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Medien & TV „Wir sind nicht auf Klicks angewiesen“
Nachrichten Medien & TV „Wir sind nicht auf Klicks angewiesen“
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00:18 20.06.2015
Von Marina Kormbaki
Trümmerfeld nach Absturz von MH17
Trümmer des Fluges MH17: Für die Recherchen zum Thema könnte „Correct!v“ am Donnerstag mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet werden. Quelle: dpa / Ivo Mayr
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Herr Grill, was unterscheidet Ihre „Correct!v“-Redaktion von den Redaktionen deutscher Tageszeitungen und Magazine?
Wir sind anders. Erstens sind wir bei der Veröffentlichung unserer Geschichten nicht festgelegt auf ein Medium. Sie erscheinen in Tageszeitungen, als Multimediareportagen im Internet oder auch im Fernsehen. Zweitens gibt es bei uns kein Politik-, Wirtschafts- und Sportressort - die Recherchen verlaufen quer zu solchen Zuständigkeitsbereichen. Und drittens nehmen wir uns die Zeit für gründliche, langwierige Recherchen. Wir sind nicht aktualitätsgetrieben, sondern bleiben langfristig an Themen.

Wie finanziert sich Ihr Recherchebüro?
Wir sind eine gemeinnützige GmbH. Unsere Gründung hat die Essener Brost-Stiftung großzügig finanziert - Anneliese und Erich Brost waren die Gründer der „Westdeutschen Allgemeine Zeitung“, und die Verwalter ihres Erbes finden unsere Idee sympathisch. Die Brost-Stiftung ermöglicht uns große Unabhängigkeit. Zugleich werben wir aber auch um Mitgliedsbeiträge und Spenden bei unseren Nutzern und Lesern. Gerade erst haben wir im Internet eine projektbezogene Crowdfunding-Aktion gestartet: Wenn wir 5000 Unterstützer finden, bauen wir ein Team auf, das sich nur mit dem Thema Klimawandel befasst.

Die „Correct!v“-Redaktion betont gern ihre Unabhängigkeit - mangelt es den anderen an Unabhängigkeit?
Nein, das ist damit nicht gemeint. Wir haben das große Privileg, durch unsere Finanzierungsform unabhängig von Anzeigenkunden zu sein; niemand kann uns bei unliebsamer Berichterstattung mit einem Anzeigenboykott drohen. Außerdem sind wir nicht auf den Verkauf am Kiosk oder auf Klickzahlen angewiesen, wir müssen daher nicht bunt und knallig und mit niedlichen Tierbildern rüberkommen.

„Correct!v“ - schwingt im Namen nicht doch ein bisschen Besserwisserei mit oder zumindest das Streben um Abgrenzung von den klassischen Medien?
Besserwisserei sicher nicht. Aber unser Projekt trägt schon dem Eindruck vieler Menschen Rechnung, dass die klassischen Medien sehr einförmig berichten. Nehmen Sie das Bild vom G-7-Gipfel, auf dem Kanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Barack mit ausgebreiteten Armen zu sehen sind - fast alle Tageszeitungen, überregionale und regionale, brachten das Bild in der vergangenen Woche auf ihre Titel. So etwas nährt den Eindruck, dass überall das Gleiche zu lesen ist. Wir halten mit einer eigenständigen Wahl von Themen dagegen, von denen wir glauben, dass sie die Menschen jetzt und in Zukunft betreffen werden.

Was sind das für Themen?
Wichtig sind uns die soziale Ungleichheit, der Klimawandel, Pflege und Gesundheit. Zum Beispiel hat niemand so intensiv über multiresistente Keime berichtet wie wir. Unsere Rechercheergebnisse haben wir unter anderem mit der „Zeit“ und mit der Funke Mediengruppe als Themenserie veröffentlicht, kostenlos.

Sie stellen keine Rechnungen aus an Ihre Medienpartner?
Nein, weder an die Medienpartner noch an die Leser auf unserer Website. Unserem Selbstverständnis nach leisten wir mit unseren investigativen, kostenlos verfügbaren Reportagen einen Bildungsauftrag. Das erscheint uns besonders wichtig in einer Zeit, in der manche Medienhäuser Hintergrundrecherchen nicht mehr leisten können. Wir entziehen uns dem Markt, weil es der Markt nicht richten kann. Wir finanzieren uns stattdessen über freiwillige Spenden von Menschen, die unsere Arbeit wichtig finden. Vielerorts gibt es keine Lokaljournalisten mehr - da ist es umso wichtiger, die Bürger über ihre informationellen Rechte aufzuklären.

Damit aus Lesern Reporter werden?
Das Rollenverständnis wandelt sich. Viele Leute wollen nicht bloß Informationen konsumieren, sie wollen in der Lage sein, selbst an Informationen zu kommen. Wir bieten bundesweit Workshops an, in denen Bürger erfahren, wie sie sich selbst Informationen beschaffen können.

Interview: Marina Kormbaki

Zur Person

Markus Grill (47, Bild) ist Chefredakteur von „Correct!v“. Am Donnerstag haben er und sein Team gute Chancen auf einen Grimme-Online-Award. Denn das Recherchebüro „Correct!v“ ist gleich dreimal nominiert. Das Büro mit Hauptsitz in Essen ist in der Kategorie „Spezial“ nominiert, weil die Recherchen kostenfrei anderen Medien zur Verfügung stehen. In der Kategorie „Information“ ist die Vor-Ort-Recherche „MH17 – Die Suche nach der Wahrheit“ für einen Anward vorgeschlagen, zudem ist „Correkt!v“ am ebenfalls nominierten Informationsfreiheitsportal „FragDenStaat.de“ beteiligt. Grill war zuvor länger als Reporter tätig, unter anderem auch für den „Stern“ und bis vor einem Jahr für den „Spiegel“; Schwerpunkt seiner Berichterstattung waren dubiose Praktiken im Gesundheitswesen.

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