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Panorama Niels Högel: Der Skandal ist das Versagen von Kliniken und Behörden
Nachrichten Panorama Niels Högel: Der Skandal ist das Versagen von Kliniken und Behörden
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16:25 06.06.2019
Das Landgericht Oldenburg hat den Ex-Pfleger Niels Högel wegen Mordes in 85 Fällen zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Quelle: dpa
Oldenburg

Die Taten des Niels Högel sind nach menschlichem Ermessen unfassbar, einfach nicht zu begreifen. Vielleicht erklärt das auch die verspätete Aufklärung der ungeheuerlichen Mordserie, die es so in Deutschland seit dem Krieg noch nicht gegeben hat. Man kann und will sich einfach nicht vorstellen, dass ein Mensch, mit dem man täglich zusammen arbeitet, Kaffee trinkt oder nette Gespräche führt, ein Mörder ist. Ein 85-facher Mörder, wohlgemerkt, Eine Entschuldigung für das Wegsehen, das Schweigen und das Vertuschen in den Kliniken ist das aber nicht.

Niels Högel ist einer der schlimmsten Serienmörder der jüngeren Geschichte – weltweit. Niemand, der aus Mitleid schwer kranke Patienten getötet hat – wie andere Pfleger vor ihm. Sondern einer, der aus Langeweile gemordet hat, aus Geltungssucht, aus maßloser Selbstüberhöhung. Und als wäre das nicht schon perfide genug: Högel hat sich auch nicht von Chefs und Kollegen abschrecken lassen, die ihm auf die Schliche gekommen sind. Er hat sogar den Takt seiner Taten erhöht und am Ende fast wahllos zugeschlagen.

Die ganze Wahrheit werden wir wohl nie erfahren

Die 100 Fälle, die jetzt angeklagt waren, sind vermutlich nur die Spitze des Eisbergs. Im Raum standen rund 300 Verdachtsfälle im Zeitraum 2000 bis 2005. Auch die 15 Freisprüche bedeuten nicht, dass diese Patienten keine Opfer des Todespflegers geworden sind. Die ganze Wahrheit wird man wohl leider nie erfahren. Das ist vor allem für die Angehörigen kaum zu ertragen. Eine Revision gegen das Urteil beim Bundesgerichtshof ist deshalb wahrscheinlich.

Der eigentliche Skandal im Fall Högel ist aber das geradezu groteske Versagen von Kliniken und Ermittlungsbehörden, durch das viele Taten erst möglich geworden sind. Im Klinikum Oldenburg hatte man früh einen Verdacht gegen den Pfleger, hat ihn aber nur in eine andere Abteilung versetzt und dann mit einem guten Zeugnis nach Delmenhorst weggelobt. Auch dort fiel Högel irgendwann auf, konnte aber sogar noch eine letzte Patientin töten, nachdem er bereits auf frischer Tat ertappt worden war.

Weitere Prozesse werden folgen

Unglaublich auch, dass Högel noch bis 2009 weitgehend auf freiem Fuß war, sogar noch in der Altenpflege und im Rettungsdienst gearbeitet hat, obwohl seit 2005 genügend Beweise gegen ihn auf dem Tisch lagen. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg hat das Verfahren nicht nur verschleppt, sondern auch bis 2011 die Dimension nicht im Ansatz erkannt. Ohne eine mutige Angehörige und eine engagierte Anwältin wäre der 42-Jährige heute womöglich wieder auf freiem Fuß. Wer geglaubt hätte, dass all das in einem so hoch entwickelten Sozial- und Rechtsstaat wie Deutschland nicht möglich wäre, ist durch den Prozess eines Besseren belehrt worden.

Die Politik, die Justiz, die Kliniken, alle haben weitreichende Konsequenzen gezogen – vieles hat sich bereits verändert. Doch mit dem Urteil vom Donnerstag ist der Fall Högel längst nicht beendet. Weitere Prozesse gegen Ärzte und Pfleger folgen. Wer weiß, was noch alles ans Tageslicht kommt.

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Von Marco Seng

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