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Panorama Die Katastrophe trifft die Ärmsten
Nachrichten Panorama Die Katastrophe trifft die Ärmsten
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18:24 16.11.2010
Fahrlässigkeit ist für die Katastrophe in Neu-Delhi verantwortlich - den Angehörigen der Opfer bleibt nur Trauer und stille Wut.
Fahrlässigkeit ist für die Katastrophe in Neu-Delhi verantwortlich - den Angehörigen der Opfer bleibt nur Trauer und stille Wut. Quelle: AP
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Anna Halder sitzt im Lehm und tippt die Nummer ihrer Familie ins Handy. Sie hofft, dass ihre Eltern und Schwestern den Einsturz des Wohnhauses in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi überlebt haben und das Telefon abnehmen. „Es klingelt“, sagt die 18-Jährige. Aber niemand geht ran.

Die Bewohner des vierstöckigen Hauses hatten keine Chance: Innerhalb weniger Sekunden fiel das Gebäude am Montagabend (Ortszeit) in sich zusammen. Mindestens 66 Menschen kamen ums Leben, weitere 73 wurden verletzt. Verzweifelte Angehörige und Nachbarn suchten am Dienstag mit bloßen Händen in den Trümmern nach Verschütteten.

Der 18 Jahre alte Niranjan war gerade auf dem Weg nach Hause, als er seine Familie sterben sah. „Das gesamte Gebäude stürzte in Sekunden ein, als ob es aus Sand gebaut wäre“, sagt er. „Ich konnte nichts tun.“ Sein Bruder, seine Mutter, seine Schwägerin und seine Nichte wurden tot aus den Trümmern gezogen. Sie gehörten zu den 200 Mietern des Hauses im dicht bebauten Viertel Lalita Park im Osten der indischen Hauptstadt. Die Mieter waren arme Arbeiter - wie so viele Bewohner des Stadtteils. „Viele Leute kommen auf der Suche nach Arbeit nach Delhi“, sagt der Behördenmitarbeiter Deep Mathur. „Dies war eine billige Unterkunft für viele von ihnen.“

Konstruktionsmängel möglicherweise für Einsturz verantwortlich

Die Unglücksursache wird noch untersucht. Nach Angaben des Vizegouverneurs von Neu-Delhi, Tejendra Khanna, war das Gebäude jedoch zwei Stockwerke höher als erlaubt und das Fundament durch einen Monsunregen beschädigt. In der Nähe des Flusses sei der Boden zu instabil, um ein solch großes Gebäude zu tragen, sagt Khanna. Auch die Chefministerin von Delhi, Sheila Dikshit, macht Konstruktionsmängel für den Einsturz verantwortlich.

Die Polizei sucht unterdessen nach dem Hausbesitzer Amrit Singh. Hausbewohner sagen, er sei kurz nach dem Einsturz geflüchtet. Sie werfen ihm vor, er habe das Gebäude illegal aufgestockt. Das ist nicht unüblich in Delhi, wo die Grundstückspreise hoch und die Nachfrage nach billigem Wohnraum groß ist. Hinzu kam möglicherweise ein Wasserschaden am Fundament. Ein weiterer Mitarbeiter der städtischen Behörden, Yoginer Chandolia, erklärt, der Monsun sei in diesem Jahr ungewöhnlich heftig gewesen. „Während der jüngsten Überschwemmungen gelangte Wasser ins Fundament und schwächte es deutlich, das führte zum Einsturz“, sagt er.

Rettungskräfte brauchten 45 Minuten zum Unglücksort

Die Menschen in Lalita Park sind verärgert darüber, dass Polizei und Feuerwehr erst spät eingetroffen sind. „Sie haben mehr als 45 Minuten gebraucht“, sagt ein Nachbar, Mohinder Singh. „Und dann war nicht klar, wie die Rettungsfahrzeuge hergebracht werden konnten.“ Die Stadt erklärt, es habe große Probleme gegeben, die Fahrzeuge durch die engen Gassen des Viertels zu manövrieren. Einige seien sogar steckengeblieben.

Darum begannen die Menschen zunächst, selbst in den Trümmern zu suchen. Polizei und Feuerwehr rückten schließlich mit schwerem Gerät an, auch Suchhunde waren im Einsatz. Bis Dienstagnachmittag sind mindestens 66 Leichen geborgen worden. „Das Ausmaß der Tragödie ist beispiellos“, sagt Chefministerin Dikshit.

An einer Wand der Leichenhalle werden unterdessen Dutzende Fotos der Toten aufgehängt, damit Verwandte und Freunde die Leichen identifizieren können.

dapd