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Panorama Aretha Franklin – Die Königin ist tot
Nachrichten Panorama Aretha Franklin – Die Königin ist tot
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17:08 16.08.2018
Aretha Franklin, hier bei der Inauguration von US-Präsident Bill Clinton 1993.
Aretha Franklin, hier bei der Inauguration von US-Präsident Bill Clinton 1993. Quelle: AP
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Detroit

Es war nicht einmal ihr eigener Song, der sie mit einem Schlag auf beiden Seiten des Atlantiks berühmt machte. Aber Aretha Franklin sang das Lied so, als entstünde es aus der Leidenschaft ihres augenblicklichen Empfindens. Auf ihrer Coverversion von Otis Reddings „Respect“ klang sie im Februar 1967 wie ein Vulkan kurz vorm Bersten. Es war der erste Nummer-Eins-Hit der in Memphis, Tennessee, geborenen, damals 24-jährigen schwarzen Sängerin, die bereits zehn Jahre davor ihre erste Gospelplatte aufgenommen hatte.

Eine Ansage in Musik gegen männliche Unterdrückung. Kämpferisch war die füllige Aretha Louise Franklin, die Tochter eines Priesters und einer Sängerin, zeitlebens gewesen. Ihren letzten Kampf gegen den Krebs focht sie seit 2010. Gestern verlor ihn die 76-jährige Queen of Soul im Kreis ihrer Familie in ihrem Haus in Detroit, Michigan.

Dass sie damals „Respect“ einforderte, ihn laut als „R-E-S-P-E-C-T“ buchstabierte, war befreiend für die schwarzen Frauen Amerikas. Plötzlich war aus Reddings typischer Machonummer eines Sängers, der Hingabe von seinem Weib verlangt, etwas völlig anderes geworden. Das Lied einer Frau, die gegenhält, ein dynamisch gospeliges Gleichberechtigungspostulat. Die Feministinnen hoben Franklin, die mit 14 zum ersten Mal Mutter geworden war, prompt auf ihr Schild. Und dann wurde ihre Version auch noch eine der großen Hymnen der Bürgerrechtsbewegung: Denn „Respect“ – das war auch die Minimalforderung der unter Leitung von Dr. Martin Luther King friedlich demonstrierenden Schwarzen im vom Rassismus durchschwärten amerikanischen Süden.

Möglich wurde Franklins Erfolg freilich durch einen Mann. Nachdem die Plattenfirma Columbia die Kraft Arethas jahrelang mit ratlos wirkenden Schubladenwechseln vergeudet hatte, begriff Jerry Wexler, Produzent bei Atlantic Records, ihre Größe auf Anhieb. Er setzte die virtuose Pianistin 1966 ans Klavier, scharte Bläser und Sängerinnen um sie und ließ ihre Musik nicht wie üblich vorfertigen sondern die Songs gemeinsam mit den Musikern in Sessions entstehen. Schlagzeuger Roger Hawkins war verblüfft: „Ich hatte nie erlebt, dass aus einem Menschen so viel Feeling kommen kann.“

Aretha Franklin war die Stimme des Soul und des Gospel in den USA – und sie war als Bürgerrechtlerin die Stimme der Gerechtigkeit für Unterdrückte aller Couleur.

Bis 1971 hatte Franklin Hits. Am berühmtesten war noch 1967 „(You Make Me Feel Like A) Natural Woman“, in dem die tiefgläubige Sängerin erst Gott dann dem Geliebten dankt für seine respektvolle Liebe. Und natürlich „Think“, von Franklin selbst geschrieben, in dem sie im Jahr darauf „Freiheit“ für alle Menschen, insbesondere Frauen, für möglich hielt, wenn nur alle bei ihrem täglichen Handeln das Denken einschalten würden. Die Tochter eines Predigers und einer Sängerin, die mit Gesangssoli in der Baptistenkirche ihres Vaters angefangen hatte, überquerte Grenze zum weißen Pop, sang „Eleanor Rigby“ von den Beatles und „Satisfaction“ von den Rolling Stones. Mit dem Verblassen der Rassenthematik wurde es in den Siebzigerjahren dann ruhiger um sie. Vorläufig.

Der Film „Blues Brothers“ leitete 1980 das Comeback der Soulkönigin ein. Und ab Mitte der Achtzigerjahre kehrte sie in den Charts zu ihrem alten Thema zurück. Mit Eurythmics-Sängerin Annie Lennox zog sie 1985 zum mitreißenden „Sisters Are Doing It for Themselves“ positive Zwischenbilanz von Women’s Lib. Und der britische Popstar Georg Michael sang 1987 mit Aretha sein „I Knew You Were Waiting for Me“.

Ganz Europa wartete auf sie. Aber sie kam nie. Aus Flugangst tourte Aretha ab 1984 nur noch in Nordamerika. Und wurde in den Neunzigern zum Objekt der Klatschspalten: unglückliche Bühnengarderoben, ausgefallene Konzerte, Alkohol, Fresssucht, Übergewicht und Diäten. Die erste Frau, die in die Rock’n’Roll-Hall-of-Fame aufgenommen wurde, wirkte wie eine Karikatur ihrer selbst, der Klatsch überdeckte ihre Bedeutung. Und die R-&-B-Prinzessinnen übernahmen die Herrschaft: von Whitney Houston über Lauryn Hill bis Beyoncé Knowles.

Am Montag hatte ihre Familie (sie hat vier Söhne aus zwei Ehen) die Fans noch um Beistand gebeten. Gegen den Krebs konnten die Gebete nicht mehr helfen. Aber sie waren ein Geleit. Die Seele der Queen of Soul ist unterwegs.

Von Matthias Halbig/RND