschland leben, seien „als Erste Opfer dieser Kräfte“. Sie seien es, die unter Druck gesetzt würden, „und zu denen müssen wir halten“, forderte die Publizistin.

In dem Vorwort ihres Buches zieht Schwarzer eine gewagte Parallele: „Die Islamisten haben nie ein Hehl aus ihren Absichten gemacht. So wenig wie einst die Nationalsozialisten.“ Weiter heißt es: „Auch in ,Mein Kampf‘ stand ja schon alles drin. Auch wir hätten es damals wissen können, ja müssen. Und auch die aufgeklärten Muslime haben lange, zu lange geschwiegen – aus Angst, des ,Verrats‘ an der eigenen Community bezichtigt zu werden.“ Menschen, die das Kopftuch als Ausdruck religiöser Freiheit verteidigen, wirft sie Verharmlosung vor.

Aiman Mazyek, Generalsekretär des Zentralrats der Muslime, bezichtigt Schwarzer prompt der Pauschalierung und fordert, „nicht Öl ins Feuer zu gießen, nicht den Brunnen zu vergiften, sondern wirklich etwas für die Integration zu tun“.

Sarrazin und Kachelmann: „Das sind die beiden großen Themen, über die die Nation zurzeit spricht“, stellte auch Harald Schmidt in seiner jüngsten Sendung fest – und fügte hinzu: „Und bitte nicht verwechseln: Sarrazin ist der mit den Kopftuchmädchen, der mit den Lausemädchen ist Kachelmann.“ Zumindest der Hinweis auf die Mädchen dürfte – dem ironischen Unterton zum Trotz – ganz im Sinne Schwarzers gewesen sein.