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Panorama Missbrauch auf Campingplatz: Addi, der Kinderfänger
Nachrichten Panorama Missbrauch auf Campingplatz: Addi, der Kinderfänger
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20:32 13.04.2019
Tatort Laube: In der Hütte auf dem Campingplatz Eichwald hat Andreas V. mit seiner Pflegetochter gewohnt. Quelle: dpa
Lüdge

Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer auf dem Campingplatz Eichwald. Es ist der 6. Dezember 2018, Katrin Barkowsky sieht die Polizeistreife gerade wegfahren, auf der Rückbank sitzt ein Mann. Wohl einer, der Blödsinn gemacht hat oder zu schnell Roller gefahren ist, denkt sie. Als sie oben am Wiesenhang, am anderen Ende des Platzes, bei ihrer Mutter ankommt, weiß die es schon: Addi ist verhaftet worden. Aber warum? Niemand auf dem Platz kann sich einen Reim darauf machen.

Einige Wochen später wird aus Addi „Andreas V.“ – in Polizeiakten, Zeitungsberichten, Fernsehsendungen. Der 56-Jährige stehe unter dem dringenden Verdacht des schweren sexuellen Kindesmissbrauchs, teilt die Polizei am Morgen des 30. Januar mit. Andreas V. soll sich in den vergangenen zehn Jahren an seiner Pflegetochter und 22 anderen Kindern im Alter von vier bis 13 Jahren vergangen und sie dabei gefilmt haben. Von 1000 Einzelfällen ist die Rede, von zwei Mittätern, Tage später schon von 29 Opfern, es könnten auch noch mehr sein. Die Polizei ist noch dabei, zehn Computer, neun Mobiltelefone, 40 Festplatten und 400 CDs und DVDs auszuwerten. Auf dem Campingplatz will niemand etwas geahnt haben. Die Jugendämter wollen nichts gewusst haben. Wie kann das sein?

Mikrokosmos Campingplatz

Ein Campingplatz ist ein Mikrokosmos, ein Dorf im Dorf, ein Gefüge aus Menschen, die gemeinsam Freizeit verbringen. Der 100.000 Quadratmeter große Campingplatz Eichwald liegt in Lügde-Elbrinxen – ein Ort, der für seine Osterräder bekannt ist und für seine Storchenstation. Rundherum ist viel Nichts, weite Natur zwischen dem Teutoburger Wald und dem Weserbergland. Der Platz liegt an einem Hang, eingerahmt von Wiesen.

Der Platz liegt an einem Hang, eingerahmt von Wiesen: Blick auf den Campingplatz Eichwald, aufgenommen mit einer Drohne. Quelle: dpa

Katrin Barkowsky ist 26 Jahre alt und ungefähr so lange schon Camperin auf dem Platz. „Hier kennt jeder jeden, und die meisten sind ziemlich gut befreundet“, sagt sie, „zumindest die Dauercamper am Hang.“ Die Parzelle von Addi liegt ganz unten am Hang, hinter dem Spielplatz. Oben sei er eigentlich nie gewesen, aber jeder kenne ihn – und seine Eltern, die vor mehr als zehn Jahren gestorben sind. „Sie waren die guten Seelen vom Platz“, sagt Barkowsky. Bei ihnen gab es Waffeln, Lagerfeuerabende mit Stockbrot und Minigolfturniere. Die Kinder hatten Spaß und die Eltern Vertrauen. „Sie haben dem Platz gut getan“, sagt Barkowsky über Familie V. Ein Ruf, von dem der Sohn offenbar lange profitierte.

„Addi war beliebt“: Windspiele stehen und hängen an der Hütte von Andreas V. auf dem Campingplatz Eichwald. Quelle: dpa

„Addi war beliebt“, sagt auch Patricia Gnerlich, 24, die ihre Jugend auf dem Platz verbracht hat, „ganz Elbrinxen mochte ihn“. Nach dem Tod seiner Eltern habe er weiter Kinder betreut: Er sei mit ihnen tauchen gegangen, Quad gefahren, habe Ausflüge geplant. „Er sagte den Kindern oft: Ihr könnt bei mir schlafen, dann machen wir morgen was Schönes.“ Woher er all das Geld hatte, fragten sich viele. Hinweise auf Handel mit Kinderpornografie haben die Ermittler bislang keine. Sie gehen von „Eigenbedarf“ aus.

