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Panorama Der ewige Achtundsechziger Fritz Teufel ist tot
Nachrichten Panorama Der ewige Achtundsechziger Fritz Teufel ist tot
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21:23 07.07.2010
Fritz Teufel, der einstige Bürgerschreck, ist mit 67 Jahren in Berlin gestorben.
Fritz Teufel, der einstige Bürgerschreck, ist mit 67 Jahren in Berlin gestorben. Quelle: dpa
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Wenn man in der Schilderung eines Menschenlebens die Begriffe „Spaß“ und „Terrorismus“ unterbringen muss, dann heißt es strikt darauf zu achten, dass da nichts durcheinandergerät. Die Medien haben sich immer schwergetan mit Fritz Teufel. In ihrer Unsicherheit haben sie sich in Begriffe wie „Spaßrevoluzzer“ oder „Bürgerschreck“ geflüchtet. Dabei ist sein Leben durchaus zu verstehen, wenn man es als Spiegelbild der Bundesrepublik betrachtet: Der mächtige Staat und sein kleiner Herausforderer haben in den Jahren nach 1968 gemeinsam eine späte Pubertät durchlebt. Kurz nach seinem 67. Geburtstag ist Fritz Teufel in Berlin-Wedding gestorben.

Merkwürdigerweise haben sich Teufels Aktionen eingebrannt ins Gedächtnis der legendären Studentenbewegung, obwohl er doch eigentlich eine Randfigur war. Er war weit weniger politisch als Rudi Dutschke, nicht so ideologisch verblendet wie Bernd Rabehl, bei Weitem nicht so gewaltversessen wie die Genossen, die später in die Rote Armee Fraktion (RAF) abgewandert sind, aber auch nicht so hochstilisiert und selbstverliebt wie Rainer Langhans. Er war Mitglied in der Kommune K 1 am Stuttgarter Platz in Berlin. Er gehörte zur „Bewegung 2. Juni“ , lebte in der Illegalität und saß insgesamt acht Jahre im Knast. Fritz Teufel war der Pudding-Attentäter, er war es, der die gereizte und von der Springer-Presse angestachelte Justiz mit dem lässig hingeworfenen Satz „Wenn’s der Wahrheitsfindung dient“ auf die Schippe nahm – ein Richter hatte ihn angeblafft, er solle bei seiner Aussage gefälligst aufstehen.

Der schwäbische Bürgersohn war 1963 nach Berlin gekommen in der festen Absicht, an der Freien Universität Germanistik, Publizistik und Theaterwissenschaften zu studieren. Teufel und andere aus der Spaßguerilla wurden Anfang 1967 festgenommen, als sie beim Werfen von Tüten beobachtet wurden. Die Polizei und die seinerzeit in Berlin stark aufgeheizte Presse bezeichneten dies als Attentat auf den damaligen US-Vizepräsidenten Hubert H. Humphrey. Die weltweite Blamage war groß, als sich die Wurfgeschosse als Pudding- und Mehlbomben entpuppten. Am Tag nach dem Besuch Humphreys wurden die vermeintlichen Attentäter wieder freigelassen.

Am 2. Juni 1967 wurde Fritz Teufel wegen eines angeblichen Steinwurfs während der Demonstration gegen den Schah Reza Pahlevi verhaftet und saß bis zum Verhandlungsbeginn im November in Untersuchungshaft. Am 22. Dezember 1967 wurde Teufel freigesprochen. Das sei kein Freispruch gewesen, hat sich Teufel später beklagt, es sei eine Nichtverurteilung mangels Beweisen gewesen: „Diese Justiz hat mir nie einen Freispruch erster Klasse spendiert. Es waren immer Freisprüche der allerschlechtesten Sorte.“

Mit der Zeit bewegte sich Fritz Teufel immer mehr in Richtung des bewaffneten Kampfs und der Stadtguerilla. Zwei Jahre Gefängnis brachte ihm das Herstellen von Brandsätzen ein, die in einem Münchener Gericht gefunden worden waren.

Im Oktober 1980 wurde Fritz Teufel angeklagt, als führendes Mitglied der „Bewegung 2. Juni“ an der Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz mitgewirkt zu haben. Erst nach den Plädoyers der Verteidigung und der Staatsanwaltschaft, die 15 Jahre Haft gefordert hatte, legte Teufel ein Alibi vor, mit dem er nachweisen konnte, dass er zur Tatzeit in einer Essener Fabrik unter falschem Namen Klodeckel hergestellt hatte. Er wurde daraufhin umgehend aus der Haft entlassen. Die späte Präsentation des Alibis nach 1638 Tagen im Knast begründete Teufel damit, er habe auf die tendenziöse Berichterstattung und pauschalen Vorverurteilungen aufmerksam machen wollen.

Für andere Vergehen im Zusammenhang mit den Aktivitäten musste er fünf Jahre ins Gefängnis: „Das war gängiges Strafmaß für die Unterstützer des 2. Juni. Und den Waffenbesitz musste ich mir ja ankreiden lassen. Bei meiner Verhaftung trug ich die berühmte abgesägte Schrotflinte bei mir. Es hat nichts genutzt, dass meine Mutter dem Ermittlungsrichter gesagt hat, dass es nur eine ganz kleine Schrotflinte war.“
Nach der Entlassung aus dem Gefängnis arbeitete Teufel neun Jahre lang als Fahrradkurier in Berlin, später, als seine fortschreitende Parkinson-Krankheit ihm den Kurierdienst unmöglich machte, war er freier Mitarbeiter bei der „taz“. Zuletzt lebte er zurückgezogen mit seiner Lebensgefährtin und Freunden in Berlin-Wedding. Seinen körperlichen Zustand, er ging mit grotesk gekrümmtem Rücken, versuchte Teufel so lange es ging zu ignorieren. Wer ein Interview von ihm wollte, musste vorher mindestens eine Stunde mit ihm Tischtennis spielen.

Nein, sagte er kurz vor seinem Tod, er habe sich nie im Kriegszustand mit der Gesellschaft befunden: „Wir waren keine Krieger, wir waren eher Blues Brothers oder Stadtindianer, kurz vor der Einweisung in ihre Reservate.“ Die Szene habe er hinter sich gelassen, er habe sein Scherflein beigetragen: „Und tatsächlich hatte ich ja für die deutsche Rechtspflege Großes geleistet.“

Reinhard Urschel