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Panorama Kommt die Helmpflicht für E-Bikes?
Nachrichten Panorama Kommt die Helmpflicht für E-Bikes?
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20:28 26.01.2012
Von Nicola Zellmer
E-Bikes werden bis 45 Stundenkilometer schnell.
E-Bikes werden bis 45 Stundenkilometer schnell. Quelle: dpa
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Goslar

Radfahren ist gesund und umweltfreundlich. Doch nicht jeder mag ständig strampeln. Da kommen die sogenannten E-Bikes oder Pedelecs gerade recht. Rund 600 000 elektrisch unterstützte Fahrräder sind heute bereits auf Deutschlands Straßen unterwegs – Tendenz steigend. am Donnerstag beschäftigten die bis zu 45 Stundenkilometer flotten Zweiräder nun auch die Experten beim 50. Verkehrsgerichtstag in Goslar. Verkehrsexperten, Juristen und Wissenschaftler diskutierten darüber, ob Helm- und Führerscheinpflicht für die Pedelecs notwendig sind.

Zuvor hatte Bundespräsident Christian Wulff (CDU) in seiner Eröffnungsrede angesichts des zunehmenden Verkehrsaufkommens in der „alternden Gesellschaft“ mehr Rücksichtnahme auf der Straße gefordert. Zugleich mahnte er einen verantwortungsvollen Umgang mit der mobilen Freiheit an: „Wachsende Verkehrsströme, zunehmender Verbrauch von Flächen und Ressourcen können nicht einfach hingenommen werden, sondern erfordern Schutz vor schädlichen Folgen der Mobilität“, sagte Wulff. Die Gesellschaft müsse sich Gedanken machen, wie Mobilität in Zukunft vernünftig, nämlich nachhaltig, gestaltet werden könne.

Der Bundespräsident würdigte die Verdienste des VGT. Der Verkehrsgerichtstag habe die Verkehrssicherheit in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten maßgeblich mitgestaltet und mitgeprägt. Der größte Erfolg aller Bemühungen des VGT, die Sicherheit des Straßenverkehrs zu erhöhen, sei es, „dass die Zahl der Verkehrstoten in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich abnahm“, sagte Wulff. „1970, im bisher schwärzesten Jahr der Unfallstatistik, waren 21 332 Todesopfer zu beklagen. 2010, also genau 40 Jahre später, hatten wir mit 3651 Toten im Straßenverkehr einen historischen Tiefstand erreicht – und das, obwohl sich das Verkehrsaufkommen inzwischen verdreifacht hat“.

Ein Sorgenkind bleiben dabei die Radfahrer. So zeigte eine Studie aus Münster im vergangenen Jahr laut dem Magazin „Focus“, dass es bei Fahrradunfällen eine hohe Dunkelziffer gibt. Während die amtliche Statistik lediglich 723 Unfälle auflistete, dokumentierten Unfallforscher 2250 Unfälle – bei einem Vierteil davon erlitten die Radfahrer Kopfverletzungen.

„Durch das Tragen eines Fahrradhelms lassen sich 50 Prozent der tödlichen oder schweren Kopfverletzungen bei Fahrradunfällen vermeiden“, sagt Unfallforscher Wolfram Hell vom Rechtsmedizinischen Institut der Ludwig-Maximilian-Universität München, der für die Hannelore-Kohl-ZNS-Stiftung bereits zwei Konferenzen zum Thema Sicherheit im Radverkehr durchgeführt hat und auch beim Pedelec-Forum in Goslar anwesend war.  „Zum Thema Pedelecs gibt es derzeit noch ganz wenig Erkenntnisse“, sagt er. So zynisch es klinge, man müsse erst noch mehr Unfälle auswerten, um belastbare Daten zu bekommen, erklärt er. Weil die Verkaufszahlen für die elektrisch unterstützen Zweiräder in die Höhe schnellen, sehen Experten wie Hell jedoch dringenden Handlungsbedarf.

„Ein Unfall ohne Fahrradhelm birgt  schon bei Geschwindigkeiten von 15 oder 20 Stundenkilometern ein hohes Risiko für Kopfverletzungen“, macht Hell deutlich. „Das ist ähnlich als ob man ein weichgekochtes Ei aus 30 Zentimetern Höhe auf den Asphalt fallen lässt. Ohne Schutz bricht die Schale und das weiche Innere wird gequetscht.“ Bei menschlichen Unfallopfern reichten die Folgen eines derartigen Aufpralls von lebenslanger Pflegebedürftigkeit bis zu tödlichen Schädel-Hirn-Verletzungen. Noch höher sind die Verletzungsrisiken laut Hell bei einem ungeschützten Pedalecs-Unfall. „Die Schwere der Verletzung wächst mit der Geschwindigkeit exponentiell an“, sagt er. Radfahrer würden überdies im Verkehr leicht übersehen – auch weil viele sich nicht immer an die Verkehrsregeln hielten. „Ein großes Problem ist bei den Pedalecs auch die Gefahr von Fußgängerkollisionen“, sagt Hell. Bei 45 Stundenkilometern könne man kaum noch reagieren.

Berücksichtige man außerdem, dass ein Großteil der Interessenten für die flotten Elektroräder Senioren sind, so seien schwerste Folgen vorprogrammiert. „Ein Senior hat erfahrungsgemäß ein vielfach höheres Verletzungsrisiko als ein jüngerer Mensch“, erklärt der Unfallforscher. „Das beginnt bereits ab einem Alter von 55 Jahren – wie wir bei der Gruppe der Motorradfahrer deutlich sehen können.“ Hell rät älteren Fahrern daher von der schnelleren Pedalec-Variante mit 45 Stundenkilometern ab und empfiehlt eher die 25-Stundenkilometer-Version. Zudem tritt der Wissenschaftler für eine Helm- und Führerscheinpflicht ein. „Bei Mofas gibt es die ja auch“, erklärt er.

Weitere Themen beim Verkehrsgerichtstag sind Probleme mit Unfall-Sachverständigen, Schmerzensgeld für Angehörige von Verkehrsopfern sowie die Frage, ob von herzkranken Autofahrern eine erhöhte Verkehrsgefährdung ausgeht. Das traditionelle nautische Thema behandelt die Piraterie auf hoher See. Am Jubiläumskongress nehmen mehr als 1800 Juristen, Wissenschaftler und Verkehrsexperten aus Deutschland und einem Dutzend weiterer europäischer Staaten teil. Der Verkehrsgerichtstag endet am Freitag mit Empfehlungen an den Gesetzgeber.

Mit Material von dpa