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Panorama Die deutsche Anti-Atom-Bewegung formiert sich neu
Nachrichten Panorama Die deutsche Anti-Atom-Bewegung formiert sich neu
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08:14 01.09.2010
Von Michael Grüter
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„Wir rücken der Regierung auf die Pelle“: Eine Atomkraftgegnerin bei einer Demonstration 2009 in Hannover.
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In einer Bürogemeinschaft in Kreuzberg schlägt derzeit das Herz der Anti-AKW-Bewegung. Der Braunschweiger Thomas Erbe lässt seine EDV-Beratung ruhen und widmet sich im Fulltimejob zwei Monate lang der Vorbereitung einer Demonstration. Laura aus Chemnitz hat ohnehin Semesterferien. Aus der linksalternativen Musikszene sind Kevin, Hugo und Stipe hinzugestoßen. Die Berliner Jungs bringen Ortskenntnis mit.

Sie nehmen Anrufe aus dem ganzen Land entgegen, organisieren Fahrgemeinschaften und Busse, bereiten Infostände vor, halten Kontakt mit der Berliner Polizei, aktualisieren die Website. Die zeigt im Kopf die traditionelle rote Sonne auf gelbem Grund: „Atomkraft: Schluss jetzt!“, heißt es da. Zur „Großdemo am 18. September mit Umzingelung des Regierungsviertels“ wird gerufen.

Wie viele werden kommen? „Die angemeldeten 30.000 plus die Zahl X, die oben draufkommt – je nachdem, wie die nächsten Tage laufen“, orakelt Thomas Erbe. Neben den schon länger geplanten Sonderzügen aus dem Süden und dem Westen der Republik wird gerade der dritte Sonderzug klar gemacht, der aus Hamburg über Uelzen nach Berlin führen soll. Mehr als 70 Busse sind geordert. Was unabhängig davon bei den Grünen laufe, sei noch nicht einberechnet. Damit nähern sich die Zahlen zweieinhalb Wochen vor dem Kundgebungstermin dem Niveau, das vor einem Jahr bei dem Anti-Atom-Treck erst am Ende erreicht worden war. Damals, am 5. September 2009, kamen 50.000 Atomkraftgegner nach Berlin.

Noch 17 Tage oder 429 Stunden bleiben bis zum Beginn der Großkundgebung auf der Wiese vor dem Reichstag, wo alles um 13 Uhr in Sicht- und Rufweite des Kanzleramtes beginnen und gegen 18 Uhr enden soll. Dazwischen wollen die AKW-Gegner mit zwei Demozügen im Norden und Süden „den Regierenden auf die Pelle rücken“, wie Jochen Stay von den Organisatoren es ausdrückt.

Stay ist ein Aktivist der Szene und seit Mitte der achtziger Jahre dabei. Auch die Anti-AKW-Bewegung spüre, dass sich die Menschen nicht mehr langfristig an Organisationen binden wollten, erläutert er. Aber wenn es konkret werde, seien viele dabei. „Die Leute rennen uns derzeit die Türen ein“, sagt er. Der 45-Jährige hat mit einem knappen Dutzend von Vertrauten in der Gruppierung „Ausgestrahlt“ eine Organisationsplattform aufgebaut, die Service- und Dienstleistungsfunktionen für die Anti-AKW-Bewegung anbietet. Ähnlich virtuell ist die Gruppe „Compact“, die die Szene im Internet vernetzt und mobilisiert. Sie zählt 250.000 Unterstützer.

Stay sieht die Anti-AKW-Bewegung in einer „neuen Hochphase“, vergleichbar nur ihrem Beginn in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Am 24. April beteiligten sich 120.000 Bürger an der Menschenkette zwischen den Atomkraftwerken Brunsbüttel in Hamburgs Nordwesten und Krümmel im Südosten. Von den größten Aktionen in der 35-jährigen Geschichte der Anti-AKW-Bewegung ist seither die Rede.

So, wie es für den 18. September geplant ist, sind Atomkraftgegner der Machtzentrale in dieser Stärke noch nicht nahegekommen. Für Kundgebungen ist die Wiese vor dem Reichstag eigentlich tabu. Diesmal habe die Polizei den Sammelplatz dennoch zugesagt, nur das Grünflächenamt stelle sich noch quer, heißt es. Die Umzingelung ist symbolisch gedacht. Sie findet am Wochenende statt. Da sind die Büros in der Regierungszentrale leer. Dennoch ist die Aktion für Kanzlerin Angela Merkel politisch mit großem Risiko verbunden.

„Ich glaube, das ist der gefährlichste politische Protest, vor dem die Kanzlerin steht“, sagt der Politikwissenschaftler der Hochschule Magdeburg, Professor Roland Roth. Der Atomprotest habe gesellschaftlich an Breite gewonnen und genieße Sympathien bis tief in die Anhängerschaft der Union hinein. Zudem treffe der Protest eine Regierung, die ohnehin keinen guten Ruf genieße und unsicher wirke. Der Druck der Energiewirtschaft gefährde die Legitimation der Regierung und wirke auf die Atomkraftgegner mobilisierend. „Zu dieser Demonstration können auch Leute kommen, die mit der Anti-AKW-Bewegung wenig am Hut haben, aber den Brüderle-Flügel zurückdrängen wollen“, glaubt Roth.

Die Irritation bis in die Reihen der Union bestätigt der Umweltpolitiker der Unionsfraktion, Josef Göppel. Der CSU-Politiker aus Mittelfranken begegnet in Bierzelten vielen Leuten, die der Atomkraft ablehnend gegenüberstehen: „Honoratioren, die sich Sorgen um die Schöpfung machen, Bauern und Handwerker, die mit Solarstrom Geld verdienen.“

Der Hochschullehrer Roth, Mitautor eines Handbuchs über soziale Bewegungen in Deutschland, glaubt, dass der Atom-Protest tiefe Furchen gezogen hat. Es liege an diesem Protest, wenn Deutschland heute bei erneuerbaren Energien vorne stehe, die Atomkraft nur einen Anteil von 30 Prozent am Strommarkt erreiche, während in Frankreich die Quote zwischen 70 und 80 Prozent liege. Doch das Gesicht der Bewegung habe sich verändert. An ihrem Beginn hätten Altachtundsechziger gestanden, die – angestiftet von Vordenkern wie Robert Jungk – einen Fundamentalstreit geführt hätten. Sie seien als industriefeindliche Spinner wahrgenommen worden, „die eng begrenzt vor Ort Unterstützung unter Bürgern fanden“. Heute habe die Anti-AKW-Bewegung reale energiepolitische Alternativen zu bieten. „Heute glaubt niemand mehr, dass die Lichter ausgehen, wenn wir die AKWs abschalten.“ Dazwischen steht der Konsens über den Atomausstieg, den die rot-grüne Regierung 2001 mit den Energiekonzernen geschlossen hatte. Seine Aufkündigung treibe Leute auf die Barrikaden.

Auch Manfred Güllner vom Meinungsforschungsinstitut Forsa beobachtet langfristig eine Entemotionalisierung des Themas. Aber er zieht andere Schlüsse: Zwar trete weiter eine Mehrheit der Deutschen für den Atomausstieg ein, wenn man aber genauer nachfrage, werde es dünn. Die Leute plagten andere Sorgen. Die Kohle treffe inzwischen auf größere Vorbehalte als Atomstrom: „Die Dämonisierung der Kernkraft zieht nicht mehr.“