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Panorama Die Schamlose: Carine Roitfeld liebt die Provokation
Nachrichten Panorama Die Schamlose: Carine Roitfeld liebt die Provokation
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14:00 08.06.2019
Harte Schale, weicher Kern: Die schwarze Uniform aus Mantel und Sonnenbrille ist bei Carine Roitfeld nur Schau. In Wahrheit ist sie eine sympathische Kreative. Quelle: Nataliya Petrova/Imago
Paris

Carine Roitfeld muss sich mit ihren 64 Jahren alles andere als verstecken. Vermutlich steht deshalb ein riesiger gläserner Schreibtisch in ihrem Büro in der Avenue Montaigne in Paris, durch den man auf ihre perfekt gekreuzten, wohlgeformten Beine blicken kann.

Dass sie den Körper einer 20-Jährigen hat, beweist sie auch mit dem Werbeplakat ihrer neuen Parfümlinie, auf dem sie splitternackt von hinten zu sehen ist. „Gewagt, oder?“, sagt sie mit verschmitztem Lächeln. „Ich war schon immer schamlos.“

Die Französin mit russischen Wurzeln ist bekannt für ihre Liebe zur Provokation. Dabei gehe es ihr gar nicht in erster Linie darum, zu schockieren, behauptet sie. Sie wolle Grenzen austesten und Toleranz fördern. In der Tat war Roitfeld eine der Ersten, die ein Transgender-Model auf ein Cover brachten oder eine Frau mit Kopftuch.

„Königin des Porno-Chic“

Roitfeld machte sich in den Achtzigerjahren als Stylistin und Muse von Tom Ford einen Namen. Gemeinsam mit ihm und dem Fotografen Mario Testino produzierte sie eine provokante Werbekampagne für das Label Gucci, bei der ein Model mit in die Schamhaare rasiertem Markenlogo zu sehen war. Dieses und andere anrüchige Bilder brachten ihr den zweifelhaften Titel „Königin des Porno-Chic“ ein.

Doch von Sexismus will Madame Roitfeld nichts wissen. Modefotografie habe nichts mit Pornografie zu tun, findet sie. „Mode ist suggestiv. Mit ihr will man verführen. Wenn also das Dekolleté zu tief sitzt oder der Rock zu kurz – ist das sexistisch oder will man nur gefallen? Wo Verführung aufhört, ist heute zu einer komplizierten Frage geworden.“

Man kann sich denken, dass Carine Roitfeld keine Feministin im klassischen Sinne ist. Mit Slogan-T-Shirts wird man sie jedenfalls nicht durch die Gegend rennen sehen – was aber nicht bedeutet, dass sie gegen Gleichberechtigung ist.

Keine Feministin im klassischen Sinne: Carine Roitfeld ist der Überzeugung, dass Frauen ebenso brillant wie Männer sind – und keine Quote brauchen. Quelle: JB Autissier/Imago

„Mehr Frauen in Führungspositionen zu haben halte ich für richtig“, sagt sie. Nur möchte sie dafür nicht mit harten Mitteln kämpfen. „Ich finde Quoten erniedrigend. Meiner Meinung nach darf nur das Talent ein Einstellungskriterium sein und nicht das Geschlecht. Frauen sind ebenso brillant wie Männer. Ich hoffe, dass sich irgendwann von allein ein Gleichgewicht einpendelt.“

In der Mode ist die Entwicklung zumindest positiv. Immer mehr Frauen arbeiten an der Spitze eines Designhauses wie etwa Virginie Viard bei Chanel oder Maria Grazia Chiuri bei Dior. Auch Roitfeld ist der Beweis dafür, dass Frauen ohne Quote ganz nach oben kommen können. 2001 wurde sie Chefredakteurin der französischen „Vogue“ und sorgte fortan mit skandalträchtigen Modestrecken für steigende Verkaufszahlen.

