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Panorama Keine Reue nach der Kindesentführung
Nachrichten Panorama Keine Reue nach der Kindesentführung
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21:21 24.01.2012
Von Heinrich Thies
Er würde es „grundsätzlich“ wieder tun: Axel H. auf der Anklagebank
Er würde es „grundsätzlich“ wieder tun: Axel H. auf der Anklagebank. Quelle: dpa
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Lüneburg

Von Reue keine Spur. Auf der Anklagebank sitzt ein Mann, der beschuldigt wird, seine vier Kinder nach einem Sorgerechtsstreit nach Ägypten entführt zu haben. Viereinhalb Monate lang. Doch der hagere Mann im blau-weiß gestreiften Kapuzenpullover bekundet schon vor Beginn der Verhandlung am Landgericht Lüneburg vor zahlreichen Fernsehkameras, dass er sich keiner Schuld bewusst ist. „Mir geht es wie tausend und abertausend anderen Vätern auch“, sagt der 38-Jährige mit dem Dreitagebart. „Ich bin meiner Rechte beraubt worden. Alle zwei Wochen vier Stunden Umgang – das war zu wenig, da war keine Erziehung möglich.“  Ob er es wieder tun würde? „Grundsätzlich schon.“

Der Fall sorgte im vergangenen Jahr bundesweit für Schlagzeilen: Ostermontag hatte Axel H. seine vier Kinder in Hermannsburg bei Celle von der Mutter abgeholt, um mit ihnen eine Radtour zu machen. Doch die 31-Jährige wartete vergeblich  auf die Rückkehr von Jonas (9), Benjamin (7), Miriam (6) und Lisa (3). Wie sich später herausstellte, war der von seiner Frau getrennt lebende Vater mit den Kindern nach Ägypten geflogen, dann mit einer Nilfähre über die Grenze zum Sudan gefahren, weiter mit dem Bus nach Khartom gereist und drei Wochen später nach Ägypten zurückgekehrt, wo er sich in Kairo bei einem Freund einquartierte. Seit muss sich Axel H. wegen Einbruchdiebstahls und der Entziehung Minderjähriger verantworten. Er hatte alles akribisch vorbereitet, Ägypten als Ziel gewählt, weil dieses Land mit Deutschland kein Auslieferungsabkommen habe, wie er sagt. Um sich die Pässe und Sparbücher der Kinder zu beschaffen, war der arbeitslose Krankenpfleger heimlich in die Wohnung seiner Frau eingedrungen – mit einem Schlüssel, den er im Haus seiner Eltern gefunden hatte, wie er vor Gerichtversichert. Die Radtour endete im Wald, wo er einen Mietwagen geparkt hatte. „Dann sind wir halt los“, sagt H. – zuerst zum Flughafen Langenhagen, dann weiter nach Ägypten.

Auch vor Gericht lässt H. keine Selbstzweifel erkennen. Er beteuert, dass er seine Kinder liebt und die sich auch zu ihm hingezogen fühlen. Zu Unrecht habe  das Familiengericht seiner Frau das alleinige Sorgerecht zuerkannt. „Ich fühlte mich verpflichtet, meine Kinder zu erziehen, auch aufgrund meines Glaubens“, sagt der Angeklagte, der seine Frau des Ehebruchs beschuldigt und das auch seinen Kindern deutlich gemacht hat – und zwar mit Verweis auf die Bibel. „Meine Frau hat den Kindern Unzucht vorgelebt.“ Dass er selbst seine Kinder einer großen Belastung in einer fremden Kultur ausgesetzt habe, wie der Vorsitzende Richtet vermutet, weist der Angeklagte weit von sich. „Das haben Sie aus der Presse“, sagt er. „Den Kindern ging es gut.“ Benjamin habe sogar Lesen gelernt in der Zeit, Jonas Englisch und einige Brocken Arabisch.

Dies sagt auch die Mutter der Kinder. Während Katja H. als Zeugin unter Tränen über die lange Zeit der Trennung und Ungewissheit berichtet, blättert Axel H. in den Akten oder starrt an seiner Frau vorbei. Die Kinder seien erschöpft gewesen und hätten Durchfall gehabt, von der 135-Tage-Reise mit ihrem Vater aber wie von einem großen „Abenteuer“ erzählt, sagt die zierliche Frau in der schwarzen Strickjacke. Katja H. bestätigt, dass die Kinder an ihrem Vater hängen. Besonders Jonas. Er habe bei der Trennung von seinem Vater geweint. Sehr distanziert habe sich der Älteste ihr gegenüber verhalten. Die Kinder haben ihrem Vater Briefe ins Gefängnis geschrieben. Seit seiner erzwungenen Rückkehr nach Deutschland sitzt Axel H. in Untersuchungshaft.

Im Gerichtssaal wird deutlich, dass der Angeklagte in seinem Fundamentalismus immer fanatischer wurde. Ob Auto  fahren, Handy oder Medikamente – überall lauerten aus seiner religiösen Sicht Gefahren. Um seine Kinder vor schädlichen Einflüssen zu bewahren, versuchte er sie vom Kindergarten oder Fußballverein fernzuhalten. „Irgendwann habe ich das nicht mehr ausgehalten“, sagt Katja H., die von einem Medienberater begleitet wird. Der Richter fragt, ob sie Angst habe, dass ihr Noch-Ehemann die Kinder noch einmal entführe, falls er mit einer Bewährung davonkomme. Die Frau nickt.

Größeren Schaden haben die Kinder von der anstrengenden Reise mit ihrem Vater aber offenbar nicht genommen. „Sie waren zwar müde, wirkten aber sehr lebendig und wohlerzogen“, sagt eine Psychologin, die sie nach der Rückkehr betreute. „Angst vor ihrem Vater haben sie auf jeden Fall nicht gehabt.“