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Panorama Brandzeichen bei Pferden sollen verboten werden
Nachrichten Panorama Brandzeichen bei Pferden sollen verboten werden
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11:37 22.03.2011
Um den sogenannten Schenkelbrand tobt seit Jahren heftiger Streit zwischen Reiterlobby und Tierschützern.
Um den sogenannten Schenkelbrand tobt seit Jahren heftiger Streit zwischen Reiterlobby und Tierschützern. Quelle: dpa
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Traditionspflege beginnt mit einem Bunsenbrenner. Wenn Brennmeister Michael Müller einem Pferd ein Zeichen verpassen will, hält er den Stab eine Minute lang in die Stichflamme. „Es muss glühend heiß sein.“ Müller ist heute in einem Stall in Osnabrück zu Gast. Neben dem dreieinhalb Wochen alten Fohlen, um das es geht, steht die Mutterstute, zur Beruhigung. Der Routinier streichelt das Jungtier über den rasierten Schenkel, setzt an. Einen kurzen Moment, kaum eine Sekunde, drückt er das Eisen auf die zarte Haut. Eine Flamme sticht hoch, Haar brennt weg, es qualmt. Das Pferdchen lässt keine Unruhe erkennen. Das schwarze Fohlen wird nun für immer die Zahl “06“ und ein Verbandswappen tragen. In diesem Jahr ist es das erste Tier für Brennmeister Müller. Vielleicht wird er bald schon das letzte Mal einem Pferd den Stempel aufdrücken.

Denn um den sogenannten Schenkelbrand tobt seit Jahren heftiger Streit zwischen Reiterlobby und Tierschützern. Brandzeichen sind für Pferdebesitzer ein sinnvoller Brauch, der vor Diebstählen schützt und den Pferdehandel erleichtert. Tierschützer kämpfen dagegen vehement für ein Verbot. „Weil es mit Verbrennungen dritten Grandes und eine Verbrennung dritten Grades mit Schmerzen verbunden ist“, sagt Elke Deininger. Sie ist Tierärztin der Akademie für Tierschutz in München.

Und die Brandzeichen-Gegner waren noch nie so nahe am Ziel. Der Bundesrat hat im Oktober beschlossen, dass Deutschland dem Beispiel Dänemarks folgen und Schenkelbrand verbieten soll. Das Haus von Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) unterstützt den Vorstoß und arbeitet an einer entsprechenden Änderung des Tierschutzgesetzes. Dort gibt es bislang eine Ausnahmeklausel, die den Brauch duldet - nicht etwa bei Hunden, aber bei Pferden.

Die Pferdezüchter sind sauer. Ihre Speerspitze - die Deutsche Reiterliche Vereinigung im westfälischen Warendorf - wehrt sich gegen die Vorwürfe der Schinderei. „Pferdezüchter sind keine Tierquäler“, erklärte Verbandspräsident Breido Graf zu Rantzau kürzlich in einer erbosten Reaktion. „Der Schenkelbrand ist keine mittelalterliche Methode und hat sich über Jahrhunderte zur Identifikation bei Pferden bewährt.“ Ulrich Hahne vom Hannoveraner-Verband ist ähnlicher Meinung. Er hält die Methode für „eine sichere Kennzeichnung, die nicht manipulierbar ist, die international Gültigkeit hat und international ohne technische Hilfsmittel erkannt werden kann“. Ein Durchschnittspferd wird in seinem Leben mindestens dreimal verkauft.

Brandzeichen-Gegner sehen die Kennzeichnung durch einen Transponderchip als deutlich tierfreundlicher an. Mit einer Kanüle wird das winzige elektronische Hilfsmittel in den Halsmuskel der Fohlen eingepflanzt. Der Chip hat eine 15-stellige Nummer, die ein Lesegerät identifizieren soll. Kritiker aus den Reihen der Reiter halten die Elektronik für unsicher. Laien könnten den Chip nicht lesen, anfällig für Fälschungen sei er auch, sagen die Züchter vom Hannoveraner-Verband. Zudem werde das Tier am Hals nicht stillhalten. Die Prozedur bedeute also mehr Stress für das Fohlen als das Brennen.

Seit fast zwei Jahren ist der Transponder europaweit Pflicht. Der Glaubenskrieg hat für die meisten Pferde kuriose Folgen. Denn zurzeit müssen die Rösser doppelt herhalten. Ihnen wird nicht nur ein Zeichen aufgebrannt, sondern auch der Chip in den Hals gestochen.

dpa