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21:53 27.11.2014
Foto: „Alles soll schön sein – selbst hässlich soll schön sein“ heißt es in dem YouTube-Video „Ich bin #nichtschön“.
„Alles soll schön sein – selbst hässlich soll schön sein“ heißt es in dem YouTube-Video „Ich bin #nichtschön“. Quelle: Screenshot
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Direkt, loyal, orientalisch, awesome, überdreht, herzlich – mit all diesen Adjektiven können sich die Frauen identifizieren, die sich in einem YouTube-Video gegen die Dominanz von Äußerlichkeiten im Internet aussprechen. Nur hübsch wollen sie nicht sein, das macht der Hashtag #nichtschön unmissverständlich deutlich. Damit wollen die YouTuberinnen um Marie Meimberg dagegen protestieren, dass viele ihrer Videos Kommentare ernten wie „Der Lippenstift passt nicht“ oder „Die Haare sitzen schlecht“.

Im Video heißt es: „Egal was wir tun, immer geht es darum, ob wir dabei schön aussehen.“ Damit geißeln die Macherinnen das Primat des äußeren Erscheinungsbildes von Frauen in der Öffentlichkeit: Es ist größtenteils gesellschaftlich akzeptiert, dass Markus Lanz der Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht in seiner Talkshow zu ihrer Frisur gratuliert, dass bei Schwimmerin Franziska van Almsick oder Fechterin Britta Heidemann mehr Aufhebens um die Figur als um die sportliche Leistung gemacht wird. Und es kommt auch vor, dass eine Frau sich beim Spaziergang nicht vor Anmachsprüchen retten kann, wie kürzlich ein häufig geklicktes YouTube-Video belegte.

Marie Meimberg betreibt seit rund einem Jahr ihren Poetry-Slam-Kanal, den mehr als 30.000 Menschen abonniert haben. Viele ihrer Mitstreiterinnen geben in ihren YouTube-Sendungen Beauty-Tipps. Schön protestiert also gegen schön: Darauf zielen einige hämische Kommentare unter dem Protestvideo ab: „Da sitzen ungefähr ein Drittel Beauty-Bloggerinnen, die mega Kohle damit scheffeln, indem sie über nichts anderes reden als über Schönheit. Und jetzt beschweren sie sich, dass sie darauf reduziert werden“, kritisiert Chris B. Jeder locke die Abonnenten an, die zum jeweiligen Programm passten, schreibt ein Nutzer. Die meisten Anmerkungen sind jedoch positiv.

Derlei Kommentare und Klicks sind die Währung auf dem Marktplatz der Aufmerksamkeit, der YouTube ist. Im Februar 2015 wird die Plattform zehn Jahre alt. Sie erfüllt ganz unterschiedliche Funktionen, ist ein Kuriositätenkabinett von Pannenvideos bis Katzenfilmchen, hat als Musikportal Sendern wie MTV den Rang abgelaufen und wurde mit Lehrvideos zu einer Art digitalen Handarbeitsfibel. Zunehmend ist YouTube auch eine Plattform für Künstler, Komiker, Hobbyköche und Selbstdarsteller, die eine feste Fangemeinschaft um sich scharen und auf diese Weise ihren Lebensunterhalt bestreiten. Diese zunehmende Professionalisierung läuft dem ursprünglichen „Jeder-kann“-Gedanken entgegen und lässt die Ansprüche steigen. Der Unmut über enttäuschte Erwartungen schlägt sich oft in beißenden Kommentaren nieder.

In der Internetwelt wechseln sich „Meme“ genannte Phänomene wie „Gangnam Style“ über „Planking“ bis zur „Ice Bucket Challenge“ von Tag zu Tag ab. Wem es gelingt, einen solchen Hype zu erzeugen und die digitale Erregungsskala auszureizen, fördert damit den eigenen Marktwert. Das Video von Marie Meimberg und Co. fordert geradezu dazu auf, #nichtschön zum „neuen Shit“ zu machen, also zum Stichwort der Stunde. So handelt es sich nicht nur um einen neuen feministischen „Aufschrei“ im Netz, sondern auch um eine geschickte Marketingtechnik. „Die nächste Sau wird durch das mediale Dorf getrieben – #nichtschön, parodiert die Kommentatorin Nina Voncken.

Die größte Schwachstelle des Videos ist vielleicht, dass die Mitspielerinnen durch die Bank gängigen Schönheitsidealen entsprechen, wie einige Userinnen kritisch anmerken. Es ist dabei ein bisschen so wie mit den „Nichtlustig“-Cartoons. Die sind nämlich meistens ziemlich lustig. Indem die YouTuberinnen sich selbst als „nicht schön“ bezeichnen, erobern sie sich immerhin die Deutungshoheit über ihr eigenes Auftreten zurück.

Nina May

Bekannte YouTube-Stars

Das Comedy-Trio Y-Titty betreibt mit rund drei Millionen Abonnenten und mehr als 600 Millionen Videoaufrufen einen der meistabonnierten YouTube-Kanäle aus Deutschland. Y-Titty setzen sich auch als Autoren des analog erhältlichen Buches „YOLO“ parodistisch mit Medienphänomen auseinander.

Der 23-jährige Michael Buchinger aus Wien ist für seine Hasslisten berüchtigt, in denen er am Ende der Woche die Ärgernisse der zurückliegenden Tage zusammenfasst: dumme Menschen, Rote Bete, sinnlose Fragen. Damit erreicht der Anglistik-Student derzeit rund 38.000 Abonnenten.

Im analogen Leben heißt sie Nilam Farooq, im Internet ist die 25-jährige Berlinerin als Daaruum bekannt. Die Beauty- und Lifestylebloggerin schart 890 000 Abonnenten um sich. Am Berliner Hauptbahnhof wirbt derzeit ein Plakat mit ihrem Gesicht für YouTube. Die Schauspielerin fing mit Schminktipps an, einem der beliebtesten Genres auf YouTube.

Eine ganze Familie geht ins Netz: Nicht nur die Geschwister Sami, Lamiya und Dounia Slimani drehen Videos und haben Gastauftritte in den YouTube-Kanälen ihrer Geschwister, auch ihre Mutter sammelt bei Twitter eifrig Follower.

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