Auch habe er eine etwa 13-Jährige versucht zu betätscheln, sagt Gnerlich. Sie solle sich weniger schminken, sie sei „eine Hübsche“, habe er gesagt. „Aber ich habe eine große Klappe, das hat er nur einmal gemacht.“ Bei wie vielen Kindern Andreas V. damit durchkam? „Fast jeden Tag waren andere Kinder bei ihm“, sagen die beiden, „es waren etliche“. Im Sommer seien ständig Kinder in Badesachen bei Andreas V. vorbeigelaufen, weil es dort entlang zum Freibad geht. Es gab auch Nachtschwimmaktionen, erinnern sich Barkowsky und Gnerlich. „Bei Addi brannte dann immer noch Licht.“ Immer wieder stocken die beiden beim Erzählen, so als setzten sich die Puzzleteile in ihren Köpfen erst jetzt zu einem Bild zusammen.

Auch den mutmaßlichen Mittäter Mario S. kannten beide gut. „Er war immer nett, hilfsbereit, fleißig“, sagen sie. „Dass er etwas mit Addi zu tun hatte, wussten wir gar nicht.“ Der 33-Jährige, der ansonsten bei seinen Eltern in Steinheim lebte, soll Andreas V.s Komplize gewesen sein, laut Staatsanwaltschaft ist auf den Videos zu sehen, wie auch er sich an Kindern vergeht.

Jugendamt gerät in den Fokus der Ermittlungen

Ob es weitere Mittäter gibt, ist unklar. Wer sich unter den Campern umhört, stößt auf Seltsames. So beschreiben mehrere Bewohner des Platzes einen Mann Mitte 40, der ebenfalls aus Steinheim kommt und mit Mario S. befreundet sein soll. „Er hat immer wieder Kinder zu Mario gebracht“, heißt es. Es sollen auch geistig behinderte Kinder darunter gewesen sein. Nachprüfen lässt sich das nicht. Die Polizei hält sich bedeckt. Mit Andreas V. will die beiden nie jemand gesehen haben. Bei ihm waren immer nur Kinder.

Andreas V. aber hatte nicht nur sehr oft Kinder zu Besuch, bei ihm wohnte auch eine Pflegetochter. Anfang 2017 wurde ihm Lea, die in Wahrheit anders heißt, vom Jugendamt offiziell zugesprochen, er erhielt dafür seitdem 1000 Euro im Monat. Inoffiziell war Lea, heute acht Jahre alt, lange vorher bei ihm. Vor einer Jobcentermitarbeiterin soll der Arbeitslose einmal geprahlt haben: „Dieses Mädchen wurde mir schon mit neun Monaten geschenkt“, sagt Oberstaatsanwalt Ralf Vetter, der den Fall mit einem rund 20-köpfigen Ermittlerteam aufarbeitet. Die Mutter sei überfordert gewesen und habe sich 2016 ans Jugendamt gewandt, heißt es von der Behörde selbst.

Jenes Jugendamt des niedersächsischen Landkreises Hameln-Pyrmont, das aufgrund des Wohnorts der Mutter vor allem zuständig war, steht nun im Fokus. Wieso darf ein kleines Mädchen bei einem alleinstehenden Hartz-IV-Empfänger leben, der seit 30 Jahren auf einem Campingplatz wohnt? Und warum sind zwei Hinweise auf sexuellen Kindesmissbrauch bei den Behörden offenbar im Sande verlaufen?

„Ich möchte mich im Namen des Hauses vor den 29 Opfern in Respekt verneigen.“

SPD-Landrat Tjark Bartels

Ein zweites Jugendamt ist involviert, das im Kreis Lippe, weil der Campingplatz auf nordrhein-westfälischem Gebiet liegt. Mitarbeiter der NRW-Behörde nahmen Lea am 13. November 2018 in Obhut, kurz nachdem eine Mutter den Missbrauch ihrer neunjährigen Tochter anzeigte – eine Freundin von Lea. Die Partnerbehörde in Hameln erfuhr das erst im Nachhinein.

Jenes Jugendamt Hameln-Pyrmont beruft Anfang dieser Woche eine Pressekonferenz ein. SPD-Landrat Tjark Bartels sitzt mit ernster Miene Dutzenden Journalisten gegenüber. „Ich möchte mich im Namen des Hauses vor den 29 Opfern in Respekt verneigen“, sagt der SPD-Politiker. Auf das Wort Entschuldigung verzichtet er, denn noch sieht er keine Schuld bei seiner Behörde: „Wir waren nicht personell unterausgestattet, wir haben, unter dem Gesichtspunkt, was wir rechtlich können und dürfen, alles getan.“ Die Behörde argumentiert, der Wille der Kindsmutter habe Vorrang. Sie habe das Sorgerecht und dürfe grundsätzlich bestimmen, wo das Kind lebt. Nur bei Hinweisen auf Kindswohlgefährdung habe das Amt rechtliche Mittel.

