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Panorama Campingplatz-Missbrauch: Die Chronologie des Versagens
Nachrichten Panorama Campingplatz-Missbrauch: Die Chronologie des Versagens
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20:46 13.04.2019
Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) spricht von „Polizeiversagen“ Quelle: Christophe Gateau/dpa
Lügde

Trotz mehrerer Hinweise bei Polizei, Ämtern und Kindesschutzbund dauerte die Missbrauchsserie auf dem Campingplatz in Lügde mehr als ein Jahrzehnt an.

Tausendfach soll der Hauptverdächtige Andreas V. mindestens 31 Kinder im Alter zwischen 4 und 13 Jahren sexuell missbraucht und die schweren Taten gefilmt haben. Eines der missbrauchten Mädchen lebte jahrelang als Pflegekind bei ihm auf dem Campingplatz.

Seit Beginn des Jahres werden in dem aufsehenerregenden Fall immer neue Behördenpannen bekannt. Sonderermittler sollen die Polizeiarbeit nun unter die Lupe nehmen, der Landrat will die Arbeit des Jugendamts überprüfen und die Staatsanwaltschaft ermittelt. Ein Blick in die Chronologie:

2008: Der erste bekannte Fall

Der Hauptverdächtige soll ein damals achtjähriges Mädchen auf dem Campingplatz im Kreis Lippe missbraucht haben. Erst zehn Jahre später wird Andreas V. festgenommen.

August 2016: Vater gibt Hinweise

Der Vater eines der vielen Opfer wendet sich an Polizei, Jugendamt und Kinderschutzbund. Die Polizei schaltet das Jugendamt ein, ermittelt aber nicht. Auch gibt es keinen Hinweis an die Staatsanwaltschaft.

November 2016: Trotz neuer Hinweise keine Ermittlungen

Eine Mitarbeiterin des Jobcenters Blomberg gibt der Polizei erneut Hinweise auf Äußerungen des Hauptverdächtigen, die auf sexuellen Missbrauch hindeuten könnten. Erneut reicht die Behörde den Hinweis nur an das Jugendamt weiter und verzichtet auf eigene Ermittlungen.

Ob die Hinweise im Jugendamt geprüft worden seien, kann der zuständige Landrat Tjark Bartels (SPD) nicht sagen. In einem Antwortschreiben des Landkreises an den WDR aus dem Jahr 2017 hieß es jedoch: „Alle drei Behörden sind (...) zu dem Ergebnis gekommen, dass hier keine Gefährdung (...) vorliegt“. Das Jugendamt steht heute unter anderem in der Kritik, weil es die achtjährige Pflegetochter trotz der Hinweise bei V. unterbringen ließ.

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November 2018: Festnahme des Hauptverdächtigen

Nach einem erneuten Hinweis wird der Hauptverdächtige schließlich festgenommen. Der 56-jährige Arbeitslose sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Im Januar nimmt die Polizei zwei weitere Verdächtige fest. Ein 33-Jähriger aus Steinheim soll am Missbrauch direkt beteiligt gewesen sein. Im Wechsel mit V. soll er gefilmt und Kinder missbraucht haben. Ein 48-Jähriger aus Stade in Niedersachsen soll Material bestellt und per Videoübertragung Missbrauch beobachtet haben.

30. Januar 2019: Weitere Dienststellen schalten sich ein

Die zuständige Polizei Lippe und die Staatsanwaltschaft Detmold berichten in einer ersten Pressekonferenz über den tausendfachen Missbrauch der Opfer. Wegen der Dimension des Falles übernimmt die Polizei in Bielefeld die Ermittlungen. Weitere Beamte auch aus anderen Polizeipräsidien werden hinzugezogen.

Staatsanwaltschaft und Polizei geben eine erste Pressekonferenz – das Medieninteresse ist groß. Quelle: Friso Gentsch/dpa

Anfang Februar 2019: Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Beamte

Die Staatsanwaltschaft Detmold ermittelt auch gegen Polizeibeamte und Mitarbeiter der Jugendämter in Lippe und Hameln. Dabei geht es um die Frage, ob Hinweise missachtet wurden. „Wir prüfen jetzt, ob die Polizei nicht weitere Schritte hätte einleiten müssen“, sagt Staatsanwalt Ralf Vetter. Der Landrat Hameln-Pyrmont hat eine umfassende Aufklärung der Jugendamtsarbeit angekündigt.

