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Medien & TV 15 Jahre und kein bisschen weiser
Nachrichten Medien & TV 15 Jahre und kein bisschen weiser
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17:38 16.10.2014
Von Imre Grimm
Foto: Seit 15 Jahren stellt Günther Jauch Deutschland Fragen. Fast 30.000 hat er in 1164 Sendungen vorgelesen, natürlich hält ihn das Land längst für klüger, als er in Wahrheit ist.
Seit 15 Jahren stellt Günther Jauch Deutschland Fragen. Fast 30.000 hat er in 1164 Sendungen vorgelesen, natürlich hält ihn das Land längst für klüger, als er in Wahrheit ist. Quelle: dpa
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Köln

Er hat sie alle gesehen. Die Schlauen, die Blender, die Träumer, die Simulanten, die Möchtegerns, die stillen Wasser, die armen Hascherl, die Pöbler. Sie saßen alle vor ihm, Phänotypen des deutschen Alltags – wimpernklimpernd, abgezockt, anmaßend, aufgeregt, anbiedernd und immer sehr, sehr allein. Denn Günther Jauch verteilt seine Gunst nach Gutdünken.

Er hilft nicht jedem in Not, nicht doch, schon gar nicht den Schlimmen, den Lauten, die ihn selbst herauszufordern versuchen („Sie wollen mich doch nur verunsichern!“), den Überdrehten („Ich gehöre ins Fernsehen“) oder den überforderten Frauen mit den bunten Fingernägeln, die ihn bezirzen wollen („Och, Herr Jauch, was meinen Sie denn?“). Er hasst das, wenn ihn wieder eine Vorstadtdiva um den Finger zu wickeln versucht. Nicht minder hasst er Hybris auf dünner Faktenbasis. Er kann dann sehr schmallippig werden. Und das Spiel ist schnell vorbei. Tja, schade, Pech gehabt, da geht’s raus, danke.

TV-Tipp

RTL feiert den 15. Geburtstag von „Wer wird Millionär?“ Freitagabend um 20.15 Uhr in
einer dreistündigen Sonderausgabe mit 100 Kandidaten und neuen Regeln.

Seit 15 Jahren stellt Günther Jauch Deutschland Fragen. Fast 30.000 hat er in 1164 Sendungen vorgelesen, natürlich hält ihn das Land längst für klüger, als er in Wahrheit ist. 2351 Kandidaten saßen ihm gegenüber. Der Älteste, Karlheinz Reher (86) aus Aumühle bei Hamburg, gewann im Februar gerade 125.000 Euro. Er will jetzt mit den Hurtigruten-Postschiff zum Nordkap und seine Regenrinne reparieren.

„Wer wird Millionär?“ („WWM“) gehört zum modernen TV-Antiquariat. Es kam einiges zusammen, als die Show ihren weltweiten Siegeszug antrat – und nirgends auf so fruchtbaren Boden fiel wie 1999 in Deutschland: die bildungsbürgerliche Lust am Besserwissen, das psychologisch hochspannende 1:1-Duell in Zeiten sich verschärfender Konkurrenzkämpfe in Wirtschaft und Gesellschaft. Und natürlich der soziale Abwärtsvergleich, das Bedürfnis einer verunsicherten Mittelschicht, sich wenigstens per Faktenwissen nach unten abzugrenzen – von niemandem besser verkörpert als vom Erfurter Hochschullehrer, Schachfan und Mittelalterexperten Professor Eckhard Freise, der am 2. Dezember 2000 Jauchs erster Millionengewinner wurde. Wenige Monate später bescheinigte ihm die RTL-Show „Der große IQ-Test“ einen Intelligenzquotienten von 132. Im ZDF trat er bei „Der Super Champion“ auf, in der ARD dann bei „Die Show der unglaublichen Helden“. Reiche kann das Land nicht leiden, Schlaue dagegen schon, so lange sie nicht bitte schön zusätzlich auch noch attraktiv sind.

Es geht natürlich gar nicht um Bildung auf Jauchs blauem Drehstuhl, nicht um Klugheit oder intelligente Verknüpfung, eher um Zockerstrategien, Mut und Glück. Die ersten fünf Fragen sind ohnehin nur semantischer Entertainmentschnickschnack aus der Wortspielhölle („Wer schnell läuft, gibt ... A: Ballenkohle, B: Hackenzaster, C: Fersengeld oder D: Zehenkapital“). Das kann man der Sendung nicht vorwerfen, es ist ihr Markenkern, aber dass Quizsendungen ihre Zuschauer klüger machen, ist  eine anachronistische Fehlerwartung manchen Gesellschaftskritikers.

