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Panorama Große Trauer in Belgien
Nachrichten Panorama Große Trauer in Belgien
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22:17 15.03.2012
Foto: Große Trauer in Belgien nach dem Busunglück mit 28 Toten.
Große Trauer in Belgien nach dem Busunglück mit 28 Toten. Quelle: dpa
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Siders

Traumaspezialisten betreuten die Angehörigen. Die Leichen der Kinder waren zur Identifizierung in der Kapelle des Zentralfriedhofs in Sitten im Wallis aufgebahrt. Noch immer kämpften drei Kinder um ihr Leben.

Am Dienstag waren 28 Menschen, darunter 22 Schüler aus Belgien, gestorben, als ihr Reisebus auf der Schweizer Autobahn 9 im Kanton Wallis frontal gegen die Wand einer Nothaltebucht prallte. Die Eltern der verunglückten Kinder wurden gestern unter Polizeischutz zum Tunnel nahe dem Ferienort Siders gefahren. Sie waren mit einer Militärmaschine von Brüssel aus in die Schweiz gebracht worden. Sie brachten Blumen mit und legten letzte Grüße für ihre Lieben nieder.

Die Suche nach der Unfallursache läuft weiter: Angeblich wollte der Fahrer des Busses unmittelbar vor der Kollision eine DVD mit einem Film einlegen, wie die belgische Boulevardzeitung „Het Laatste Nieuws“ am Donnerstag online berichtete. Das Blatt berief sich dabei auf Aussagen überlebender Kinder gegenüber ihren Eltern. Demnach brachte einer der Lehrer die DVD zum Fahrer, der sie dann angeblich einlegen wollte. Der Sprecher des Busunternehmens widersprach: Der Fahrer sei von den erhöht sitzenden Passagieren überhaupt nicht zu sehen, sagte er. Für ihn sei das „reine Spekulation“. Ein Polizeisprecher sagte: „Auf dem Video aus dem Tunnel ist eine solche Bewegung des Fahrers zumindest nicht zu sehen.“

Bisher gehen die Beamten von drei „Thesen“ aus: eine technische Panne, menschliches Versagen oder ein akutes Gesundheitsproblem des Fahrers wie ein Herzinfarkt. Die technische Untersuchung des Wracks soll heute beginnen.

Belgien wird heute Vormittag offiziell um die Todesopfer trauern, wie Regierungschef Elio Di Rupo gestern nach einer Kabinettssitzung mitteilte. Um 11 Uhr werde es eine Schweigeminute geben. Für die Heimreise der Angehörigen stellt die Luftwaffe ein Flugzeug zur Verfügung.

Vier der 24 verletzten Schulkinder seien vorerst nicht transportfähig, sagte Di Rupo. Sie lagen schwer verletzt in Kliniken. Von den anderen 20 Kindern machten sich drei leicht Verletzte mit ihren Eltern per Auto auf die Heimreise, drei weitere per Flugzeug. Die übrigen Kinder lagen in Krankenhäusern des Kantons Wallis. Sie sind auf dem Weg der Besserung.

Aus allen Teilen der Schweiz schickten Menschen Kondolenzbotschaften. Auch Papst Benedikt XVI. betete für die Opfer und ihre Angehörigen.

Das Unglück in dem 2,5 Kilometer langen Tunnel entfachte in der Schweiz eine nationale Debatte über den Zustand des Straßennetzes. Schließlich lebt das Alpenland als Urlaubs- und Transitland von einer Infrastruktur, die den höchsten Sicherheitsanforderungen genügen muss. Vor allem die Bauweise der Nothaltenische im A-9-Tunnel gibt vielen Fachleuten zu denken. Die rund drei Meter breite Insel wird an beiden Seiten durch Wände begrenzt, die rechtwinklig zu der eigentlichen Autobahn stehen. Diese Konstruktion wurde für die Reisegesellschaft aus Belgien zur Todesfalle.

Die Ausbuchtung ist in der Schweiz kein Einzelfall: In vielen Tunneln des Alpenlandes finden sich derartige Notbereiche. Die Schweizer Beratungsstelle für Unfallverhütung bezeichnete die rechtwinklige Anordnung als „nicht optimal“. Das Risiko könnte durch Verlängerung der Buchten oder durch eine Abschrägung der Inseln vermindert werden. Ein Umbau aller Nothaltebuchten in Schweizer Tunneln könnte allerdings Jahre dauern.

Belgiens Radprofis werden beim Frühjahrsklassiker Mailand–San Remo am Sonnabend mit Trauerflor antreten. Auch die Spieler von Hannover 96 und der belgischen Mannschaft Standard Lüttich trugen bei ihrer gestrigen Europa-League-Begegnung Trauerflor.

Jan Herbermann und Dieter Ebeling