19. Februar: Jugendamt stellt Mitarbeiter frei

In der Akte der Pflegetochter von Andreas V. soll ein Vermerk nachträglich hinzugefügt und rückdatiert worden sein. Der Landkreis Hameln reagiert und stellt einen Mitarbeiter des Jugendamtes frei. In die Kritik geraten war das Jugendamt des Kreises Hameln, weil es den heutigen Hauptverdächtigen, der auf dem Campingplatz wohnte, als Pflegevater eingesetzt hat. Dies soll der Wunsch der Kindesmutter gewesen sein.

Tjark Bartels (SPD), Landrat des Kreises Hameln-Pyrmont, spricht bei einer Pressekonferenz im Kreishaus. Quelle: Julian Stratenschulte/dpa

21. Februar: Datenträger mit Beweismaterial verschwunden

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) räumt ein, dass insgesamt 155 Datenträger Beweismaterial, die in der Wohnung von Andreas V. sichergestellt wurden, seit Wochen verschwunden seien. Dass auf den CDs und DVDs kinderpornografisches Material enthalten ist, sei nicht auszuschließen. Die Staatsanwaltschaft geht nicht davon aus, dass die Daten entwendet wurden, schließt die Möglichkeit aber nicht aus. Ein Sonderermittler mit vier Mitarbeitern des Landeskriminalamts soll jetzt den Verbleib der Datenträger klären.

22. Februar: Leitender Beamter entlassen

Die Behörden geben bekannt, dass das Beweismaterial des Falles zur Sichtung an einen Kommissaranwärter gegeben wurde. „Dieses Vorgehen verstößt zwar nicht gegen Dienstvorschriften, ich halte es aber trotzdem für unverantwortlich - gerade in einem derart anspruchsvollen und sensiblen Fall“, sagte Innenminister Reul der „Rheinischen Post“. Die Sonderermittler prüfen nun auch den Einsatz des Polizeianwärters.

Zudem wird ein leitender Kriminalbeamter suspendiert. Der Leiter der zuständigen „Direktion K“ habe ihn zu spät über die verschwundenen Beweismittel in dem Fall informiert, sagte der Behördenchef und Landrat Axel Lehmann (SPD). Es habe eklatante Fehlleistungen bei der Polizei gegeben.

19. März: Frühe Hinweise auf Pädophilie

Das zuständige Jugendamt Hameln-Pyrmont soll bereits früh Hinweise darauf gehabt haben, dass Andreas V. pädophil sein könnte. Das bestätigte Landrat Tjark Bartels Mitte März. Die Hinweise hätten laut Bartels ein Einschreiten erforderlich gemacht – doch die zuständigen Betreuer hätten keine Gefährdung des Kindeswohls erkannt. Bartels entschuldigte sich erstmals bei den Opfern.

4. April: Weiterer Fall in Bad Oeynhausen

Anfang des Monats wird bekannt, dass es 2017 offenbar weitere Behördenfehler in einem ähnlichen Fall gegeben hat. Wie bekannt wurde, stand ein Heilpraktiker aus Bad Oeynhausen im Verdacht, in seiner Praxis pornografische Aufnahmen von Kindern gemacht zu haben. Auch damals reagierten Polizei und Staatsanwaltschaft erst ein halbes Jahr nach den ersten Hinweisen. Laut Innenminister Reul erfolgte die Festnahme aus „ermittlungstaktischen Gründen“ erst später. Mittlerweile befindet sich der 60-jährige Verdächtige in Untersuchungshaft.

12. April: Polizei findet weitere Datenträger

Trotz umfangreicher Suchmaßnahmen der Polizei zu Beginn des Jahres, sind Mitarbeiter eines Abrissunternehmen bei ihren Arbeiten auf weitere Datenträger gestoßen. Das Material – bestehend aus drei CDs und zwei Disketten – befand sich in einem doppelten Boden, wie WDR, NDR und Süddeutsche Zeitung berichteten. Was sich darauf befindet, ist noch nicht bekannt.

Von RND/Mila Krull/dpa

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