„Das Spiel mit dem Wissen hat Unterhaltungswert“, sagt Elke Völmicke (49), Geschäftsführerin des Bonner Talentförderzentrums Bildung & Begabung, „aber Bildung ist hier nur ein Vehikel“. Aus der Pädagogik ist die „Bloomsche Taxonomie“ nach Benjamin Bloom bekannt. Danach ist das „Faktenwissen“ nur die unterste von insgesamt sechs Stufen zum Lernerfolg. Es folgen noch „Verstehen“, „Anwenden“, „Analyse“, „Synthese“ und „Bewertung“. Erst dann ist ein Lerninhalt wirklich gelernt.

Ein TV-Quiz kann ein Land also nicht klüger machen. Und dass auch Geld kein Glück bedeutet, zeigen diverse traurige Gewinnergeschichten. Gerade starb, mit nur 60 Jahren, Marlene Grabherr, Jauchs erste Millionärin. Nach dem Sieg 2001 lebte die arbeitslose Hausfrau in Saus und Braus, verschenkte hohe Summen und war 2010 pleite und krank („Mir ist nichts geblieben“). Das Glamourversprechen, das „WWM“ gibt, endet mit dem Glitzerkonfetti nach der Millionenfrage.

Es sehen schon lange nicht mehr regelmäßig zehn Millionen Menschen zu. Die ganz große Leidenschaft ist abgeklungen, Quiz ist überall, auf dem Smartphone und in jedem Dritten Programm, wo biedere Herren die längsten Flüsse Hessens abfragen. Die „WWM“-Quote lag 2013/2014 bei 5,86 Millionen Zuschauern, aber der Marktanteil von 18,4 Prozent liegt eben noch immer weit über dem Senderschnitt. Er werde weitermachen, sagte Jauch gestern, „solange Menschen Spaß daran haben, anderen beim Gewinnen oder Scheitern zu zusehen“. Es gibt kein Anzeichen dafür, dass diese Lust versiegt.

„WWM“ in Zahlen

Die Preisgelder: Rund 89 Millionen Euro erspielten die Gewinner bisher, pro Sendung sind das im Schnitt 77 000 Euro. Der Gewinn pro Kandidat liegt im Schnitt bei 36 000 Euro. Acht Millionäre gab es bisher, dazu gewannen Oliver Pocher, Thomas Gottschalk und Barbara Schöneberger in Prominentenausgaben den Höchstpreis. Außerdem wurden 57 „Halbmillionäre“ verbucht. 22 Kandidaten gingen mit null Euro nach Hause.

Der erste Millionär: Professor Eckhard Freise aus Münster wusste im Dezember 2000, wie der Sherpa des Mount-Everest-Erstbesteigers Edmund Hillary hieß (Tenzing Norgay) und kaufte sich eine Doppelhaushälfte. Er wurde noch in Mark ausbezahlt.

Der tiefste Sturz: François Pütz aus Braunschweig beantwortete 2008 die Frage „Wer stellte vor rund 150 Jahren ein Kondom aus Gummi her?“ falsch und sagte John Dunlop statt Charles Goodyear – Er fiel von 500 000 auf 500 Euro zurück. 2009 ging eine Kandidatin erstmals mit vier ungenutzten Jokern nach Hause.

Der Coolste: Millionengewinner Ralf Schnoor leistete sich 2010 den Luxus, bei der letzten Frage seinen Telefonjoker in einen Small Talk zu verwickeln. Die Antwort stand für den hannoverschen Gastronomen schon längst fest.

Blackouts: Gab es mehrere, einen der heftigsten erlebte Kandidat Christian Mauer aus Ludwigsfelde. Er wusste nicht, wofür der Begriff „Oheim“ steht. Statt „Onkel“ entschied er sich für das „Obdachlosenheim“ – und schied aus.

Die Wartezeit: Wer im Studio sitzen will, muss Geduld aufbringen: Die Wartezeit für ein Ticket beträgt derzeit 3,5 Jahre. 285 000 Menschen haben sich auf die Liste der Produktionsfirma Endemol setzen lassen.

Die häufigste Lösung: „Spanien“ war die häufigste richtige Antwort in den ersten 1000 Folgen von „WWM“. Sie kam bisher 17-mal vor.

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