Menü
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg
Anmelden
Panorama Gerüchteküche um "Arctic Sea" brodelt weiter
Nachrichten Panorama Gerüchteküche um "Arctic Sea" brodelt weiter
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:19 19.08.2009
Wieder aufgetaucht: Die "Arctic Sea"
Quelle: LEHTIKUVA / Pekka Laakso/AFP
Anzeige

Der Mann ist Seemann, das sieht man sofort. Michail Wojtenko, 51 Jahre alt, trägt ein verblichenes T-Shirt, eine etwas zu hoch gezogene Outdoorhose und eine wilde, drahtgrau zu Berge stehende Frisur. Der Chefredakteur der russischen Internetseite „Maritime Bulletin Sowfracht“ ist mager wie ein Leichtmatrose. „Hauptsache, die Mannschaft ist wohlauf!“, Wojtenkos Lächeln ist arg von Karies angefressen, „Aber, ich glaube nicht, dass wir je erfahren, was wirklich passiert ist.“

In der Nacht zum Montag um ein Uhr hat ein russisches Kriegsschiff den seit Ende Juli verschollenen Frachter „Arctic Sea“ bei Cap Verde entdeckt und die 15 russischen Besatzungsmitglieder an Bord genommen. Sie sind wohlauf. Und wie Verteidigungsminister Anatoli Serdukow gestern in Moskau verkündete, nahmen die Russen auch ihre Entführer fest. Vier Esten, zwei Letten und zwei Russen, die das Schiff am 24 Juli vor der schwedischen Küste gekapert hätten. „Das war Piraterie“, sagte Serdukow. Man habe das Schiff ohne einen Schuss befreit. Die Seeräuber selbst würden zurzeit verhört, ihnen droht in Moskau ein Prozess wegen organisiertem Kidnapping. Ein absurdes Piratenstück mit gutem Ende. Oder wie es der schwedische Ermittler Jorgen Zachau gegenüber der „New York Times“ formulierte: „So etwas hat es in schwedischen Gewässern seit dem 17. Jahrhundert nicht mehr gegeben.“

Michail Wojtenko aber will nicht an die Seeräubergeschichte glauben. „Woher sind denn plötzlich die Entführer aufgetaucht? Vor ein paar Stunden gab es noch keine Spur von ihnen.“ Tatsächlich meldete noch gestern die Regierungszeitung „Rossijskaja Gazeta“, die Piraten hätten sich rechtzeitig aus dem Staub gemacht, vermutlich mit einem schnellen Schlauchboot.

Wojtenko, diplomierter Schifffahrtsingenieur, fuhr 16 Jahre zur See, als Steuermann, bevor er Anfang der neunziger Jahre abheuerte und sein Internetportal gründete. Wojtenkos Quellen schwimmen auf allen Weltmeeren, seine Berichterstattung über Seenöte, über Piraterie, auch über die Entführung des deutschen Containerschiffs „Hansa Stavanger“ im April gilt russischen Seeleuten und ihren Familien inzwischen als so etwas wie ein Informationsleuchtturm. Und seine Internetseite schlug am 8. August als Erste Alarm: „Offenbar ist der Frachter Arctic Sea mit seiner russischen Mannschaft, der am 24. Juli auf so geheimnisvolle Weise attackiert wurde, spurlos vor der Küste Portugals im Atlantik verschwunden.“

Laut Verteidigungsminister Serdukow brachten am 24. Juli die baltisch-russischen Piraten das Schiff in ihre Gewalt. Sie hätten die Besatzung mit einer simulierten Panne übertölpelt und dann mit vorgehaltener Waffe gezwungen, ihre Befehle auszuführen. Wojtenko aber bezweifelt diese Seeräuberei. „Da herrscht nicht nur dichter Schiffsverkehr, da funktionieren auch noch alle Handys. Und wer entführt in der Ostsee ein 18 Jahre altes Schiff mit einer Ladung Holz?“ Außerdem berichteten hinterher Besatzungsmitglieder, die hoch professionellen Angreifer hätten sich als schwedische Polizisten ausgegeben, das Schiff durchsucht und seien danach wieder verschwunden.

Wojtenko sagt, er habe eine Befragung unter seiner seefahrenden Leserschaft durchgeführt. Von denen wollte niemand an Piraten glauben. „Da stecken seriösere Kräfte dahinter“, sagt Wojtenko und saugt an seinem Zigarillo, „die sich darauf geeinigt haben, diese Sache stillschweigend zu klären.“

Glaubt man Wojtenko, war auch der Westen in die Sache verwickelt. „Warum haben die ,Mittteilungen für die Schifffahrt‘, die von den Küstendiensten an alle Seefahrer versandt werden, um auf in Seenot geratene, verschwundene oder gekaperte Schiffe aufmerksam zu machen, die ,Arctic Sea‘ verschwiegen?“ Und warum hätte das ausgeschaltete automatische Identifikationssystem der „Arctic Sea“ in der Biskaya eine Stunde lang Signale versendet, von denen die französischen Behörden hinterher behauptet hätten, sie stammten von russischen Kriegsschiffen. „Damit unterstellen die Franzosen der russische Kriegsmarine, sie hätte das Identifikationssystem der ,Arctic Sea‘ abmontiert oder anderweitig manipuliert. Eigentlich ein krimineller Vorwurf.“ Wojtenko greift nach einem Blatt Papier. „Nuklear“, schreibt er darauf. Dann „France“, einen Pfeil und „Algier“.

Französischer Nuklearschmuggel auf einem maltesischer Frachter mit russischer Besatzung? Oder russische Kernwaffen für den Iran? Tatsächlich wirft das wundersame Verschwinden und Wiederauftauchen der „Arctic Sea“ viele Fragen auf. Wie konnte ein von Piraten gekaperter 4700-Tonner auf einer der meistbefahrenen Seewege Europa umschiffen, ohne dass ihn jemand entdeckte? Wie konnte umgekehrt der Verband der Schwarzmeerflotte, der erst am Mittwoch zur Suche in den Atlantik geschickt wurde, die „Arctic Sea“ schon nach wenigen Tagen aufspüren? All das spricht dafür, dass die Route der „Arctic Sea“ tatsächlich immer bekannt war, dass es gar keine Suche gegeben hat, dass russische und westliche Behörden die internationale Öffentlichkeit wochenlang an der Nase herumgeführt haben.

Vielleicht ist der Frachter ja wirklich in der Ostsee von baltischen Draufgängern entführt worden, die es den somalischen Seeräubern gleichtun wollten. Und danach haben die beteiligten Staaten Stillschweigen vereinbart, um die russische Marine ungestört an das Schiff heranzuführen? „In Gottes Namen, wenn Sie das glauben wollen“, sagt Wojtenko und bläst Zigarillorauch in die Luft. „Ich werde auch nicht mehr weiter wühlen, ich habe bei dieser Geschichte schon genug Leuten auf die Füße getreten.“ Insgeheim scheint Wojtenko Russland mindestens so zu verdächtigen wie Frankreich. Und tatsächlich, warum brauchte das offizielle Russland nach der Entdeckung des Frachters über 36 Stunden, um Seeräuberei als des Rätsels Lösung zu verkünden?

Noch immer gibt es im Fall „Arctic Sea“ viel mehr Fragen als Antworten. Aber das ist in Russland oft so. Denn die Staatsmacht hier liebt Geheimniskrämerei und das Volk Verschwörungstheorien. „Heute schauen ein paar Seeleute bei mir vorbei“, Michail Wojtenkos Augen blicken müde, „wir werden Bourbon trinken. Viel Bourbon.“