Doch Ende 2010 war überraschend Schluss. Kurz vorher hatte sie mit einer Schmuckserie mal wieder für Aufregung gesorgt, in der sie kleine Mädchen wie Lolitas geschminkt und herausgeputzt hatte. Ob sie aus eigenen Stücken ging oder gegangen wurde, bleibt bis heute ihr Geheimnis.

„Ich finde es traurig, wenn man sich mit Mode nicht mehr amüsieren darf“

Aber eines ist klar: In politisch korrekten Zeiten wie heute ist vieles von dem, was Carine Roitfeld in den Achtzigerjahren machte, undenkbar geworden. In den sozialen Medien werden sexuell aufreizende Bilder schnell an den Pranger gestellt.

„Wir leben in einer fast schon puritanischen Welt“, ärgert sich Roitfeld über diese Entwicklung. „Ich finde es traurig, wenn man sich mit Mode nicht mehr amüsieren darf. Wer etwas wagen möchte, ist schnell umzingelt von Vorbehalten und schlechtem Gerede.“

Wenn sie unsicher ist, fragt Carine Roitfeld deswegen ihren Sohn Vladimir um Rat. Sie sei zwar nicht naiv, aber sie sehe einfach nicht das Schlechte in den Dingen. In ihren Augen sei sie niemals zu weit gegangen, ihre Models habe sie immer mit Respekt behandelt. „Unbekleidete Frauen sind bei mir keine Accessoires, keine Opfer, sondern stark und selbstbewusst. Sie sind nackt und stolz darauf“, sagt die Französin.

Ihr galt sein letzter Instagram-Post: Karl Lagerfeld hielt große Stücke auf Carine Roitfeld. Quelle: Lionel Urman/Panoramic/Imago

Ihre Skandale haben Roitfeld nicht geschadet. Im Gegenteil. Seit ihrem Rücktritt bei „Vogue“ ist sie präsenter und einflussreicher denn je. Sie gründete ihr eigenes Magazin „CR Fashion Book“, brachte mehrere Bücher heraus und ist darüber hinaus immer noch als Stylistin für Werbekampagnen von Chanel, Jean Paul Gaultier oder Givenchy aktiv. Und: Kürzlich wurde sie zur Stilberaterin bei Karl Lagerfeld ernannt, dem Label des im Februar verstorbenen Modezaren.

Auf Instagram zählt sie außerdem über 1,5 Millionen Follower. Diese Zahl habe sie vor allem ihrer sympathischen und authentischen Art zu verdanken, glaubt sie. „Ich bin weder die Jüngste, noch die Schönste. Die Leute können sich mit mir identifizieren, sich vorstellen, Carine zu sein.“

Madame Roitfeld entspricht vielleicht äußerlich dem Klischee der unterkühlten Modechefin, mit ihrer schwarzen Uniform, hohen Hacken und übertrieben großen Sonnenbrillen. In Wahrheit aber ist sie alles andere als das. Sie ist zugänglich, herzlich und absolut sympathisch.

Sieben Düfte, benannt nach sieben Lovern

Nun will sie von ihrer Bekanntheit profitieren und ihren Namen mit einer eigenen Parfümlinie zur Marke machen. Ihre sieben Düfte, die es seit 6. Mai zu kaufen gibt, hat sie nach sieben Lovern benannt. Fiktiven, behauptet sie – und spielt wie immer mit ihrem Image der Femme fatale.

Eine letzte Frage drängt sich auf: Warum Parfüms und keine Kleidung? „Ich wollte etwas machen, das man nicht von mir erwartet“, erklärt die 64-Jährige. Diesen Ratschlag habe ihr Karl Lagerfeld geben.

„Er sagte: ,Madame Roitfeld, machen Sie niemals Dinge, die man von ihnen vermutet.‘ Sollte ich also eines Tages eine Modelinie herausbringen, mache ich ganz sicher keine schwarzen Bleistiftröcke.“ Man darf gespannt sein.

Von Estelle Marandon

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