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Panorama „Brigitte“ verbannt „Hungerhaken“ aus der Zeitschrift
Nachrichten Panorama „Brigitte“ verbannt „Hungerhaken“ aus der Zeitschrift
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19:47 09.10.2009
Von Christiane Eickmann
Ab 2010 will die „Brigitte“ bei eigenen Mode- und Kosmetikproduktionen auf professionelle Models verzichten.
Ab 2010 will die „Brigitte“ bei eigenen Mode- und Kosmetikproduktionen auf professionelle Models verzichten. Quelle: afp
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Das Ganze ist keineswegs die behauptete „Revolution“, sondern ein ziemlich gut ausgeklügelter PR-Coup. Schließlich verzichtet beispielsweise die „Freundin“ bereits seit Jahren auf magere Models, und die „Brigitte“ selbst hat mit ihren beliebten „Vorher – Nachher“- und „Mutter – Tochter“-Fotostrecken seit ihrer Gründung 1955 immer wieder ganz normale Frauen ins Blatt gehoben.

Doch immerhin schalten sich die „Brigitte“-Chefredakteure Andreas Lebert und Brigitte Huber aus dem kriselnden Verlagshaus „Gruner + Jahr“ in eine Diskussion ein, die seit einigen Jahren um die Auswüchse des Schlankheitswahns in der Modebranche kreist. Einer Branche mit immer absurderen Idealvorstellungen eines weiblichen Körpers.

Mit welchen Forderungen und Lebensbedingungen die Mädchen (die meist gebuchten Models sind mittlerweile unter 20) der Glamourwelt zu kämpfen haben, hat das Model Crystal Renn in ihrem jüngst auch auf Deutsch erschienenen Buch „Hungry“ („Hungrig“) beschrieben. Renn, die mit 14 entdeckt wurde, bekam eine große Karriere versprochen. Einzige Bedingung: Sie müsse abnehmen. Denn Renn hatte einen Hüftumfang von 109 Zentimetern, der Durchschnitt in der Branche beträgt 86.

Die US-Amerikanerin hungerte sich innerhalb von drei Monaten auf 45 Kilo runter und repräsentierte nun die vor allem in den USA so beliebte „Size Zero“, die ungefähr der deutschen Konfektionsgröße 32 entspricht. Bis zu ihrem 17. Lebensjahr aß Renn vor allem gedünstetes Gemüse und schluckte Diätpillen. Die Knochen der jungen Frau stachen unter ihrer papierdünnen Haut hervor, sie bekam Herzrasen, chronische Verstopfung und war so schwach, dass sie ohnmächtig wurde, wenn sie weite Strecken gehen musste. Renn nahm diese Alarmzeichen ernst und begann wieder zu essen. Mittlerweile wiegt die 1,75 Meter große 23-Jährige gesunde 75 Kilo, trägt Konfektionsgröße 42 und ist eines der wenigen erfolgreichen Models mit Normalmaßen.

Doch Renn ist eine Ausnahme. Viele ihrer Kolleginnen hungern und hungern, selbst wenn ihre Körper rebellieren, aus Angst, andernfalls keine Aufträge mehr zu bekommen. Das brasilianische Model Ana Carolina Reston beispielsweise starb im November 2006 an den Folgen ihrer Magersucht. Vor allem ihr Tod löste die weltweite Debatte um Sinn und Unsinn der klapperdürren, knochigen Frauen aus. Erste Versuche wurden gestartet, um gegen das ungesunde Schönheitsideal vorzugehen. Die Veranstalter der Haute-Couture-Schauen in Madrid und Mailand beispielsweise begannen Mädchen nach Hause zu schicken, deren Body-Mass-Index unter 18 liegt, die somit medizinisch gesehen als untergewichtig gelten. 2008 stellte die deutsche Gesundheitsministerin Ulla Schmidt eine „Charta gegen Schlankheitswahn“ vor. Im Juni schließlich wandte sich zum Erstaunen der Branche gar die Chefin der britischen „Vogue“, Alexandra Shulman, in einem Brandbrief an die großen Modehäuser und ihre Designer. Sie sollten aufhören, Kleider an die Redaktionen zu schicken, die nur noch von heruntergehungerten Frauen ohne Hüften und Busen getragen werden könnten. Zuletzt startete auch die Londoner Modewoche eine „Kampagne gegen Magermodels“.

Ein Ende des Schlankheitswahns haben all diese Maßnahmen indes nicht bewirkt. Denn die einflussreichsten Protagonisten der Mode- und Glitzerwelt – die Chefin der US-„Vogue“, Anna Wintour ,und die Verantwortlichen der Pariser Modeschauen – verweigern sich der Debatte. Und pubertierende, magersuchtgefährdete junge Frauen, die sich in eine Traumwelt flüchten, lesen nun mal eher die schillernde „Vogue“ als die bodenständige „Brigitte“. Auch betonten Inhaber von Modelagenturen und Chefredakteurinnen anderer Frauenzeitschriften als Reaktion auf den „Brigitte“-Vorstoß, dass Mode nun mal an schlanken Frauen besser aussähe.

Hinzu kommt, dass Schauspielerinnen und Sternchen wie Victoria Beckham, Paris Hilton, Keira Knightley und Lindsay Lohan „Size Zero“ tragen und damit zahlreichen magersüchtigen jungen Mädchen als Vorbildern dienen. Auch in deutschen „Pro-Ana“-Foren im Internet werden Bilder von Knightley oder Mary-Kate Olsen begeistert kommentiert. „Pro-Ana“ steht dabei für „Pro Anorexia nervosa (Magersucht)“.

Die medial viel bejubelten Auftritte der übergewichtigen Sängerin Beth Ditto bei Modeschauen des deutschen Designers Karl Lagerfeld sollten ebenfalls nicht überbewertet werden. Ditto ist wie ihre verhungert aussehenden Kolleginnen ein Zerrbild des durchschnittlichen Frauenkörpers und dürfte eher wegen des „Freak“-Faktors im Modezirkus gebucht werden. Denn derselbe Lagerfeld, der Ditto einkleidete, sagte jüngst in der Talkshow von Johannes B. Kerner: „Ab Größe 42 ist es keine Mode mehr, da zieht man sich an. Im Grunde muss es 34 sein.“

Bleibt vielleicht die Hoffnung auf – in diesem Punkt – positive Auswirkungen der weltweiten Wirtschaftskrise. Denn ein übersteigertes Schlankheitsbild galt stets (wie zum Beispiel in den Goldenen Zwanzigern) als Ausdruck von Wohlstand und Luxus. Und wenn wie jetzt Wohlstand und Luxus schwinden, gilt es vielleicht bald wieder als chic, gesund und wohlgenährt auszusehen.

Crystal Renn: „Hungry. Ich wollte essen. Aber ich wollte auch in der Vogue sein.“ Heyne Verlag, 256 Seiten, 17,95 Euro.