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Panorama Ferienparadies im Schatten des Terrors
Nachrichten Panorama Ferienparadies im Schatten des Terrors
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19:51 10.08.2009
Mallorca beginnt, die ETA zu fürchten. Angst um Leib und Leben haben vermutlich nur die wenigsten Einheimischen.
Mallorca beginnt, die ETA zu fürchten. Angst um Leib und Leben haben vermutlich nur die wenigsten Einheimischen. Quelle: Jaime Reina/AFP
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Was die Mallorquiner aber ernstlich fürchten, sind die atmosphärischen Folgen. Die Ferieninsel – nach wie vor das beliebteste Reiseziel der Deutschen – ist zum Ziel von Terroristen geworden. Mallorca bangt um seinen Ruf. Nun sind die ersten Stimmen zu hören, die der Polizei ihre Misserfolge vorhalten. Seit dem Doppelmord von Palmanova sind 1600 Beamte auf der Insel, um den Tätern auf die Spur zu kommen.

Am Tag des Attentates selbst sperrten sie Mallorca für knapp zwei Stunden fast vollständig ab. Seitdem sind die Sicherheitskontrollen auf dem Flughafen, den Häfen und auf den Straßen deutlich verschärft worden. Die Polizei überprüft die Gästelisten der Hotels und die Mietverträge der Ferienwohnungen, sie verfolgt jede Spur – doch bisher ohne Erfolg. Fast hat es den Anschein, als wollte die baskische Untergrundorganisation mit ihrem Anschlag vom Sonntag demonstrieren, dass niemand in der Lage ist, sie zu bremsen. Der Präsident der Vereinigung der Hotelketten der Balearen, Aurelio Vázquez, gibt sich noch versöhnlich. Er habe Respekt vor der Arbeit der Sicherheitskräfte, sagte Vázquez, sie werde „in der Festnahme der Terroristen gipfeln“.

Etwas drängender klang da Toni Mas vom Verband der Restaurationsbetriebe Mallorcas: „Es wäre gut, wenn sie jemanden schnappen könnten.“ Am schärfsten äußerte sich ein Kommentator in der gestrigen Ausgabe der Lokalzeitung „Diario de Mallorca“: „Die terroristische Herausforderung macht eine organisierte Antwort nötig, die weniger auf der pompösen einhelligen Verurteilung der Attentate fußt als auf dem Verlangen nach Ergebnissen.“ Das ist ein ungewöhnlicher Ton in der spanischen Terrordebatte. Hinter der Gereiztheit steckt die Sorge vor sinkenden Besucherzahlen. Die Tourismusindustrie hat ohnehin wenig Grund zum Jubel. Im ersten Halbjahr 2009 kamen gut elf Prozent weniger Besucher als im Vorjahr nach Mallorca. Vor allem die Briten blieben weg.

Nach einer Statistik des spanischen Fremdenverkehrsverbandes in Frankfurt sank die Zahl der Mallorca-Urlauber aus Großbritannien in den ersten sechs Monaten dieses Jahres um 18 Prozent auf 880 000. Der Hauptgrund liegt darin, dass das britische Pfund gegenüber dem Euro beträchtlich an Wert verloren hat. Doch auch die Deutschen bleiben weg. Bei TUI ist von einem Buchungsrückgang von rund zehn Prozent die Rede. Der Reiseveranstalter stemmt sich mit dem Ausbau seines „All Inclusive“-Programms gegen den Abwärtstrend. Doch dies hat zur Folge, dass die Urlauber ihre Klubhotels noch seltener verlassen und damit noch weniger Geld in die Kassen der kleinen Bars und Kneipen, Strandboutiquen und Schmuckläden fließt.

Der Preis für ein Bier im hotelfreien Verkauf ist schon auf einen Euro abgesackt und damit nur noch halb so teuer wie im vergangenen Jahr. Trotzdem lassen sich die Touristen nicht aus ihren Hotelburgen herauslocken. Die Folgen sind fatal. Die Arbeitslosenquote auf Mallorca ist in diesem Sommer von 14 auf 20 Prozent gestiegen. Und jetzt die ETA-Bomben. „Einige der Kunden, die auf Mallorca landen, kommen schon verängstigt an“, sagt Marilén Pol vom Hotelverband von Palma de Mallorca. Bisher berichten die Hoteliers aber noch nicht von massenhaften Absagen.

