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Panorama Christchurch nach dem Erdbeben zwischen Hoffnung und Trauer
Nachrichten Panorama Christchurch nach dem Erdbeben zwischen Hoffnung und Trauer
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20:17 25.02.2011
Trauung in der Erdbebenstadt.
Trauung in der Erdbebenstadt. Quelle: dpa
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Am Tag drei nach dem schweren Erdbeben gibt es in der neuseeländischen Stadt Christchurch kaum noch Hoffnungen, Überlebende zu finden. Die Chancen würden zusehends sinken, teilte die Regierung am Freitag mit. Nach Angaben der Polizei wurden bisher 113 Tote geborgen und in eine provisorische Leichenhalle gebracht. Es wird befürchtet, dass in der zweitgrößten neuseeländischen Stadt noch mehr als 200 Menschen unter Trümmern eingestürzter Gebäude verschüttet sind.

„Wir hoffen weiter, dass noch Menschen gerettet werden, aber es wird unwahrscheinlicher“, sagte Zivilschutzminister John Carter. Zuletzt war am Mittwochnachmittag ein Mensch lebend geborgen worden.

Das Beben der Stärke 6,3 hatte Christchurch am Dienstagmittag erschüttert und schwere Schäden verursacht. Es war bereits das zweite Beben innerhalb von noch nicht einmal einem halben Jahr. Viele Gebäude sind einsturzgefährdet, darunter ein 26-stöckiges Hotel in der Innenstadt, das nach Angaben von Bürgermeister Bob Parker abgerissen werden muss, wenn es nicht ohnehin in den kommenden Tagen von alleine in sich zusammenfällt.

Amputation bis Hochzeit

Die Opfer des schweren Erdbebens in Neuseeland bekommen Gesichter. An einigen Stellen in Christchurch stehen Menschen mit den Fotos vermisster Angehöriger vor den Trümmerhaufen, wie Mahnwachen. Zeitungen veröffentlichen Fotos von denen, die nach dem schweren Erdbeben am Dienstag nicht nach Hause kamen. Manche haben Stunden eingeklemmt unter Beton und Ziegelsteinen ausgeharrt - und dann kam die Rettung. Über einige dieser Menschen berichtet die Lokalzeitung „The Press“ in Christchurch.

Kento Okuda: ein 19-jähriger Student aus Japan, der erstmals im Ausland war, zum Englischlernen. Er wurde in einer Cafeteria im 4. Stock des Canterbury Television-Gebäudes verschüttet. Vom Handy aus rief er den Bruder in Japan an, der die Behörden alarmierte. Nach zwölf Stunden stießen die Retter zu ihm vor - doch Okudas Bein war unter Tonnen von Beton eingequetscht. Es musste amputiert werden. „Ich habe es akzeptiert, ich wollte nur leben“, sagte er der Zeitung. „Ich will trotzdem noch die Welt entdecken. Ich hoffe, ich bekomme einen Job, bei dem ich mein hier gelerntes Englisch benutzen kann.“

Brian: ein 52-jähriger Neuseeländer. Er lag schwer verletzt und eingeklemmt unter dem eingestürzten Pyne Gould Corporation-Building. Ärzte, die zu einem Urulogen-Kongress in Christchurch waren, fanden ihn nach fünf Stunden. „Wir hatte keine andere Wahl, als seine Beine zu amputieren“, sagte der Arzt Stuart Philip (38) aus Brisbane in Australien. „Die Operation wurde praktisch mit einem Schweizer Taschenmesser und einer Säge ausgeführt - wir hatten nichts anderes.“ Ein Anästhesist war zur Hand, um dem Mann den Schmerz wenigstens etwas zu nehmen. Brian kam ins Krankenhaus und überlebte. Stuart Philip schrieb zwischendurch eine SMS, um sich von seiner Frau und den zwei Kindern zu verabschieden. „Mit den vielen Nachbeben und den Trümmerteilen, die ständig runterfielen, waren wir nicht sicher, ob wir da lebend rauskommen würden.“ Er schaffte es.

Lai Chang (27): Studentin aus China. Auch sie rief vom Handy aus verzweifelt ihre Familie in China an und sagte, sie sei eingeklemmt. Der Vater alarmierte die chinesische Botschaft in Neuseeland und die Rettungsmannschaften. Doch wurde die junge Frau bis Freitag nicht gefunden.

Shane Tomlin (42): Das Bild von seinem staubverschmierten und schmerzverzerrten Gesicht ging am Mittwoch um die Welt. Helfer und Kollegen hatten den Bäcker aus dem eingestürzten Cashel-Einkaufszentrum gezogen. „Er wurde auf eine Holzplanke gelegt und auf dem Dach eines Polizeiautos zum Krankenhaus gefahren“, sagte eine Kollegin. Doch fehlt seitdem von Tomlin jede Spur. „Er hätte mich längst anrufen müssen, er war immer sehr zuverlässig“, sagte seine verzweifelte Mutter Doreen. „Er muss doch noch leben!“

Emma Howard: für sie gab es ein Happy End, das ganz Christchurch feierte. Mit Kratzern und blauen Flecken auf den Schultern stand sie am Freitag vor dem Traualtar. Da war es vier Tage her, dass sie im einstürzenden Pyne Gould-Gebäude, zusammengekauert in ihrem Büro und von Weinkrämpfen geschüttelt, dem Tod ins Auge sah. Sie rief ihren Verlobten per SMS zu Hilfe. Chris Greenslade grub sich mit bloßen Händen durch den Steinhaufen und half mehreren Eingeschlossenen hinaus - aber seine Emma war nicht dabei. Nach sechseinhalb Stunden wurde sie dann doch befreit. Pastor John Adams traute die beiden in der katholischen King-Kirche. Die Hochzeitsgesellschaft gedachte während der Trauung der Opfer.

dpa

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