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Panorama Einstiger Kronzeuge packt in eigenem Buch über „Hells Angels“ aus
Nachrichten Panorama Einstiger Kronzeuge packt in eigenem Buch über „Hells Angels“ aus
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08:04 05.10.2010
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Es war der größte Prozess gegen eine Rockergruppe in Deutschland. 14 Bremer „Hells Angels“ standen im Dezember 2008 in Hannover wegen gefährlicher Körperverletzung und schwerem Raub vor Gericht. Der Mammutprozess war aus Sicherheitsgründen aus Verden ins hannoversche Landgericht verlegt worden. Die Rocker waren angeklagt, eine Gruppe von Rivalen in ihrem Vereinsheim in Stuhr (Kreis Diepholz) überfallen und über Stunden gefoltert zu haben. Am Ende hätten sie, so lautete der Vorwurf, den verhassten „Bandidos“ zudem die Klubembleme geraubt: eine extreme Demütigung in Rockerkreisen. Der Auftritt eines Angeklagten wurde mit besonderer Spannung erwartet. Die Aussagen des früheren „Hells Angels“ und Kronzeugen, Thomas P., hatten den Prozess erst ins Rollen gebracht. Vor Gericht schwieg der Aussteiger.

Jetzt hat P. – der sich im Zeugenschutzprogramm befindet, weil auf ihn nach eigenen Angaben als „Verräter“ ein Kopfgeld von 500.000 Euro ausgesetzt ist – ein Buch über sein Leben und seine Zeit bei den „Hells Angels“ geschrieben. Mit P.s „Racheengel“ erscheint innerhalb eines Jahres zum dritten Mal ein Bericht über die Biker. Ende Mai 2010 hatte Ulrich Detrois in „Höllenritt“ über das „kriminelle Innenleben der Rocker“ ausgepackt. Der frühere Vizepräsident der „Hells Angels“ in Kassel gab Interviews, trat im Fernsehen auf. Auf einer eigenen Website kann man mit „Bad Boy Uli“ – nach eigenen Angaben ebenfalls mit dem Tode bedroht, weil er das „Gesetz des Schweigens“ gebrochen hat – sogar per Mail kommunizieren. Der Einsatz hat sich gelohnt; „Höllenritt“ verkaufte sich bislang 150.000-mal.

Der Münchener Riva Verlag, der Thomas P.s „Racheengel“ (208 Seiten, 19,95 Euro) heute auf den Markt bringt, hat zudem schon Ende 2009 einen „Hells Angels“-Titel publiziert. In „Falscher Engel“ geht es allerdings um amerikanische Rocker, der Autor ist kein Aussteiger, sondern ein Undercoveragent. Dennoch: Auch Jay Dobyns’ „Höllentrip“ ist mit 100.000 verkauften Exemplaren ein Bestseller geworden.

Von den kräftigen Kerlen in Motorradkluft, die Kameradschaft großschreiben und ihr Klubleben geheim halten, gehe eine große Faszination aus, erklären die Verlage die „Überraschungserfolge“. Nach den amerikanischen habe man auch die deutschen „Hells Angels“ beschreiben wollen, heißt es beim Riva Verlag. Nach Angaben einer Sprecherin ist es Zufall, dass Thomas P.s Buch ausgerechnet in der Woche erscheint, in der am Landgericht Verden der Prozess gegen den lange flüchtigen „Hells Angel“ Uwe B. beginnt, den letzten Beteiligten an dem Überfall in Stuhr. P. soll dort am kommenden Dienstag als Kronzeuge noch einmal aussagen; möglicherweise sogar per Videokonferenz im Gericht. Anders sei seine Sicherheit nicht zu gewährleisten, argumentiert die Staatsanwaltschaft.

P. beschreibt die Bikergruppe als kriminelle Vereinigung, die sich „stets außerhalb aller Gesetze bewegte und das immer noch tut“. Viele „Hells Angels“ seien im Rotlichtgewerbe tätig, als Bordellbetreiber, Zuhälter oder „Nutten-Secu“, Aufpasser für Prostituierte, die für die „Hells Angels“ anschaffen. Dazu werde zum Teil „hemmungslos gekokst und gedealt“, das Drogenverbot in den „World Rules“ sei „nichts als dummes Geschwätz“. Thomas P. charakterisiert die „Hells Angels“ als extrem autoritäre, hierarchisch strukturierte Organisation, in der man sich vom „Hangaround“, dem Anwärter auf eine Klubmitgliedschaft, zum „Member“, dem „Vollmitglied“, hocharbeiten müsse. Die Drecksarbeit, „Schutzgelder abkassieren, Nutten zurechtweisen oder mal ein paar Typen mit erzieherischen Maßnahmen wieder auf den rechten Weg bringen“, müssten die „Sklaven“ am unteren Ende der Karriereleiter erledigen.