In Palmanova und dem Nachbarort Magaluf, wo vor allem britische Urlauber zu finden sind, habe es nach dem Anschlag auf die Guardia Civil insgesamt 55 Stornierungen gegeben. Doch nun hat die ETA drei Bomben in der Hauptstadt Palma gelegt, und die propagandistische Sprengkraft ist enorm. Dabei scheint der Zeitpunkt mit Bedacht gewählt worden zu sein. Am 9. August 1995 wurden in Palma ETA-Terroristen verhaftet, die ein Attentat auf den König geplant hatten. Auch der 30. Juli, der Tag, an dem die Polizisten in Palmanova starben, ist ein Jahrestag im Kalender des Terrors.

1991 verübten ETA-Terroristen an diesem Tag ein Attentat auf eine Militäreinrichtung in Palma. Der Balearenpräsident Francesc Antich traf sich gestern erst mit dem spanischen Tourismusstaatssekretär und mit Vertretern der Tourismusindustrie auf Mallorca, um darüber zu reden, wie der Ruf der Ferieninsel zu retten sein könnte. Staatssekretär Mesquida gab sich hinterher optimistisch. Die ETA-Attentate würden „die Urlaubspläne der Touristen in keinem Land der Welt beeinflussen“, sagte Mesquida. Um möglichen „Fehlinformationen“ über das Ausmaß der Terrorgefahr zu begegnen, hat die Balearenregierung schon vor wenigen Tagen Sorgentelefone für Mallorca-Gäste eingerichtet – unter anderem eines in Deutschland, das unter der Nummer 0800 180 66 80 erreichbar ist.

Auf Mallorca scheint gleichwohl keine Panik zu herrschen. Ein spanisches Touristenpaar, befragt vom staatlichen Fernsehen TVE, sagte: „Wir lassen uns von diesen Irren nicht unsere Urlaubspläne kaputtmachen.“ Es ist gut möglich, dass außerhalb Mallorcas die Terrorgefahr höher eingeschätzt wird als auf der Insel selbst. Trotzdem bleibt die Frage, wie sich die ETA so viel Bewegungsfreiheit in dem Ferienparadies verschaffen konnte, um innerhalb von zehn Tagen gleich zwei gut organisierte Attentate auszuführen. Die Insellage schien Mallorca in der Vergangenheit vor dem Terrorismus zu schützen.

Es ist immerhin 18 Jahre her, dass die ETA hier vor den jüngsten Attentaten zum letzten Mal zugeschlagen hatte. Anschläge auf dem spanischen Festland haben für die Terroristen den Vorzug, dass sie den Tatort schnell verlassen können. Doch nicht nur eingeschränkte Fluchtmöglichkeiten erschweren ein Attentat auf einer Insel, auch die Vorbereitung ist schwieriger. So ist es kaum möglich, Waffen und Sprengstoff im Flugzeug oder auf regulär einlaufenden Schiffen einzuschmuggeln.

Vom Drogenhandel weiß man allerdings, dass alles möglich ist, wenn der Wille und die Mittel dazu da sind. Wenn die ETA auf Mallorca Attentate verüben kann, dann scheint sie weder finanziell noch organisatorisch am Ende zu sein. Da ist die Frage, ob die Untergrundorganisation schon seit längerem ein festes Kommando auf der Insel installiert hat, zweitrangig. Eine letzte Sorge betrifft die offenbar missglückte Kommunikation zwischen den Anrufern, die am Sonntagvormittag im Namen der ETA vor den Bomben in Palma warnten, und den Empfängern der Anrufe.

Gewöhnlich warnt die ETA vor ihren Anschlägen mit einem Anruf bei der baskischen Straßenverkehrswacht, wo sämtliche eingehenden Telefonate automatisch aufgezeichnet werden. Am Sonntag wählten die Terroristen als Empfänger ihrer Telefonbotschaften das „Radio Taxi“ der baskischen Provinz Guipúzcoa, die Feuerwehr der mallorquinischen Ortschaft Santa Ponça und einen Mitarbeiter der andalusischen Regionalregierung. Die Angerufenen hatten kaum Zeit, Namen und Adressen der Anschlagsziele zu notieren. Deswegen explodierte der erste Sprengsatz in einem vollbesetzten Restaurant und der dritte zu einem Zeitpunkt, als die Polizei gerade erst den Ort absperrte, wo die Bombe explodieren sollte. Dass niemand zu Schaden kam und offensichtlich auch niemand zu Schaden kommen sollte, ist derzeit die einzige gute Nachricht aus Mallorca.

von Martin Dahmsund und Heinrich Thies