„Ich möchte mich im Namen des Hauses vor den 29 Opfern in Respekt verneigen“: SPD-Landrat Tjark Bartels aus Hameln-Pyrmont. Quelle: dpa

Aber es gab Hinweise, sogar mehrere – nur erreichten sie offenbar nie die richtigen Stellen. Eine Jobcenter-Mitarbeiterin aus dem nahegelegenen Blomberg wendete sich bereits 2016 an die Polizei. Bei einem Termin mit Andreas V. habe das Kind im Winter verschmutzte Sommerkleidung getragen. Außerdem habe der Mann erwähnt, das Kind würde ihn „heiß machen“, dann aber nicht mehr wollen – „so seien halt Frauen“. Für Süßigkeiten würde sie aber „alles machen“. Das Mädchen soll gesagt haben, sie ekle sich vor dem Geruch von Männern, weil „die immer so schwitzen“.

Das Jugendamt sagt, sie hätten daraufhin von der Polizei einen Hinweis auf „Verwahrlosung“ erhalten. Auch das Jugendamt Kreis Lippe erhielt diesen Hinweis und überprüfte nach eigenen Angaben „umgehend die Situation vor Ort“. Die Einschätzung der Mitarbeiter habe ergeben: Das Kind habe nicht in einem verwahrlosten Umfeld gelebt.

„Wir haben nie verstanden, wieso ein Pflegekind bei ihm leben durfte. Das war schon immer ein Messihaus.“

Campingplatz-Bewohnerin Katrin Barkowsky

Wer in diesen Tagen vor der Parzelle von Andreas V. steht, sieht ein zusammengewürfeltes, aber geräumiges Stückwerk aus einem Wohnwagen, einer Hütte und einem zusammengezimmerten Vorbau mit jeder Menge Gerümpel. Ein Motorroller, eine alte Mikrowelle, Wäscheständer, Werkzeugkisten und anderer Schrott türmen sich in dem Vorraum. Katrin Barkowsky kann die Einschätzung der Behörden nicht nachvollziehen. „Es war vermüllt, siffig, hat gestunken“, sagt sie. „Wir haben nie verstanden, wieso ein Pflegekind bei ihm leben durfte. Das war schon immer ein Messihaus.“

„Wir haben nie verstanden, wieso ein Pflegekind bei ihm leben durfte. Das war schon immer ein Messihaus“: Blick in den Vorhof des Laube. Quelle: Julia Rathcke

Wie kam es zu der Einschätzung des Amts? Andreas V. sei außergewöhnlich lange vorab überprüft worden, sieben Monate lang, erklärte das Jugendamt Hameln-Pyrmont. Allein im vergangenen Jahr seien zwei Jugendamtsmitarbeiter fünf- bis sechsmal bei Andreas V. gewesen. Es sei „nicht optimal“ gewesen, aber besser als die Behausungen, die die Kollegen sonst so zu sehen bekämen. Außerdem sei einmal die Woche jemand von der Familienhilfe dort gewesen – offenbar ohne misstrauisch zu werden.

Erste Hinweise bereits 2016

„Es ist schwierig zu verstehen, warum offensichtlich eine Zusammenarbeit zwischen Jugendamt und dem Familiendienst nicht funktioniert hat“, sagt Cordula Lasner-Tietze, Bundesgeschäftsführerin des Kinderschutzbunds. Auch bei ihnen sei in dem Fall ein Hinweis eingegangen. Im August 2016 meldete sich ein Vater beim Kinderschutzbund in Pyrmont. Andreas V. habe sich bei einem Kindergeburtstag seine Tochter auf die Schultern gesetzt mit den Worten, er finde es „schön, kleine Mädchen mit Röckchen im Nacken sitzen zu haben, die schwitzen“. Der Vater – so hat er es erklärt – verprügelte Andreas V., erstattete Anzeige, und der Kinderschutzbund informierte in seinem Auftrag das Jugendamt Hameln.

Landrat Bartels sagt: „Aus unserer Erinnerung hatten wir keine Kenntnis von dem Hinweis des Vaters.“ Auch das Zitat der Jobcentermitarbeiterin sei ihm unbekannt. Beide Hinweise kamen vor der Entscheidung, Andreas V. zum Pflegevater zu machen. Nach allem, was sie damals gewusst hätten, sei es für das Kind die richtige Entscheidung gewesen, sagt Bartels noch einmal.

Von Julia Rathcke/RND

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