Eine dieser „erzieherischen Aktionen“ ist jener Überfall von 15 „Hells Angels“ auf das Vereinsheim in Stuhr. Der Revierkampf, der die „Bandidos“ aus Bremen vertreiben sollte, ist ein zentrales Thema in P.s Buch. Die Rot-Weißen richten dabei ein Blutbad an, das er fast ohne jede Gefühlsregung beschreibt. „Individualbehandlung“ nennt er es schlicht, dass jedem „Bandido“ Arme und Beine mit Kabelbindern fixiert werden, nachdem man den Kopf mit einem Axtstiel „bearbeitet“ hat. „Brecht ihm die Beine!“ Los brecht ihm seine Beine“, lautet dann eine „Ansage“. Die lapidar formulierte Konsequenz: „Auch dieser Befehl wurde befolgt.“

Es gehört zu den verstörenden Einsichten bei der Lektüre, zu welcher Brutalität die vermeintlichen Engel und hierbei vor allem Thomas P. fähig sind. „Racheengel“ enthält das in mal weinerlichem, mal aggressivem, dann wieder betont nüchternem Tonfall vorgetragene Psychogramm eines Mannes, der psychisch labil und extrem gewaltbereit ist. „psycho tom“ unterschreibt er eine SMS. Ein Psychiater attestiert P. eine „aggressive Verhaltensstörung mit fehlender Selbststeuerung“, die medikamentös behandelt werden muss.

P. wächst als Sohn einer Alkoholikerin und Prostituierten in Aurich in Ostfriesland auf. Finanziell wird er gut versorgt, aber seelisch verwahrlost der Junge, dessen Mutter ihn sogar am Weihnachtsabend alleine lässt, um sich zu betrinken. In der Schule wird der „Hurensohn“ geächtet, aus Frust schließt er sich einer Gruppe von Neonazis an. Später geht er zum Militär: Als Stabsunteroffizier kommt es zum ersten Mal zu einem jener Exzesse, die sein Leben prägen werden. Bei einer Militär-übung hält P. plötzlich einem Rekruten ein Messer an die Kehle und spielt dann „ein bisschen Hinrichtung“, in dem er ihm einen Gewehrlauf in den Mund steckt.

Eine der Absonderlichkeiten in P.s Biografie ist, dass er vor Gericht immer wieder mit milden Strafen davonkommt, obwohl er zum Teil Schwerstverletzte zurücklässt. Ein Opfer wird nach einem Gewaltexzess mit Schädelbasisbruch ins Krankenhaus gebracht: „Wie im Rausch“ hat P. zugeschlagen. Wegen Notwehr – der andere hatte die Schlägerei angeblich provoziert – wird die Anklage fallen gelassen. Für den Vorfall beim Militär erhält er eine Beförderungssperre von zwei Jahren und ein „wenig Gehaltsabzug“.

P. protzt damit, dass er auch später juristisch nie ernsthaft belangt wird. An die 70 Anzeigen wegen Körperverletzung oder gar gefährlicher Körperverletzung kassiert er als Personenschützer einer Sicherheitsfirma. Dennoch: Alle Verfahren werden, so P., wegen Notwehr eingestellt. Der Mann achtet peinlich genau darauf, dass die erste körperliche Attacke bei einer Schlägerei immer vom Gegner ausgeht und provoziert zunächst verbal. Notwehr sei es dann gewesen, höhnt er, „wenn mich jemand nur an der Brust berührte“. Dass ein zu solchen Gewaltexzessen fähiger Mann als Personenschützer später sogar den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder abschirmen darf, lässt einen noch im Nachhinein schauern.

Auch im Prozess am hannoverschen Landgericht wegen des grausamen Überfalls auf die „Bandidos“ in Stuhr, kommt P. ohne Gefängnisstrafe davon. Als Kronzeuge erhält er eine Bewährungsstrafe. Das gilt aber auch für die meisten anderen Angeklagten. Der Richter am hannoverschen Landgericht lässt nach einem „Deal“ den Vorwurf des schweren Raubes (wegen der geklauten Klubembleme) fallen und verhängt gegen elf „Hells Angels“ zur Bewährung ausgesetzte Freiheitsstrafen von zwei Jahren. Nur drei Rocker müssen Haftstrafen von bis zu zwei Jahren und zehn Monaten absitzen, weil sie Vorstrafen hatten oder als Rädelsführer des Überfalls galten.
Die Stimmung unter den „Hells Angels“ nach der hannoverschen Urteilsverkündung soll blendend gewesen sein.

Jutta Rinas

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